Al­tes Schul­haus Va­len­das: Schritt für Schritt zu­sam­men

Auszeichnung «Umsicht – Regards – Sguardi»: Altes Schulhaus Valendas

«Die Sanierung und Umnutzung des alten Schulhauses in Valendas zum faszinaturRaum des Naturparks Beverin steht exemplarisch für die Kraft interkommunaler Zusammenarbeit, die an eine von wenigen Personen initiierte erfolgreiche Dorferneuerung anknüpft. Als Teil einer Initiative, die der Entvölkerung in den Berggebieten mit konkreten Massnahmen und Projekten entgegentritt, ist die neue Nutzung des Schulhauses Zeugin für eine engagierte, zukunftsgläubige Bevölkerung ausserhalb der Ballungszentren.» (Aus dem Jurybericht)

Publikationsdatum
26-04-2017
Revision
26-04-2017
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Fast 38 m2 ist er gross, der imposante Holzbrunnen in Valendas im Kanton Graubünden. 1760 erbaut, diente er mit seinen 15 000 l Fassungsvermögen als Trinkwasserquelle für die Menschen ebenso wie fürs Vieh. Durstige Kehlen gab es reichlich: Valendas lag während vieler Jahrhunderte am Schnittpunkt mehrerer Säumerrouten durch die Alpen. Von Süden führte ein Säumerweg über den Splügenpass via Valendas nach Pfäfers am Eingang der Taminaschlucht. Eine weitere Route reichte von Chur über Versam nach Ilanz und von dort über den Lukmanierpass ins Tessin. Entsprechend international ausgerichtet waren die Bürger des Dorfs: Viele arbeiteten als Söldner im Dienst ausländischer Armeen, andere kamen als Verwalter im Veltlin zu Wohlstand. Mehrere Patrizierhäuser erzählen von dieser Epoche, Valendas besitzt ein Dorfbild von nationaler Bedeutung.

Heute sieht das anders aus: Wie viele Bergdörfer kämpft auch die Gemeinde in der Surselva mit Überalterung und Abwanderung. Im Gegensatz zu anderen Ortschaften setzt sich Valendas aber aktiv und erfolgreich dagegen zur Wehr – liegt es vielleicht am alten Söldnerblut …? 

2004 gründete eine Gruppe engagierter Bürger die Stiftung «Valendas Impuls». Das Ziel: die Belebung und nachhaltige Entwicklung des Dorfs. Mithilfe der Kantonalen Denkmalpflege und des Bündner Heimatschutzes entstand eine Machbarkeitsstudie, die Orte möglicher Interventionen und begleitende Massnahmen konkretisierte. Seitdem konnten etliche Projekte realisiert werden, allmählich schliesst sich das Puzzle zu einem stimmigen und zukunftsfähigen Ganzen. 

So wurde das 500 Jahre alte «Engihus« am Dorfplatz 2013/2014 restauriert und zu einem Gasthaus mit Restaurant und Hotelzimmern umgebaut (Architektur: Gion Caminada, Vrin). Mit Unterstützung der Stiftung «Ferien im Baudenkmal» renovierte man das ebenfalls leer stehende barocke «Türalihus» aus dem 15. Jahrhundert (Architektur: Capaul & Blumenthal, Ilanz). Seit 2014 können hier zwei herrschaftliche Wohnungen als Feriendomizil gemietet werden. 

Neben baulichen Aufwertungen folgten auch politische Modernisierungsbestrebungen: 2013 schlossen sich die Gemeinden Versam, Tenna, Safien und Valendas zur Gemeinde Safiental zusammen, im selben Jahr wurde der Naturpark Beverin offiziell zum «Regionalen Naturpark von nationaler Bedeutung». Die über 400 km2 grosse Fläche rund um den knapp 3000 m hohen Piz Beverin wurde 2016 erweitert und reicht heute von Valendas im Norden bis zum Avers im Süden. Der Park beherbergt teilweise spektakuläre Naturräume wie die Viamala- und die Rofflaschlucht oder das Safiental. 

Ein Haus am Platz

Vorerst letztes Puzzlestück des Projekts ist die Restaurierung und Neunutzung des alten Schulhauses am südlichen Rand des Dorfplatzes (Architektur: Nickisch Walder Architekten, Flims). Der künftig denkmalgeschützte Bau aus dem frühen 19. Jahrhundert ist eines der ältesten Schulhäuser im Kanton Graubünden. In seiner ursprünglichen Funktion genutzt wurde er bis Mitte der 1970er-Jahre. Nach einer kurzen Episode als Beiz mit Gästezimmern ab 1980 und vielen Jahren des Leerstands beherbergt er heute das Besucherzentrum des Parks Beverin. 

Die Architekten restaurierten den Bau mit wenigen Mitteln und hoben die verunklärenden Eingriffe der letzten Jahrzehnte an Fassade und Innenräumen auf. Gemäss dem historischen Bestand entschieden sich die Planer für ein Metallfalzdach, die Fassade überzog man mit einem hellgrauen, weiss lasierten Kalkputz. Der ehemalige Lehrsaal im Hochparterre präsentiert sich heute in zurückhaltendem Weiss, die Oberflächen sind mit einer Kalkschlämme gestrichen. Hier ist das Besucherzentrum des Parks als temporäre Installation in den Raum integriert. Die Ausstellung führt Besucherinnen und Besucher in die Besonderheiten der Flora und Fauna des Naturparks ein. Geplant ist zudem die Erweiterung der Wohnung im ersten Obergeschoss ins Dachgeschoss sowie ein Raum für die Dorfjugend im Keller. 

Für den Umbau kamen fast ausschliesslich natürliche, regionale Materialien wie Kalk und Föhre oder Lärche aus dem Tal zur Anwendung. Die am Umbau beteiligten Handwerker stammten alle aus der Region. Auch die Finanzierung löste man gemeinschaftlich: Die Sanierung der Gebäudehülle generierte Förderbeiträge, der Naturpark Beverin als Langzeitmieter bot eine gewisse Sicherheit. Sponsorenbeiträge für die Ausstellung finanzierten einen Teil des Innenausbaus, den Rest übernahm die Gemeinde. 

«Ein Dorf kann nur leben, wenn im Dorf auch gelebt wird», heisst es in der Machbarkeitsstudie zur Revitalisierung von Valendas. Statt hinaus in die Welt zu gehen, haben die Bewohner heute wieder etwas mehr Möglichkeiten, im Dorf zu bleiben. Und sie laden Besucher ein, ihre Welt zu entdecken. Die besonnene Art und Weise, wie das passiert, würdigte die Jury mit einer Auszeichnung.

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