Marseille – viel Neues im Nordwesten

Wie sieht die städtebauliche Zukunft der französischen Hafenstadt aus?

Das Zentrum am Mittelmeer wächst und wandelt sich – und setzt dabei seine Einzigartigkeit aufs Spiel.

Danielle Fischer Architektur, Redaktorin TEC21

Im 2. Arrondissement wächst und verändert sich die Stadt Marseille langsam und unaufhaltsam: Die Quartiere um Euromed II sind zusammen mit den Vorgängerprojekt Euromed I die grösste städtebauliche Intervention Südeuropas. Wenn «Les Crottes» – eines der Quartiere nördlich des «Vieux Port», das zu grossen Teilen abgebrochen werden soll – zur Sprache kommt, betonen Urbanisten und Architekten immer wieder beflissen: «Il n’y a que 3000 habitants qui vivent ici …» Es klingt, als würden sie sich dafür entschuldigen, dass die kleinen Wohnhäuser, die eine für Marseille ausgesprochen geringe Dichte aufweisen, nun den geplanten Grossüberbauungen mit 30 ha Park weichen müssen. Der Widerstand der Anwohner gegen die Stadt und die Grossinvestoren gleicht dem Kräfteverhältnis von David und Goliath.

Im daran angrenzenden Quartier Arenc, an der Uferstrasse nördlich des Vieux Port, bilden erste skulpturale Solitäre Teile der geplanten Skyline. Bereits fertig ist das Hochhaus CMA CGM von Zaha Hadid, das bis 2018 durch den 113 m hohen Tour Horizon von Yves Lion und das H99 von Jean-Baptiste Piétri mit 99.9 m Höche ergänzt wird. Unmittelbar daneben, zwischen zwei Autobahnbrücken, steht in voller Höhe die sich im Bau befindliche 31-stöckige «La Marseillaise» von Jean Nouvel. Die filigrane Fassade aus Ultra-High-Performance-Beton ist bereits montiert: Rote, blaue und weisse Elemente in allen Farbabstufungen wurden in einem Atelier in Module gegossen, von Hand geschliffen und anschliessend gestrichen.

Die farblich gleich gehaltene Fortsetzung der Fassadenelemente im Innern der Räume aus Gips wirkt etwas aufgesetzt. In der Mitte der Fassade, im Erdgeschoss und auf dem Dach werden drei «Grünstreifen» den Beton unterbrechen. Auf diesen nur für Unterhaltszwecke begehbaren Terrassen vor den zurückgesetzten Geschossen sind Olivenbäume geplant, die seit einem Jahr in einer norditalienischen Baumschule ihrer Bestimmung entgegenwachsen. Im Gegensatz zu seinem Nachbarbau von Zaha Hadid löst sich die Fassade der Marseillaise von Weitem optisch in Dunst auf und verschwindet aus der Ferne im Hintergrund der Stadt.

Die vor den Hochhäusern verlaufende Hafenpromenade mit den Docks bildet den neu gestalteten Zugang von der Autobahn zum Vieux Port und ist Teil des städtebaulichen Konzepts, das zusammen mit den anderen Eingriffen von Euromed II die Quartiere Nord mit dem Stadtzentrum verbinden soll. Wird Marseille nun bald eine Stadt wie jede andere? Im Nordwesten sieht es ganz danach aus.
 

 

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