Die Me­lo­die des Ra­sters

Johannes Peter Hölzinger im Deutschen Architekturmuseum

Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main zeigt die Arbeiten des Bad Nauheimer Architekten Johannes Peter Hölzinger. Hölzinger gehört zu den konsequentesten und eigenwilligsten Entwerfern seiner Generation. In einem Vorlass hat er dem Deutschen Architekturmuseum seinen umfangreichen Bestand an Skizzen, Zeichnungen, Modellen und Skulpturen übergeben.

Data di pubblicazione
29-10-2012
Revision
01-09-2015

Gelötete Metallkonstruktionen gefüllt mit Styroporquadraten – das Modell eines Wohnclusters, dessen strenge Struktur durch die freie Anordnung der Wohnelemente variiert wird. Daneben ein Raumfachwerk mit durchgesteckten rechteckigen Elementen, der Entwurf einer Dachkonstruktion und wieder dieses Spiel von Ordnung und Variation, formaler Strenge und freier Komposition. Fasziniert von den Objekten, ihrer handwerklichen Fertigung taucht man im Erdgeschoss des Deutschen Architekturmuseums ein in die Ausstellung «Johannes Peter Hölzinger. Psychodynamische Raumstrukturen».

Doch wer ist dieser Architekt, dessen Werke diesen Formenreichtum offenbaren? Johannes Peter Hölzinger, 1936 im hessischen Bad Nauheim geboren, Absolvent der Städelschule in Frankfurt am Main und Stipendiat der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom, ist kein typischer Vertreter seiner Zeit. Seine Projekte waren aufgrund ihrer formalen Eigenheiten unter Kollegen oft umstritten. Sind Hölzingers frühe Arbeiten noch am Spätwerk Le Corbusiers orientierte, skulpturale Bauten, so führten seine Kontakte mit Künstlern und Komponisten – vor allem während seines Romaufenthalts – zu der für ihn eigenen Verknüpfung funktionaler und künstlerischer Aspekte. Dabei bildet der Aspekt der Raumerfahrung einen zentralen Punkt in seinem Schaffen. Neue Formen, Wellen, Winkel, Schalen, die Fragmentierung von Formen zeichneten von nun an seine Bauten und Plastiken aus. Dass Hölzinger in den 1960er-Jahren eine Planungsgemeinschaft mit dem deutschen Zero-Künstler Hermann Goepfert («Planungsgemeinschaft für neue Formen der Umwelt» – der Name war Programm)  einging, scheint nur folgerichtig. Sie bestand bis zu Beginn der 1980er-Jahre. 

Körperhafte Skulpturen

Wichtige Bauten, etwa Hölzingers eigenes Wohnhaus in Bad Nauheim (1975-77) oder die Wohnbebauung Höhenweg ebenfalls in Bad Nauheim (1969-72) mit ihren markanten «Landschaftsschotten», entstanden in dieser Zeit. Am Höhenweg setzt Hölzinger mit den zwischen den Schotten frei eingespannten Deckenscheiben, die die freie Gestaltung der Wohngrundrisse ermöglichen, die Idee des Wohnclusters um – verdichteter und dennoch frei kombinierbarer Wohnraum. Das Bild der Wellenlandschaft taucht noch einmal beim evangelischen Gemeindezentrum in Friedberg (1969-83) auf, das, in drei Streifen organisiert, Pfarrhaus, Gemeindesaal und Kindergarten aufnimmt. Auch hier ermöglichen flexible Elemente – diesmal sind es die Wände, nicht die Decken – eine freie Raumteilung und -nutzung innerhalb der Streifen. Das eigentlich Faszinierende sind die entstehenden Räume, die, nicht hierarchisiert und geordnet, so gar nichts mit den Räumen gemein haben, in denen wir uns tagtäglich bewegen. Das sich aus den Formen ergebende Öffnen und Verschliessen, die Verweigerung der eindeutigen Zuordnung von Funktionen führt Hölzinger beim Entwurf seines eigenen Wohnhauses in die Senkrechte. Die Skulptur aus in Kreisbögen aufgelösten Wandscheiben ist über die ganze Höhe von schmale Schlitzen durchbrochen, die ein konzentriertes Lichtspiel im Inneren produzieren. 

Raumperspektiven

Die Ausstellung im DAM zeigt neben Modellen, Plänen und Zeichnungen, die Hölzinger anlässlich seines 75. Geburtstags dem Museum übereignete, grossformatige Fotografien von Norbert Miguletz, die die erhaltenen Bauten in ihrem heutigen Zustand porträtieren. Während Projekte wie das für die Bundesgartenschau in Karlsruhe (1967) errichtete temporäre Seerestaurant mit seiner eindrücklichen Dachkonstruktion (in einem orthogonalen Gitterraster eingehängte Lichtröhren) nur mehr über Fotos bewundert werden können, sind die Wohnbauten Hölzingers in gutem Zustand. Anschauen, erleben würde man sie gerne nach dieser Ausstellung, die den Blick öffnet für den Reichtum an sinnlicher Erfahrung, den es in Hölzingers Werk gibt und der ganz eigene Antworten auf die Lehren der Moderne zeigt.