Bibliothek mit Durchblick

Umbau Bibliothek Münstergasse Bern

Zwei Jahre lang war die Bibliothek Münstergasse in Bern wegen Umbau geschlossen. Seit der Wiedereröffnung im Mai präsentiert sich der ehemals abweisende Bau zugänglich – ganz nach Rafik Schami «eine Bibliothek, durch die man in andere Länder, Kulturen und Herzen schauen kann».

Charles von Büren Bautechnik/Design, Korrespondent TEC21

Bauherrschaft
Burgergemeinde Bern
Architektur und Generalplanung
alb architektengemeinschaft
Tragkonstruktion
WAM Planer und Ingenieure AG
HLKSE-Planung
Amstein + Walthert AG
Bauphysik
Grolimund & Partner

Das Gebäude an der Münstergasse 61/63 ist die älteste nichtkirchliche Bibliothek der Schweiz. Sie beherbergt die Burgerbibliothek (ein Archiv) und einen Teil der Universitätsbibliothek. Besitzerin ist die Burgergemeinde Bern, die rund 39 Millionen Franken in den Umbau durch die Berner alb ­architektengemeinschaft investiert hat. Gut die Hälfte des Betrags wurde für die Infrastruktur, für die Er­neuerung der technischen Anlagen, für neue Internetangebote und für die bessere Erschliessung des Hauses aufgewendet. 

Mehr Raum, mehr Nutzen

Bibliotheken und die Bedürfnisse ihrer Nutzer haben sich im Lauf der Zeit und mit dem digitalen Wandel drastisch verändert. Sicher, gedruckte Bücher sind nach wie vor wesentlich für Bibliotheken. Doch hat sich der Betrieb innert weniger Jahre in vielen Bereichen vom unmittelbar präsenten physischen Bestand gelöst. Benötigt werden neu individuell und kooperativ nutzbare Arbeits- und Begegnungszonen, beratende, schulende, unterstützende und vermittelnde Dienstleistungen – orientierende Wegmarken in der digitalen Welt.

Vor 40 Jahren hatte das historische Bibliotheksgebäude seinen letzten Umbau erlebt. Nach der In­standsetzung präsentiert es sich nicht bloss renoviert, sondern an die eben skizzierten Bedürfnisse eines modernen Bibliotheks- und Archivbetriebs angepasst.  Die im selben Gebäude beheimatete Burgerbibliothek wurde ebenfalls erneuert und erhielt einen Ausstellungsraum für die Präsentation ihrer Archiv- und Handschriftenschätze. Entstanden ist ein einladender und transparenter Bau, der seine Geschichte sichtbar macht und den Bedürfnissen des Publikums bestens gerecht wird. Insgesamt bietet die neue Bibliothek Münstergasse mehr Platz als vorher.

Räume wie der historische Gewölbekeller oder die Lounge und der Kursraum im ersten Obergeschoss sind nun für das Publikum offen. Unter dem Gewölbekeller sind neu Räume für die Haustechnik untergebracht. Im ausgebauten Dachraum, vordem ein Lager, befindet sich jetzt ein lichtes Grossraumbüro. 

Durchblick, Licht und Raum zum Lesen

Noch vor zwei Jahren prägten von den Münstergasslauben aus schwere Holztüren und geschlossene Wände das Bild des Baus. Neu sind in die Wände Fenster nach historischem Vorbild eingelassen. Sie verleihen dem Haus einen völlig veränderten, offenen Charakter. Im Parterre lädt das Café «Lesbar» zum Verweilen ein. Auch das Herzstück, der Lese­saal der Bibliothek Münstergasse unter dem Hofgarten, präsentiert sich mit 110 Arbeitsplätzen neu, nämlich zweigeschossig, mit hoher Decke und angenehm von oben einfliessendem Tageslicht. Insgesamt bietet das Haus jetzt 300 Arbeitsplätze (vormals 180).

Der historische Schultheissensaal im ersten Obergeschoss hat kaum sichtbare Veränderungen ­erfahren. Dieser beeindruckende Prunksaal ist aber nicht mehr ausschliesslich ein Lesesaal, sondern bietet nun eine Präsenzbibliothek mit Literatur über den und aus dem Kanton Bern (Bernensia). Wie auch im neuen Lesesaal bietet der Schultheissensaal mit «cUBe»1 eine innovative Verbindung von gedruckten Büchern und elektronischen Angeboten. Mit diesem Informationssystem werden unmittelbar bei den physischen Beständen über mobile Geräte auch die entsprechenden und immer umfangreicher werdenden elektronischen Angebote sicht- und recherchierbar.

Wo sind die Bücher?

Über zwei Millionen Bücher der Universitätsbibliothek wanderten vor der Erneuerung ins vonRoll-Areal der Uni Bern (vgl. TEC21 3-4/2012; Dossier «SIA Umsicht», März 2011). Rund 250 000 kamen wieder zurück in die klimatisch optimierten Magazine an der Münstergasse – historische Bestände, die vor 1800 gedruckt wurden, und ein Teil der Bestände vor 1900. Die Ausleihe funktioniert über Bestellung. Die gedruckten Bücher sind wohl noch greifbar, haben aber den neuen Nutzungsformen der Räume in der Bibliothek Münstergasse Platz gemacht.

Anmerkung

1 «cUBe» steht als Bezeichnung eines neuartigen Informationssystems. Je nach Standort werden entsprechende elektronische Informationsquellen (Datenbanken, E-Journals, E-Books) über das mobile Gerät (Tablet oder Smartphone) angeboten. Der Standort im Raum ersetzt also quasi die thematische Suche, die sich aber trotzdem durchführen lässt.

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