Der weis­se Stein der Wei­sen?

Bereits seit 2021 heben sich die beiden Mehrfamilienhäuser von Perraudin Archiplein von den umliegenden Bauten des neuen Wohnviertels Les Sciers in Plan-les-Ouates ab. Es waren seit Jahrzehnten schweizweit die ersten Gebäude aus tragendem Naturstein. Nun entstand ein weiteres Gebäude aus Stein für den sozialen Wohnungsbau am Ufer der Rhone.

Publikationsdatum
27-10-2025

Im Westen nichts Neues: Auch im Grossraum Genf ist Wohnraum knapp – ganz wie in den östlicher gelegenen Städten und Agglomerationen der Schweiz. Und bei günstigem Wohnraum verschärft sich dies noch. Also nichts Neues? Nun, in Plan-les-Outes entstanden jüngst 700 Wohnungen in 17 neuen Gebäuden auf der grünen Wiese. Dieses Quartier Les Sciers weist dabei sogar noch eine Besonderheit auf: Zwei der Bauten wurden in Naturstein erstellt – und zwar nicht nur die Fassade, sondern auch die tragenden Wände. 68 Sozial­wohnungen auf 8000 m² Fläche entstanden so.

Das Architekturbüro Archiplein hat zusammen mit Gilles Perraudin diese bemerkenswerten Gebäude umgesetzt und das sogar unter den restriktiven Vorgaben des Kantons Genf, wie Frédéric Frank, Professor für Architektur an der Hochschule für Technik und Architektur Freiburg, zu berichten weiss.

Frédéric Frank: Wohnen in Naturstein

Der Kanton Genf ist bekannt für die besonders strenge Anwendung seiner Vorschriften beim Bau von Mehr­familienhäusern. In den als Entwicklungsgebiete ausgewiesenen Perimetern ist eine Mischung verschiedener Wohnungstypen vorgeschrieben und die Wohnfläche pro Zimmer festgelegt. Diese fällt insgesamt geringer aus als in anderen Regionen der Schweiz. Auf Grundlage der Gesamtzahl der Wohnräume im gesamten ­Gebäude wird ein Rahmenbudget zugewiesen, das unabhängig von der Bauausführung ist. Eine Abweichung vom Budget wird nicht toleriert.

In diesem besonders restriktiven rechtlichen Rahmen entstanden die beiden massiven Steingebäude in Plan-les-Ouates, die aus einem Projektwettbewerb aus dem Jahr 2016 hervorgingen. Die Vorgaben hatten natürlich Auswirkungen auf das Bauen mit Naturstein in tragender Funktion, dem ja noch ein experimenteller Charakter zugesprochen werden musste: Beim Finanzplan galt es zu berücksichtigen, dass die Fassadengestaltung auf eine Lebensdauer von 15 Jahren ausgelegt werden musste. Aufgrund der Stärke der tragenden Mauern von bis zu 40 cm ergibt sich ein ungünstiges Verhältnis zwischen Bruttogeschossfläche und Nettogeschossfläche. Die Mehrkosten, die sich daraus ergaben, mussten wieder eingespart werden, da die finanziellen Vorgaben ja strikt eingehalten werden mussten.

Aussergewöhnliches Tragsystem

Auf einem Betonfundament erheben sich vier bis acht oberirdische Stockwerke, deren vertikales Tragsystem vollständig aus massivem Stein gebaut ist. Die Decken bestehen aus herkömmlichem Stahlbeton. Drei konzentrische Rechtecke strukturieren den typischen Grundriss: Das äussere und das mittlere Rechteck sind tragend, das innere ist selbsttragend. Die Steine stammen aus drei verschiedenen Kalksteinbrüchen und wurden aufgrund ihrer mechanischen Eigenschaften und ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Witterungseinflüsse ausgewählt.

Aussergewöhnliche Wirkung

Die drei massiven Rechtecke verleihen dem Wohnraum eine aussergewöhnliche Wirkung – bar jeder Kritik einer Standardisierung von Innenräumen in Mehrfamilien­häusern. 
Der Stein der Aussenwände kommt in den Wohnungen an den Fensterlaibungen und in den Loggien zum Vorschein. Das Treppenhaus besticht durch seine Innenfassade, die eine Kontinuität der Materialien und Farbtöne mit dem Aussenbereich bietet. Am meisten aber prägt das mittlere Rechteck, zusammen mit einigen Zwischenwänden, den Wohnraum.

Seine Wirkung ist in erster Linie typologischer Natur, da es eine starke räumliche Trennung zwischen dem zentralen Bereich der Wohnung mit den Verteilerflächen und Versorgungsräumen und dem peripheren Bereich mit den Schlafzimmern und Wohnräumen schafft. Dadurch verfügen mehrere Räume über mindestens eine Wand aus massivem Sichtstein: die Wohn- und Schlafzimmer ebenso wie die Badezimmer. Dies ist umso bemerkenswerter und erfreulicher, da das Projekt gemäss der Genfer Gesetzgebung sowohl Eigentumswohnungen, Wohnungen mit freier Mietpreisgestaltung und auch Sozialwohnungen umfasst.

Weit entfernt von den Moodboards, die immer häufiger von Akteuren der Immobilienbranche angeboten werden, um «Wohnungen von der Konkurrenz abzuheben», schlagen die von den Ateliers Archiplein und Perraudin entworfenen Wohnungen vor, den Wohnraum durch die tragende Struktur und sein Rohmaterial zu charakterisieren. So wie es ist, mit seinen unregelmässigen Fugen, seinen Variationen und seinen Werkzeug­spuren: eine echte Meisterleistung. (Frédéric Frank)

Les Sciers, Plan-les-Ouates


Bauherrschaft
Commune de Plan-les-Ouates


Architektur
Atelier Archiplein, Genf
Atelier Architecture
Perraudin, Lyon (F)


Tragwerksplanung
Perreten et Milleret, Carouge


Unternehmung
Marty construction, Genf


Steinbezug
Carrieres de Provence, Fontvielle (F);
France Pierre, Paris (F)


Fertigstellung
2021

Experiment oder neue Möglichkeit?

Aber weshalb wurde der Aufwand hinsichtlich tragender Natursteingebäude, der ja auch mit einem gewissen Risiko verbunden war, überhaupt betrieben? Marlène Leroux und Francis Jacquier von Atelier Archiplein wollten die wirtschaftliche und bauliche Machbarkeit von Massivsteinhäusern in der Schweiz aufzeigen. Dies ist bemerkenswert, handelt es sich hierbei doch zum grossen Teil nicht um gängige, standardisierte Bauteile. Die Steinkonstruktion musste erst einmal entwickelt werden.

Interessant ist, dass die Architekten bereits etwa bei Baubeginn einen weiteren Wettbewerb mit einem tragenden Natursteinbau für sich entscheiden konnten. Man könnte dies als Indiz werten, dass es nicht beim experimentellen Bauen bleiben wird. Anscheinend sind die Planenden nicht alleine mit ihrem Anspruch, neuartige Wege beziehungsweise Möglichkeiten auszuloten und umzusetzen.

 Der Folgeauftrag in der Rue de la Coulouvrenière war wiederum von speziellen Rahmenbedingungen gekennzeichnet. Im Herzen von Genf, am südlichen Rhoneufer auf einem kleinen Grundstück würde man eher ein prestigeträchtiges Unternehmen erwarten. Hier sollten allerdings zehn Sozialwohnungen und eine Werkstatt für Menschen mit psychischen Problemen entstehen. Möglich machte dies eine gemeinnützige Stiftung (vgl. «Fondation Nicolas Bogueret», unten).

Das Projekt befindet sich im Naturschutzgebiet (Smaragd) an den Ufern der Rhone. Eine denkmalgeschützte ehemalige Schokoladenfabrik, die heute als Berufsbildungszentrum genutzt wird, schliesst direkt daran an. Die Höhe über vier Stockwerke und die Grundfläche des Projekts waren ausnahmslos festgelegt und unterlagen der sorgfältigen Kontrolle der für den Denkmalschutz zuständigen Behörden.

Dabei gelang es den Architekten, jede Wohnung mit einem nach Süden ausgerichteten Aussenbereich und grossen Fensterfronten zur nördlich vorbeifliessenden Rhone zu versehen. Wie schon bei den beiden Vorgängerbauten wandten sie das Prinzip von tragenden Ringen aus Naturstein an und gingen hier noch einen Schritt in Sachen natürlichem Material weiter: Bei den Decken kommt auch Holz zum Zug. Der Kritiker und Historiker Valéry Didelon empfindet es als Erfolg, dass der Architektur trotz wirtschaftlicher, programmatischer und standortbezogener Auflagen ein gebührender Platz eingeräumt wurde.

Valéry Didelon: Begehrte Lage am Ufer

Der Prozess der Deindustrialisierung, der seit den 1970er-Jahren Schwierigkeiten, aber auch sozioökonomische Chancen mit sich brachte, prägt auch heute noch die europäischen Städte. Die Flussufer, die wegen ihrer Energie- und Verkehrsanbindungen für Fabriken begehrt waren, sind heute bevorzugte Orte für Freizeitaktivitäten oder Wohnraum für die Wohlhabenden. Die Rhoneufer in Genf bilden da natürlich keine Ausnahme, und jedes noch so kleine Grundstück in ihrer Nähe weckt das Interesse von Spekulanten und Bauträgern.

 Um ein Mindestmass an sozialer Durchmischung in der Innenstadt zu erhalten, beschloss der Kanton, ein kleines eigenes Grundstück am Rhoneufer zwischen dem Seujet-Stauwehr und der Pont de Sous-Terre an die Fondation Nicolas Bogueret zu verkaufen. Sie konnte dort ein Projekt realisieren, das ein Aufnahmezentrum für Menschen in Not und einige Sozialwohnungen umfasst. Nach einem Wettbewerb im Einladungsverfahren fiel die Wahl 2018 für den Entwurf und die Umsetzung des Gebäudes auf das das Atelier Archiplein.

Eine unmögliche Gleichung

Die Architekten Marlène Leroux und Francis Jacquier arbeiteten innerhalb extrem begrenzter Vorgaben durch das dreistöckige Nachbargebäude, das zu Recht oder zu Unrecht als charakteristisch für das industrielle Erbe Genfs angesehen wird. Im Erdgeschoss waren eine Einrichtung und auf drei Etagen zehn Wohnungen auf einer annähernd rechteckigen Grundfläche von 28 m × 10 m und einer Höhe von etwas weniger als 12 m unterzubringen. Die Architekten lösten die Aufteilung des Grundrisses geschickt durch einen zentralen Verkehrskern und halbprivate Zugänge. 

Die vorgeschriebene Mindestdeckenhöhe von 2.4 m in den Wohnungen konnten sie leider nicht überschreiten, was sich zweifellos auf deren Räumlichkeit auswirkt. Die Wohnküchen sind jedoch grosszügig geschnitten und erstrecken sich von der Strassenseite im Süden bis zur Nordseite, wo sich ein spektakulärer Blick auf die Rhone bietet. Die zehn Sozialwohnungen sind nicht nur frei von tragenden Elementen, also anpassbar und dadurch nachhaltig, sondern bieten letztlich auch ein sinnliches Erlebnis, das auf ihre Helligkeit und auf ihre reichhaltige Materialität zurückzuführen ist.

Stein und Holz

Die Holz-Beton-Decken mit einer Stärke von 36 cm spannen zwischen den tragenden Aussenwänden und einem zentralen Verkehrskern. Die Aussenwände aus 30 cm starken Sireuil-Steinblöcken halten Regen und Kälte gut stand. Innen sind Brétigny-Steinblöcke mit einer Stärke von 25 cm verbaut, die eine höhere Druckfestigkeit aufweisen. Zur Einhaltung der Erdbebensicherheitsvorschriften sind sie mit Zuggliedern vorgespannt. Die Blöcke, die ohne Verankerung oder Einbau von Stahlbeton zusammengefügt wurden, stammen aus fran­zösischen Steinbrüchen, die sich als preislich am wettbewerbsfähigsten erwiesen haben, während die Brettsperrholzdecken (cross laminated timber CLT) aus Schweizer Holz hergestellt wurden.

Die Architekten beweisen erneut die Machbarkeit des Baus von Mehrfamilienhäusern aus natürlichen und vor allem CO²-armen Materialien in einem Land, in dem Beton leider nach wie vor vorherrscht. Das Projekt in der Rue de la Coulouvrenière entspringt somit einer umweltbewussten Ethik, die sich in einer einzigartigen Ästhetik ausdrückt.

Fassade und Fluss

Die städtebaulichen, funktionalen, technischen und ökologischen Aspekte beherrschen dieses Gebäude aber bei weitem nicht vollständig. Auch eine ganz eigene architektonische Logik ist vorhanden. Die genauestens geplanten Fassaden des Gebäudes sind sehr regelmäßig gestaltet. Sie zeigen eine Kontinuität zwischen Stürzen und Trumeaux und weisen auf beiden Seiten der bis zu drei Meter breiten Fensteröffnungen Falze auf. Die wenig ausgeprägten Fugen lassen die Fassaden abstrakt erscheinen.

Als Ausdruck eines vom Atelier Archiplein beanspruchten strukturellen Rationalismus bricht die architektonische Formensprache des Gebäudes eher mit der der Gebäude in der unmittelbaren Nachbarschaft, als dass sie diese neu interpretiert. Von der gegenüberliegenden Seite des Quai du Seujet aus gesehen, wie auch von den Wohnungen aus, scheint die gerasterte Fassade mit den sprudelnden, kristallklaren Wellen des blaugrünen Wassers in Resonanz zu treten. (Valéry Didelon)

Der Stein der Weisen?

Ob sich Konstruktionen mit tragendem Naturstein weiter etablieren, ist noch kaum abschätzbar. In Frankreich gibt es derzeit weitere aktuelle Projekte, in Gegenüberstellung zur vorherrschenden gängigen Praxis des Stahlbetonbaus bleiben diese aber immer noch Nischenprodukte, wenn auch ansprechende. 

Lesen Sie auch: Französische Steine für die Schweiz

Dem Einsatz im grösseren Stil stehen nach wie vor Hürden gegenüber: Preis des Materials, Verfügbarkeit, schwer erreichbare Energiestandards. Vielleicht liegt der Stein der Weisen eher in einem Kern aus Naturstein mit wärmegedämmten Fassaden aus anderen Materialien? Aber gut möglich, dass es den einen Stein der Weisen gar nicht gibt, sondern gleich mehrere.

Rue de la Coulouvrenière, Genf


Bauherrschaft
Fondation Nicolas Bogueret, Genf


Architektur
Atelier Archiplein, Genf


Tragwerksplanung
B + Singénieurs, Genf


Unternehmung
Grisoni Zaugg, Satigny


Steinbezug
France Pierre, Paris (F)


Fertigstellung
2023
 

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