Wakkerpreis geht nach Riom

Üblicherweise zeichnet der Schweizer Heimatschutz jährlich eine Gemeinde aus, die sich vorbildlich für die Pflege und Entwicklung ihres Ortsbilds einsetzt. Im Kulturerbejahr 2018 weicht er davon ab: Die Auszeichnung geht heuer an die Nova Fundaziun Origen mit Sitz in Riom GR.

Riom im bündnerischen Oberhalbstein hat sich im Laufe der Zeit immer wieder neu erfunden. Archäologische Grabungen erzählen von einer römischen Herberge für reisende Kaufleute. Das Frühmittelalter benennt einen karolingischen Königshof. Im Feudalzeitalter errichteten die Herren von Wangen am Dorfrand eine mächtige Burg, die Gegenreformation liess im Zentrum eine prachtvolle Barockkirche entstehen. Nach dem Brand von 1864 erhielt der Ort ein «modernes» Strassenraster, stattliche Häuser und einen geräumigen Dorfplatz. Heute ist es wieder soweit. Einmal mehr muss sich Riom neu erfinden. Die Landwirtschaft ernährt nur noch einen Bruchteil der Bevölkerung. Die Ställe stehen leer. Der Tourismus stagniert. Die Schule ist weggezogen, die Verwaltung wurde im Zuge der Gemeindefusion talaufwärts verlegt. Der Dorfplatz ist verwaist, die Freifläche vor dem Schulhaus ein Parkplatz.

Die Jungen arbeiten auswärts und gründen Familien im Unterland. Riom braucht neue Ideen, einen Motor, der Arbeitsplätze schafft und wieder Leben ins Dorf bringt. Die Nova Fundaziun Origen kann eine solche Kraft sein. Die Stiftung ist vor allem als Trägerin des gleichnamigen Kulturfestivals über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die meist jungen Mitarbeiter des Festivals ziehen in verlassene Häuser ein. Die Künstler kaufen im Dorfladen ein und bringen Freunde und Verwandte mit. Die Veranstaltungen des Festivals fördern die Hotels einer ganzen Region. Origen unterhält zwei Gastrobetriebe und schafft Orte der Begegnung für Einheimische, Künstler und Kulturgäste. 

Das rätoromanische «Origen» lässt sich mit Ursprung übersetzen. Der Name ist Programm: Origen schöpft mit kreativer Kraft aus dem Reichtum der regionalen Kultur und setzt sie mit der Gegenwart in Beziehung. Dies gilt nicht nur für das Theaterschaffen, sondern ebenso für den Umgang mit der vorhandenen Baukultur in Riom.

So wurde, anstatt für die wachsende Institution einen Theatertempel zu planen, der bauliche Bestand des Dorfs analysiert und auf dessen Gehalt und Nutzbarkeit geprüft. Leerstehende Gebäude im Dorf wurden und werden so nach und nach in Beschlag genommen, mit einfachen Mitteln renoviert und mit neuem Leben gefüllt.

Dieses Vertrauen der Stiftung in das Potenzial der vorhandenen Wurzeln und Werte öffnet neue Perspektiven für das ganze Dorf, pflegt und aktualisiert das Kulturerbe in all seinen Facetten und leistet einen bedeutenden Beitrag zum Erhalt der Infrastrukturen und des Ortsbilds.

Seit jeher von der Abwanderung, dem Durchreisen und Heimkommen geprägt, musste sich Riom immer wieder neu erfinden. Entdecken Sie auf einem Dorfrundgang die Spuren der Geschichte.

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