Ar­chi­tek­tur ge­gen die Ohn­ma­cht

Faschistische Architektur besitzt für viele Architektur­interessierte eine seltsame Faszination. Was aber ist mit ihrem Gegenstück, der anti­faschistischen Architektur? Beziehungsweise: Gibt es sie überhaupt? Ein kluger Band widmet sich dieser Frage – zum richtigen Zeitpunkt.

Data di pubblicazione
24-09-2026
Tina Cieslik
Korrespondentin Architektur/Innenarchitektur espazium magazin

Ob Albert Speers Planungen für Adolf Hitlers «Germania» oder die im Auftrag von Benito Mussolini von Giuseppe Terragni erbaute «Casa del Fascio» in Rom – faschistische Architektur beeindruckt, oft wider Willen. Ist es die Gigantomanie, der Bann der Wieder­holung oder gar das Fehlen der Nutzerinnen und Nutzer auf den Bildern? Mindestens ebenso interessant wie die Frage nach den Gründen für diese Ambivalenz ist aber jene nach dem Gegenteil von faschistischer Architektur. 

Gibt es das überhaupt? Und wenn ja, wie sieht eine solche Architektur aus? Andrew Santa Lucia, Design- und Architekturprofessor an der School of Architecture der Portland State University in Oregon, und Daniel Jonas Roche, Redaktor der US-Fachzeitschrift «The Architect’s Newspaper» und Dozent der New School in New York, haben dieser Überlegung einen Band gewidmet, der jüngst bei Park Books erschienen ist. 

Das Thema ist hochaktuell: Nachdem autokratische rechte Regierungen seit einigen Jahren im Westen ein Comeback erleben, sind allmählich auch deren Ansprüche und Einflüsse auf die Architektur zu erkennen. Man denke etwa an den geplanten Triumphbogen in Washington D.C. oder auch den (baulichen) Schaden, den Donald Trumps Regierungszeit bereits im eigentlich denkmalgeschützten Weissen Haus angerichtet hat. 

Während diese Art von Architektur stark auf das Objekt ausgerichtet ist (und auf seine Erschaffer – das generische Maskulinum ist hier bewusst gewählt), zeichnet sich antifaschistische Architektur gemäss Roche und Santa Lucia durch die Abkehr von der objektbezogenen Architektur aus. Die Autoren verstehen Architektur als umfassende soziale Gestaltung: weniger Ich, mehr Wir. Anstatt ersteren eine Bühne zu bieten, holt die Publikation jene ins Rampenlicht, die sich aktiv dem Bauen für die Gemeinschaft verschrieben haben.

Die zwanzig Beispiele, die die Autoren anbringen, sind eklektisch, zuweilen überraschend, oft erhellend. So etwa bei Margarete Schütte-Lihotzky, die regelmässig auf ihren bekanntesten Entwurf, die Frank­furter Küche, reduziert wird. Tatsächlich war sie auch Mitglied der «May-Brigade», einer Gruppe kommunistischer Architektinnen und Architekten. 

Allen, die sich die historischen Antagonisten der antifaschistischen Architektur in Erinnerung rufen möchten sei die Ausstellung «Architekturen der Macht» empfohlen. Sie ist bis Ende November im Pavillon Le Corbusier in Zürich zu sehen. 

Für ihr Engagement wurde sie von den Nazis zu vier Jahren in der Frauenstrafanstalt Aichach verurteilt – während ihre Kollegen des Neuen Bauens wie Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe ihre zweite Karriere in den USA lancierten.

Hart, zart, smart

So konsequent wie die inhaltliche Aufarbeitung ist auch die Gestaltung des Bands: Der hellrote Einband mit silbern glänzenden Lettern in Frakturschrift irritiert und weckt Interesse, der Inhalt ist vom harten Rot-­Schwarz-Kontrast des Antifa-Logos geprägt. 

Demgegenüber stehen die zarten roten Skizzen von Lane Ricks, die sowohl die Bauten als auch die Architektinnen und Architekten porträtieren und so eine eigenständige grafische Klammer über den gesamten Band legen.

Die Autoren bleiben aber nicht in der Politik stehen. Sie erweitern den Begriff der faschistischen Architektur – jetzt wieder ohne «anti» – um eine zeitgenössische Dimension: Auch kapitalistische Markenarchitektur fällt für sie in diese Kategorie – eine provokative These, die sich angesichts der grösser werdenden Schere zwischen Arm und Reich und der neuen Elite der Technologiekonzerne zu debattieren lohnt.

antifascist architecture
Daniel Jonas Roche, Andrew Santa Lucia (Hg.)

Mit Illustrationen von Lane Rick

Park Books, Zürich 2026, 
256 Seiten, englisch, 
92 farbige Abbildungen, 
17 x 21.8 cm

ISBN 978-3-03860-406-8  
Fr. 39,–

Articoli correlati