Wie ein Palast aus der Asche: PalaCinema Locarno

Zum 70. Jubiläum schenkte sich das Filmfestival Locarno erstmals ein Zentrum. Der moderne Kino­palast entstand aus der Erneuerung eines Gemeindeschulhauses. Die Originalsubstanz und der Ressourcenschutz erhalten einen gebührenden Auftritt.

Paul Knüsel Umwelt/Energie, Stv. Chefredaktor TEC21

Die alljährliche Hauptattraktion des Filmfestivals Locarno sind die Abendvorführungen auf der Piazza Grande. 71 Jahre nach Gründung eines der wichtigsten Kulturanlässe in der Schweiz kommt nun ein Palast dazu, der nur ein paar Schritte südwestlich der Piazza liegt. Der Pala­Cinema bietet eine angemessene Bühne für die Filmkunst und eine Plattform für die wichtigen Akteure. Das Gebäude am Tor zur Altstadt werden neben dem Filmfestival unter anderem auch das Schweizerische Filmarchiv, die Fachhochschule sowie das Fernsehen der italienischen Schweiz nutzen.

Das repräsentative Gemeinschaftsdomizil war ursprünglich ein Primarschulhaus aus dem 19. Jahrhundert mit der dazugehörigen imposanten Sandstein- und Gründerzeitarchitektur. Bemerkenswert daran ist, wie die Idee zur Verwandlung ins Auge gefasst worden ist. In einem internationalen Wettbewerb, organisiert von der Stadt Locarno, schlug der spanische Architekt Alejandro Zaera-Polo vor, das historische Schulhaus in einen modernen Kino­palast zu verwandeln. Ein Abriss und Neubau, wie in den Entwürfen der Konkurrenz, kam nicht infrage.

Die einzigen Veränderungen sind die Aufstockung mit einem golden gemusterten Kubus, die interne Raumaufteilung sowie die deutliche Verbesserung des Energiestandards. Die aufgesetzte Dachkrone ist in eine netzartige Hülle eingefasst, deren Muster aus über 40 000 Metallplättchen Bezug zum getupften Leopardenfell nimmt, dem Wahrzeichen des Festivals. Sie beherbergt mehrere Mehrzweckräume und eine Terrasse mit Blick auf den Lago Maggiore.
 

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Der PalaCinema erfüllt zweierlei Absichten: Die erneuerte und ergänzte Architektur vermittelt traditionelle Repräsentanz. Ebenso wird der Umbau den logistischen und organisatorischen Anforderungen eines Festivals gerecht. Die ehemalige Schule und ihr Innenhof beherbergen nun anstelle der Klassenzimmer drei aufeinandergestapelte Kinosäle; im grossen Saal finden bis zu 550 Besucher Platz. Die bestehende Fassade des Palazzo Scolastico wurde mit weissem Putz überzogen, sodass man auch darauf einen Film projizieren kann.

Die Fensterlaibungen sind neuerdings mit goldenen Platten verkleidet. Die Scheiben sind den bauphysikalischen Anforderungen zufolge dreifach verglast. Und die Gebäudehülle wurde inwendig mit einer 20 cm dicken Innendämmung wärmetechnisch auf einen ebenso hochwertigen Stand gebracht. Das erneuerte Schulhaus erfüllt die Anforderungen an den Gebäudestandard Minergie und ist nun das wohl erste Kino der Schweiz mit dem symbolträchtigen Energieeffi­zienzzertifikat.

Für die Energieversorgung des dreistöckigen Repräsentationssitzes werden zudem ausschliesslich ökologische Quellen angezapft. Zum Beheizen und für das Warmwasser kommt eine Grundwasserwärmepumpe zum Einsatz. Das Kühlen der jeweils stark belegten Räume und Säle erfolgt derweil über eine alternative Wasserquelle: Ein unterirdischer Kanal aus dem 19. Jahrhundert garantiert eine dauerhafte Temperatur von 7 bis 8 °C, was für das passive Kühlsystem des ­PalaCinema bestens ausgenutzt werden kann.

Am Bau Beteiligte
Bauherrschaft: PalaCinema Locarno / Stadt Locarno
Architektur: AZPML-DFN, London, Lugano

Gebäude
Typ: Schulhaus mit Baujahr 1894
Erneuerung: Umnutzung, Gebäudehülle, Aufstockung
Gebäudenutzfläche: 6500 m2 
Energiekennzahl: 60 kWh/m2
Bausumme: 33.6 Mio CHF
Wettbewerb: 2012
Fertigstellung: 201

Der Artikel ist erschienen im Sonderheft «Immobilien und Energie», ein Projekt mit dem Immobilienberatungsunternehmen Wüest Partner und mit Unterstützung von Energie­Schweiz. 

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