«Eine unserer Rollen besteht darin, Zielkonflikte zu moderieren»
Das Amt für Hochbauten AHB der Stadt Zürich hat einen neuen Direktor: Enrico Slongo folgt auf Wiebke Rösler Häfliger. Im Gespräch diskutieren sie über hohe Bauvolumen, überbordende Wettbewerbsprogramme und offene Fragen bei Allianzverträgen.
Wiebke Rösler Häfliger, 17 Jahre lang waren Sie Direktorin des AHB. Was war die prägendste Veränderung in dieser Zeit?
Wiebke Rösler Häfliger: Es gab enorm viele Veränderungen. In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der Mitarbeitenden, auf aktuell 235 Personen verdoppelt. Der Grund ist, dass die Bevölkerung der Stadt Zürich gewachsen ist, entsprechend auch das Bauvolumen, und wir immer mehr Aufträge für die öffentlichen Bauten erhalten haben. Dass dieser Aufbau so reibungslos funktioniert hat, liegt an der guten Hauskultur und der stabilen Führungssituation im AHB, darauf bin ich stolz.
Und was die Themen betrifft?
Wiebke Rösler Häfliger: In den letzten Jahren rückten der Klimawandel und die damit verbundenen Themen in den Vordergrund. Das Netto-Null-Ziel, das die ganze Stadtverwaltung stark beschäftigt, fordert uns speziell heraus, weil die Immobilien- und Baubranche einen hohen CO2-Fussabdruck hat. Zurzeit leisten wir Aufbauarbeit zum Thema Kreislaufwirtschaft, etwa bezüglich Re-Use. Was das nachhaltige Bauen angeht, ist das AHB immer eine Nasenlänge voraus. Auch das gehört zu einer hohen Baukultur.
«Der Vergleich zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Verwaltung bringt wichtige Erkenntnisse»
Enrico Slongo
Enrico Slongo, Sie sind neuer Direktor des AHB Zürich und Präsident der Stiftung Baukultur Schweiz. Dank Ihrer Doppelfunktion ist die grösste Stadt der Schweiz in der Stiftung vertreten. Wie wird sich das auswirken?
Enrico Slongo: In beide Richtungen! Die Stiftung kann vom riesigen Know-how profitieren, das die Stadt Zürich aufgebaut hat; kleine Städte und Gemeinden haben dafür schlicht zu wenig Ressourcen. Mit diesem Know-how kann die Stiftung ihre Argumentationen noch besser positionieren, auch gegenüber der Privatwirtschaft. Der Stiftungsauftrag, den das Bundesamt für Kultur definiert hat, besteht ja darin, den Dialog zu pflegen und Verbindungen zu schaffen zwischen der öffentlichen Hand, den Zivilgesellschaften, den Hochschulen und der Privatwirtschaft. Umgekehrt kann ich das Wissen, das die Privatwirtschaft in die Stiftung einbringt, für das AHB nutzbar machen. Der Vergleich zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Verwaltung bringt wichtige Erkenntnisse und Argumente gegenüber der Politik.
Der Begriff Baukultur ist breit. Die Davos Qualitätskriterien nennen acht Themenfelder, die sich sowohl auf das Ergebnis als auch auf dessen Entstehungsprozesse beziehen. Gleichzeitig ist das Bauen in den letzten Dekaden komplexer geworden: Es muss eine Vielzahl von Ansprüchen erfüllen, alle legitim und demokratisch sanktioniert, etwa neue gesetzliche Anforderungen (zum Beispiel Hindernisfreiheit, Grünflächenziffer) und politische Vorgaben (Netto-Null, preisgünstiges Wohnen). Die Regulierungsdichte steigt, und es entstehen Zielkonflikte. Wie geht das AHB damit um? «Es allen ein wenig recht machen» oder «Prioritäten setzen»?
Wiebke Rösler Häfliger: Innerhalb der Stadtverwaltung gibt es eine klare Rollenverteilung, wer welche Themen in die Projekte einbringt. Als Bauherrenvertretung der Stadt Zürich operiert das AHB an der Schnittstelle zwischen Eigentümervertretung, Nutzenden, Planungsbüros und Ausführenden. Eine unserer Rollen besteht tatsächlich darin, Zielkonflikte zu moderieren. Das ist eine Kernkompetenz unserer Projektleitenden. Dabei müssen wir uns natürlich an die Beschlüsse des Stadtrats halten, wir arbeiten im Auftrag der Politik. Entsteht zwischen politischen Stossrichtungen ein Konflikt, der nicht auf Ebene der Projektleitung lösbar ist, wird er der Politik zurückgespielt. Dieser Weg steht immer offen, aber meist gelingt es, innerhalb des Projekts einen Ausgleich zu finden.
«Man muss kritisch hinschauen: Werden die Wettbewerbsprogramme nicht zu kompliziert?»
Wiebke Rösler Häfliger
Eine der Aufgaben als Bauherrenvertretung ist das Durchführen von Konkurrenzverfahren. Auch hier zeichnet sich die neue Komplexität ab: Planerinnen und Planer beklagen, dass Wettbewerbe immer aufwendiger und unwirtschaftlicher werden, weil das Wettbewerbsprojekt schon Fragen beantworten müsse, die in spätere Planungsphasen gehören.
Wiebke Rösler Häfliger: Ja, es gibt eine Tendenz, die erwähnten Zielkonflikte schon in die Wettbewerbsprogramme aufzunehmen: Je früher man diese Widersprüche behandelt, desto einfacher wird es später. Aber man muss kritisch hinschauen: Werden die Wettbewerbsprogramme nicht zu kompliziert? Was könnte man weglassen, was braucht es wirklich in dieser Phase? Ich bin eine Verfechterin des offenen Wettbewerbs: Junge Architekturbüros müssen die Chance erhalten, einen Wettbewerb zu gewinnen und ihr Projekt zu realisieren, selbst wenn sie noch unerfahren sind. Wir können sie begleiten, ihnen bei Bedarf ein erfahrenes Büro zur Seite stellen.
Enrico Slongo: Absolut. Ein weiterer Grund für die Überladung der Wettbewerbsprogramme liegt in den Mechanismen der Politik. Die sind überall gleich: Die Exekutive trägt die Gesamtverantwortung, und es kann vorkommen, dass zwei ihrer Beschlüsse – zum Beispiel günstig bauen und nachhaltig bauen – zu einem Zielkonflikt führen. Die Ämter müssen ein Optimum suchen, um beide Beschlüsse umzusetzen. Aus Sicht der Politik gibt es zwei wichtige Momente: die Beantragung des Projektkredits und die Beantragung des Ausführungskredits. Dann befasst sich die Legislative mit den Krediten, will ihre Verantwortung wahrnehmen und verlangt möglichst genaue Zahlen, die ein Wettbewerbsprojekt zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht liefern kann – ausser, man hat das Programm stark aufgeladen. Die Politik will keine Fehler machen, das hat Konsequenzen auf das Wettbewerbswesen.
Wiebke Rösler Häfliger: Im Vergleich zur Privatwirtschaft hat die öffentliche Hand die Tendenz, einige Leistungen schon in sehr frühen Projektphasen abzufragen. Der Aufwand für die Planungsbüros steigt. Die Schwierigkeit ist, dass dieser Ablauf immer weniger mit den SIA-Phasen übereinstimmt. Deshalb müssen wir auch über Allianzverträge sprechen.
«Bei Allianzverträgen folgen die SIA-Phasen nicht schön aufeinander»
Wiebke Rösler Häfliger
Was wären die Vorteile von Allianzverträgen?
Wiebke Rösler Häfliger: Bei Allianzverträgen folgen die SIA-Phasen nicht schön aufeinander, sondern man holt von Anfang an das ganze Team zusammen, schliesst einen gemeinsamen Vertrag ab und geht zusammen durch dick und dünn. Es gibt keine bilateralen Verträge – «ich bestelle, du lieferst, und am Schluss streiten wir über das Honorar» –, sondern man entwickelt das Projekt gemeinsam. Das AHB verfolgt jetzt ein Pilotprojekt zu Allianzverträgen, das sicher lehrreich sein wird.
Enrico Slongo: Öffentliche Verwaltungen und auch Private, die solche Ansätze erprobt haben, berichten nur Gutes: Das sei die Zukunft der Zusammenarbeit in der Bauwirtschaft.
Nur, wo würde der Allianzvertrag ansetzen? Wohl kaum zum Zeitpunkt des Wettbewerbs?
Wiebke Rösler Häfliger: Im Prinzip erst nach dem Wettbewerbsentscheid, und das ist genau der springende Punkt: Dieses Problem ist noch nicht gelöst. Wie bringt man die Qualität des Entwurfs mit der Idee der Allianzverträge in Einklang? Ich hoffe, der SIA kümmert sich um diesen Punkt, er ist von zentraler Bedeutung. Die architektonische Qualität darf nicht wegen des Vertragswesens auf der Strecke bleiben. Soll man zuerst einen klassischen Wettbewerb durchführen und dann mit dem Siegerteam ein Allianzvertragssystem aufbauen? Oder mit mehreren Teams, die man in einem selektiven Verfahren ausgewählt hat, einen Allianzvertragsprozess aufbauen und dann das Konkurrenzverfahren starten? Das ist ein Zukunftsthema – aber das AHB war schon immer eine Vorreiterin.
«Wir müssen uns intensiv mit dem Bauen im Bestand auseinandersetzen»
Enrico Slongo
Enrico Slongo, bevor Sie nach Zürich kamen, hatten Sie eine analoge Funktion in der Stadt Fribourg inne. Was hat Sie zum Wechsel bewogen?
Enrico Slongo: Hier muss ich etwas ausholen. Als ich in Langenthal als Stadtbaumeister tätig war, umfasste das Amt die Stadtplanung, den Hoch- und den Tiefbau, ich war also auch Stadtingenieur. In Fribourg, wo ich danach Stadtarchitekt war, gab es auch einen Stadtingenieur, die Planungs- und Baurechtsfragen waren auf zwei Ämter verteilt. In Zürich umfasst das Hochbaudepartement vier Ämter: Immobilien Stadt Zürich, das Amt für Hochbauten, das Amt für Baubewilligungen und das Amt für Städtebau, sodass ich mich als diplomierter Architekt nochmals stärker auf mein Kerngeschäft fokussieren kann.
Wo sehen Sie die künftigen Schwerpunkte?
Enrico Slongo: Wir müssen uns intensiv mit dem Bauen im Bestand auseinandersetzen. Können wir noch abbrechen? Und wenn wir es tun, dürfen wir den Abbruch wegwerfen? Oder müssen wir das Material sorgfältig zurückbauen, inventarisieren, zwischenlagern und wieder einbauen? Die Immobilien- und Baubranche verursacht 25 % der inländischen CO2-Emissionen, das ist ein mächtiger Hebel gegen den Klimawandel. Ich erwarte in Zukunft stärkere politische Einschränkungen. Einige baunahe Akteure diskutieren über eine Abbruchsteuer.
«Die Schnittstelle zur Politik muss man sehr genau bearbeiten»
Wiebke Rösler Häfliger
Wiebke Rösler Häfliger, wenn Sie heute zurückschauen: Worauf muss ein AHB-Direktor bzw. eine Direktorin besonders genau achten?
Wiebke Rösler Häfliger: Die Schnittstelle zur Politik muss man sehr genau und sehr sorgfältig bearbeiten: Die fachliche Übersetzungsarbeit in die Politik ist ein wesentlicher Teil der Aufgabe. Man muss für ein gutes Einvernehmen im Amt sorgen, damit alle motiviert an ihre wirklich sehr sinnstiftende Arbeit gehen und ein Maximum leisten. Und natürlich gilt es, die Zusammenarbeit mit den anderen Ämtern zu pflegen.
«Überrascht hat mich die schiere Masse an Projekten»
Enrico Slongo
Enrico Slongo, Sie sind seit Anfang April im Amt. Was hat Sie bisher am meisten beeindruckt?
Enrico Slongo: Die gute Stimmung im Amt ist mir besonders aufgefallen; die Mitarbeitenden sind offen und zugänglich, das ist sehr wertvoll und nicht selbstverständlich. Überrascht hat mich die schiere Masse an Projekten: Neben den grossen, bekannten Bauvorhaben gibt es Hunderte von kleineren Sanierungen und Umbauten. Und natürlich das unglaubliche Wissen, das hier im Amt vorherrscht: Es ist schweizweit bekannt, aber wenn man es direkt erlebt, ist es noch einmal eindrücklicher. Ich freue mich darauf, es weiter zu pflegen und es vielleicht auch öffentlich oder für andere, kleinere Städte zugänglich zu machen.
Gesprächspartner:innen
Der Architekt und Raumplaner Enrico Slongo ist seit 1. April 2026 Direktor des Amts für Hochbauten AHB der Stadt Zürich. Davor amtierte er als Stadtarchitekt in Langenthal und Fribourg. Er ist Präsident der Stiftung Baukultur Schweiz.
Die Architektin Wiebke Rösler Häfliger war 17 Jahre lang Direktorin des Amts für Hochbauten AHB der Stadt Zürich. Davor war sie als Stadtbaumeisterin in St. Gallen und als Vizedirektorin Stadtbauten Bern tätig.