Offen, nicht ausgestellt

Projektwettbewerb Neubau Zentralgebäude Johanneum, Neu St. Johann

Das Heilpädagogische Zentrum Johanneum in Nesslau benötigt modernere Räume und möchte besser für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Den Wettbewerb für den Neubau gewann das Büro Andy Senn Architekt aus St. Gallen. Dessen Entwurf fügt sich harmonisch in die bestehende Anlage ein und besticht durch Logik und Ausdruckskraft.

Tina Cieslik Architektur/ Innenarchitektur, Redaktorin TEC21

Seit 1902 besteht das Heilpädagogische Zentrum Johanneum im toggenburgischen Neu St. Johann, einem Ortsteil von Nesslau. Die Stiftung bietet eine schulische Ausbildung, Lehrplätze und geschützte Werkstätten für Menschen mit Lern- oder geistiger Behinderung. Neben Ateliers und Arbeitsräumen umfasst die Anlage auch ein Internat und betreute Wohn­gruppen, teilweise untergebracht in den Räumen der ehema­ligen Benedik­ti­ner­abtei, die dem Zentrum seinen Namen gab.

Nun möchte sich die von einer Stiftung getragene Einrichtung erneuern und öffnen. Sinnbild dafür soll ein Neubau auf dem Klostergelände werden, der neben der Schulküche und der aktuell noch im Kloster untergebrachten Zentralküche eine öffentliche Cafeteria und einen Shop beherbergen soll. Die Öffnung ist Programm: Das Kloster liegt westlich der Bahngleise der Südostbahn SOB, der Dorfkern östlich davon. Mit dem öffentlich zugänglichen Neubau an der städtebaulichen Schnittstelle erhofft man sich mehr Austausch mit dem Dorf. Zu eng soll der Kontakt allerdings auch nicht werden, um die aktuell rund 220 Bewohnerinnen und Bewohner nicht zu sehr in ihrem Alltag ein­zuschränken – es war also Finger­spitzengefühl gefragt.

Im Januar 2018 schrieb die Stiftung dafür einen Projektwettbewerb aus. Der Perimeter umfasste auch das Haus Elisabeth, das abgerissen wird. 19 der anfangs 81 Teams ­konnten nach der Präqualifikation ihre Projekte einreichen. Die Beiträge zeigen ein weites Spektrum an formalen Lösungen, vom kubischen Pavillon mit Flachdach über die aufgefächerte Freiform bis hin zum organischen Blob. Rangiert wurden die eher konventionellen Ideen, einzige Ausnahme bildete der Entwurf «Philodendron» der Zürcher Gerber Odermatt Architekten mit seinem expressiven Zeltdach auf Rang 5.

Unter den Linden

Gewonnen hat den Wettbewerb das St. Galler Büro Andy Senn Architekt. Dessen Entwurf «Milo» vereint das Raumprogramm in einem zweigiebeligen Langbau. Das Volumen ist leicht nach Westen aus der Mitte ge­rückt, sodass sich zur Johanneums­strasse und zwischen Kloster, Neubau und Haus Domino ein Platz aufspannt (vgl. Abb.). ­Auf diese Weise können die beiden Linden beim Haus Domino erhalten bleiben und gegebenenfalls durch weitere Bäume ergänzt werden.

An der südöst­lichen Gebäudeecke liegt der Haupteingang, gekennzeichnet durch ein weit auskragendes Vordach. Die öffentlichen Bereiche – Cafeteria und Shop – sind strassenseitig angeordnet, im Hintergrund, zum Park hin, sind Speisesaal und Küche untergebracht. ­Teilweise überdachte Terrassen an Ost- und ­Nord­seite ergänzen die Aufenthaltsflächen um zwei Zonen im Freien.

Das Markenzeichen von «Milo» ist die Dachkonstruktion mit den beiden unterschiedlich hohen Giebeldächern. Die Hierarchisierung deutet die Raumverteilung darunter an: Im niedrigen Teil sind die Wirtschaftsräume untergebracht, der hohe Bereich beherbergt den Speisesaal. Vorgesehen ist eine schlichte Konstruktion aus Lärchenholz, die gut zu den Wirtschaftsbauten der ländlichen Gegend passt. Die Jury beurteilte diese Gestaltung von Dach und Fassaden, obwohl in sich schlüssig, als möglicherweise ­et­was  zu reduziert für die vorgesehene ­repräsentative Funktion des neuen Zentralgebäudes.

Pavillons im Park

Tatsächlich wirken die weiteren rangierten Projekte fast alle prägnanter.

«Allegro» von Cavegn Architekten und «Rundum guet» von RLC Architekten auf Rang 2 und 3 zeigen jeweils grossflächig verglaste Kuben mit markantem Flachdach. Einen interessanten Kommentar zur städtebaulichen Setzung liefert Letzteres. Die Verfasser schlagen vor, die Strasse aufzuheben und die so gewonnene Freifläche zum öffentlichen Platz zwischen Konvent und Neubau werden zu lassen – ein innovativer Ansatz, der die gewünschte Öffnung der Einrichtung und ihre Anbindung ans Dorf beispielhaft repräsentiert.

Das Gegenteil zeigt «Johann» von Roman Hutter Architektur auf Rang 4. Nah ans Haus Domino gerückt, erlaubt das lang gestreckte Volumen viel Freifläche, wirkt aber für die angestrebte Funktion zu zurückhaltend. Folgerichtig auf Rang 5 kommt der einzige Exot unter den Platzierungen: «Philodendron» von Gerber Odermatt Architekten setzt den Neubau mitten in den Park. ­Mit seinem asymmetrischen Zeltdach und der rhythmisierten Fassade wirkt er fast wie ein japanisches Teehaus, im Innern dann allerdings ohne dessen filigrane Perfektion.

Zurück also zu «Milo»: Der Siegerentwurf schafft den Spagat zwischen Repräsentation und Funktion, zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre am elegantesten – und kostengünstig ist er obendrein. Ein verdienter Sieg nach Punkten also.

 

Weitere Pläne und Bilder finden Sie in der Rubrik Wettbewerbe.

 

Auszeichnungen

1. Rang, 1. Preis: «Milo»
Andy Senn Architekt, St. Gallen; Gastro-Fach­planungen Ruedi Menet, Walzenhausen
2. Rang, 2. Preis: «allegro»
Cavegn Architekten, Schaan
3. Rang, 3. Preis: «Rundum guet»
RLC Architekten, Rheineck; Pauli | Stricker, St. Gallen
4. Rang, 4. Preis: «Johann»
Roman Hutter Architek­tur, Luzern; Hager Partner, Zürich; Lauber Ingenieure, Luzern; partout Hotel & Gastro Consulting, Zürich
5. Rang, 5. Preis: ­«Philodendron»
G O A – Gerber Odermatt Architekten, Zürich

FachJury

Beat Ernst, Architekt, Prä­sident Baukommission Johanneum, Rüti; Detlef Horisberger, Archi­tekt, Zürich; Peter Oest­reich, Architekt, St. Gallen; ­Rita Mettler, Landschafts­architektin, Gossau; Jeannette Geissmann, Architektin, St. Gallen (Ersatz)

SachJury

Hansjörg Huser, Präsident Verein Johanneum (Vorsitz), Franz Grandits, Pädagogi­sche Leitung Johanneum, Rolf Rech­berger, Verwaltungsleitung Johanneum, Urs Cavelti, Vizepräsident Verein Johanneum (Ersatz)

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