Minergie-Netto-Null gibt CO₂ einen Preis
Wie wird ein Gebäude treibhausgasfrei? Der Verein Minergie lanciert den neuen Standard Netto-Null, der erstmals Speichereffekte und Negativemissionen bilanziert.
Öffentliche Bauämter stehen unter Druck. Schon bald müssen sie beweisen, dass ein Gebäude dem Klima nicht zwingend schadet. Per 2040 verlangt das nationale Klima- und Innovationsgesetz nämlich Netto-Null bei Neubauten des Bundes und der Kantone. Dafür ist noch einiges zu leisten: Die Energieversorgung ist fossilfrei zu organisieren und auch der Materialeinsatz darf nur noch minimale Mengen an Treibhausgasen verursachen.
Die private Bauwirtschaft steht im Prinzip vor denselben Herausforderungen: Netto-Null-Pflicht für Bau, Betrieb und Erneuerung künftiger Gebäude. Doch dem freien Markt gewährt das Bundesgesetz eine zehn Jahre längere Vollzugsfrist. Erst bis spätestens 2050 soll der Gebäudesektor weitgehend dekarbonisiert werden.
Reduktion bleibt wichtig
Fabian Peter, Präsident des Vereins Minergie und Baudirektor des Kantons Luzern, will nun «die Planungssicherheit verbessern». Deshalb präsentiert sein Verein ab sofort einen Standard Minergie-Netto-Null. Wesentlich dafür ist der Nachweis, dass der Klima-Fussabdruck eines Gebäudes ausgeglichen wird und bei Bau und Betrieb möglichst wenig CO2 in die Atmosphäre gelangt. Allfällige Restemissionen sollen durch Ersatzmassnahmen getilgt werden können. «Vermeiden, speichern und ausgleichen», empfiehlt Minergie-Geschäftsleiter Andreas Meyer Primavesi für das weitere Vorgehen.
«Vermeiden» war schon bisher eine bewährte Minergie-Formel. Auch das neue Netto-Null-Zertifikat definiert Grenzwerte für die Energieeffizienz im Betrieb und die graue Energie bei der Erstellung. Die Grenzwerte entsprechen den bisherigen Grenzwerten des Standards Minergie-P für den Betrieb und dem Grenzwert 1 von Ecobau, wurden also nicht verschärft.
Zusätzlich verlangt das neue Zertifikat jedoch, dass der verbleibende unvermeidbare Ausstoss vollständig auszugleichen ist. Dafür bietet der Minergie-Klimastandard zwei neue Nachweispflichten an, die mit Massnahmen am Gebäude und externen Dienstleistungen zu erfüllen sind.
Speichern von Kohlenstoff
Eine Premiere ist: Der Kohlenstoffgehalt von verbauten Materialien darf als Abzug in der CO2-Bilanz berücksichtigt werden. Diese Rechenmethode ist physikalisch begründbar: Das Gebäude selbst wirkt so als Zwischenlager für Kohlenstoff. Und abseits davon wird Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernt. Zum Beispiel bei Verwendung des Baustoffs Holz: Auf der Fläche des geernteten Holzes wachsen Bäume nach, die mithilfe der Photosynthese CO2 binden.
Klimaexperten der ETH Zürich überprüften die Bilanzierungsregeln für die Kohlenstoffspeicherung wissenschaftlich. Unter anderem wurden für Holz, Stroh, Hanf oder kalzinierten Beton jeweils spezifische Abzugsfaktoren bestimmt, weil diese Baustoffe den Kohlenstoff unterschiedlich lange speichern.
Speicherleistung: Dauer ist relevant
«Der Standard Minergie-Netto-Null will einen bewussten Anreiz für die Kohlenstoff-Speicherung in Gebäuden schaffen», sagt Meyer Primavesi. Über diese und weitere methodische Fragen werde schon lange diskutiert, und Minergie hofft, dass der neue Standard auch einen Anstoss zur Konsensfindung geben kann. Klärungsbedarf besitzt insbesondere die durchschnittliche Verweildauer von Kohlenstoff in einem Gebäude. Die THG-Bilanzierung berücksichtigt eine Gebäudelebensdauer von 60 Jahren. Die Klimaforschung beurteilt diese Spanne jedoch als zu kurz, um sich als Senke auf den gesamten CO2-Kreislauf auswirken zu können.
Bislang wird dieser Aspekt von den Gebäudelabels eher verwirrlich umschifft: Zwar kann der im Gebäude gelagerte Kohlenstoff quantifiziert werden. Der Zweck ist allerdings nur informativ; weder Minergie, SNBS-Hochbau noch der SIA-Klimapfad integrieren die Speicherleistung in den Bilanznachweis. Bei Minergie-Netto-Null ist sie dagegen vollständig anrechenbar, aber auch nur, um den Endbetrag der unvermeidbaren Emissionen zu verringern.
Losgelöst von solchen Labelkriterien kann die Bauherrschaften aber heute schon mehr tun, als verlangt: Mithilfe gebäudespezifischer Informationen über den gespeicherten Kohlenstoff lässt sich ein allfälliger Rückbau eingehender prüfen: Bleibt das Gebäude unverändert stehen, gelangt kein zusätzliches CO2 in die Atmosphäre. Die zweitbeste Erhaltungsstrategie wäre, zumindest die kohlenstoffhaltigen Baumaterialien anderswo wiederzuverwenden.
Neuland in der Labellandschaft
Neuland betritt Minergie auch beim Ausgleichskriterium. Der Netto-Null-Nachweis verlangt, dass die verbleibenden CO2-Emissionen durch eine äquivalente Menge an Negativemissionen zu kompensieren sind. Letztere beruhen auf technischen Verfahren, die der Atmosphäre langfristig CO2 entziehen. Unter anderem bietet Minergie die Ausgleichszertifikate einer Pflanzenkohle-Anlage in Frauenfeld an.
Markt für Negativemissionen
Bei steigender Nachfrage soll das Angebot an solchen Zertifikaten erweitert werden. Der Minergie-Trägerverein ist dazu in Kontakt mit Anlagen im In- und Ausland, wobei deren Negativemissionswirkung jeweils unabhängig überprüft wird. Das Bundesamt für Energie (BFE) begrüsst den Zertifikatehandel seinerseits. BFE-Vizedirektor Patrick Kutschera hofft darauf, dass sich daraus ein Markt für Negativemissionstechnologien entwickelt.
Das CO2-Zertifikat hat jedoch einen hohen Preis. 250 Franken kostet das Ausgleichen einer Tonne CO2 derzeit. Anhand von Fallbeispielen wurde berechnet, dass sich der Preis für das Eliminieren von Restemissionen bei 1 bis 2 % des Baubudgets einpendelt. «Erfahrungsgemäss ist es günstiger, Emissionen zu vermeiden, als Zertifikate einzukaufen», sagt Minergie-Geschäftsleiter Andreas Meyer Primavesi. Damit schafft Minergie einen indirekten Anreiz zur Senkung auch von unvermeidbaren Emissionen. Der Trägerverein hofft nun auf möglichst viele öffentliche und private Bauherrschaften, die selbst ein Gebäude nach dem Minergie-Netto-Null-Standard realisieren wollen.