In­spi­rie­ren­de Vor­bil­der

Lange Zeit war die Bezeichnung Ingenieur eng mit dem Militär verbunden. Frauen waren von der höheren Bildung ausgeschlossen, und traditionelle Geschlechterrollen taten ihr Übriges, damit der Ingenieurberuf ein männlicher wurde. Wo waren die Frauen? Einige haben sich nach vorn gewagt.

Data di pubblicazione
16-12-2021

Technische Glanzleistungen gab es schon in der Antike, den Begriff Ingenieur hingegen nicht. In der Antike waren es ­Architekten, die in verantwortlicher Stellung technisch und organisatorisch anspruchsvolle Aufgaben lösten oder komplexe Anlagen planten und realisierten. «Für Techniker, die sich mit mechanischen Prinzipien oder In­strumenten beschäftigten, gab es Berufsnamen, die sich aus den Begriffen mechaniké oder mechané ableiten. Das lateinische Wort ingenium bedeutet dagegen Geist oder scharfer Verstand und bezeichnet im Mittelalter die Experten für Kriegsgerät. Der frühere Inge­nieur (ingeniarus) war denn auch Baumeister für Festungen, Schlossanlagen, Wasserbau oder Mühlen und er war Organisator zur Eroberung befestigter Anlagen.»1

Die Universität Leiden (Niederlande) bot schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts Vorlesungen in Zählkunst und Landmessen für Ingenieure an. Eine Spezia­li­sierung der Fachrichtungen begann zuerst im Mili­täringe­nieurwesen in Frankreich: In Paris entstanden 1720 die Ecole d’Artillerie, 1747 die Ecole des Ponts et Chaussées und 1794 die Ecole Polytechnique. Es folgten polytechnische Schulen in Prag (1806), Wien (1815) und Berlin (1821). In der Schweiz eröffneten 1853 die Ecole des ingénieurs de l’Université de Lausanne (heute Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne EPFL) und 1855 das Polytechnikum in Zürich (heute Eidgenössische Technische Hochschule ETH). Die zivile Entwicklungslinie des Ingenieurberufs geht direkt vom Handwerk aus.

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Im Spätmittelalter waren Frauen von kaum einem Gewerbe generell ausgeschlossen und daher in vielen Handwerkszünften vertreten, jedoch je nach Bereich in unterschiedlichem Mass und verschiedenen Positionen. Im Baugewerbe sind Meisterinnen und Gesellinnen nicht nachgewiesen; Frauen waren vermutlich nur mit Hilfs- und Handlangertätigkeiten beschäftigt. Im ausgehenden Mittelalter unterlagen Frauen im Kampf um die knapper werdenden Arbeitsplätze, die wachsende Bevölkerung und die Landflucht führten zu einem ­Überangebot an Arbeitskräften. Hinzu kam die Demoralisierung durch die Hexenverfolgungen.

Mithilfe von Arbeitsbeschränkungen und -verboten, häufig auf Druck männlicher Gesellen oder konkurrierender ­Meister erwirkt, wurden sie schliesslich ganz aus den qualifizierten Berufen verdrängt. Die Vertreibung aus den Zünften und die Wiedereinführung der Geschlechtervormundschaft in Verbindung damit, dass ihnen der Zugang zu Schulen und Ausbildungen verwehrt wurde, führten dazu, dass sich der Ingenieurberuf als reiner Männerberuf entwickeln konnte.2

Sarah Guppy: Erfindungen und Patente

Sarah Guppy (1770–1852, Bristol, GB) verfügte über die drei Dinge, die im frühen 19. Jahrhundert für eine Frau unerlässlich waren, um in der sehr männlich geprägten Welt des Ingenieurwesens ernst genommen zu werden: Geld, eine hervorragende Ausbildung und soziale Kontakte.

Im Jahr 1811 patentierte sie «eine neue Art der Konstruktion und Errichtung von Brücken und Eisenbahnlinien ohne Bögen oder Pfosten, wodurch die Gefahr vermieden wird, von Überschwemmungen weggespült zu werden». Sie war damit die erste Frau, die eine Brücke patentierte. «Das Patent enthält keine Zeichnungen und keine detaillierten Informationen darüber, wie die Brücke tatsächlich gebaut werden sollte. Aus ihrer Beschreibung geht jedoch hervor, dass sie ein Paar Ketten vorsah, über die Holzplanken gelegt werden sollten, um das Deck zu bilden. Die Ketten sollten an einer Art Holzgerüst verankert werden, das durch Pfähle geschützt werden sollte, obwohl es keine genauen Angaben darüber gibt, wie sie dies erreichen wollte.»3 

Sie fertigte ein detailliertes Modell an, um die Wirksamkeit ihres Entwurfs zu demonstrieren. Leider wurde die Brücke trotz ihrer eigenen Investition in das Projekt nie gebaut.

Sarah Guppy war eine Zeitgenossin der bekannten ­Brückenbauer Isambard Kingdom Brunel und Thomas Telford, mit beiden war sie befreundet. Sie war eine  begeisterte Befürworterin des Plans für die Clifton-Hängebrücke (Clifton Suspension Bridge, England, ­Fertigstellung 1864) und gestattete Thomas Telford die kostenlose Nutzung ihrer Patente für das sichere Einrammen von Pfählen beim Bau der Brücke über die Menai-Strasse (Menai Suspension Bridge, Wales, Fertigstellung 1826).

Guppy war es auch, die empfahl, die Eisenbahndämme der Great Western Railway gegen Erosion und Böschungsrutsche durch das Pflanzen von Pappeln und Weiden zu sichern. Sie war aber nicht nur Erfinderin, sondern auch Geschäftsfrau, griff als Autorin und Reformerin in bautechnische Diskurse ein und setzte sich für Veränderungen gesellschaftlicher Probleme ein.4

Die Schweiz übernahm eine Vorreiterrolle

Das Leben von Frauen im 19. Jahrhundert war von Rechtlosigkeit geprägt. Sie durften weder über sich selbst bestimmen noch am politischen Leben teilnehmen. An eine höhere Bildung war nicht zu denken. Erst im späten 19. Jahrhundert bzw. frühen 20. Jahrhundert änderte sich das. An der Universität Zürich durften sich weibliche Studierende erstmals 1863 einschreiben. Zürich entwickelte sich daraufhin zu einem Magneten für ausländische Studentinnen, hauptsächlich aus Russland, die in ihren Heimatländern nicht studieren durften. 1873 betrug der Frauenanteil bereits rund 26%.

Die Nachricht, dass an der Universität Zürich nun auch Frauen studierten, verbreitete sich schnell. Bald folgten weitere Schweizer Universitäten. 1872 wurden Studentinnen an der Universität Genf und der Universität Bern zugelassen. In Basel dauerte es noch etwas länger, dort durften Frauen erst im Jahr 1890 studieren. Der Anteil der Schweizerinnen blieb bis zur Jahrhundertwende sehr gering. Gründe dafür waren die negativen Reaktionen in der Bevölkerung und die schulischen Hindernisse, die sich den Frauen stellten. Denn Mädchen durften in der Schweiz keine vorbereitenden ­Gymnasien besuchen, was den Eintritt in das Studium erheblich erschwerte.

Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 40/2021 «Dünn gesät».

Einige Pionierinnen

 

Emily Warren Roebling (1843–1903)
Die Geschichte der Autodidaktin ist relativ bekannt. Sie hielt den Bau der Hängebrücke über den East River in New York am Laufen, als ihr Mann Washington Roebling erkrankte und dauerhaft ausfiel. Das nötige Wissen eignete sie sich durch Bücher und mithilfe ihres Manns an. Nach der Fertigstellung der Brooklyn Bridge studierte Emily Roebling Mathematik und Jura und setzte sich für die Rechte der Frauen ein.

 

Dorothy Donaldson Buchanan (1899–1985)
Die Bauingenieurin aus Schottland schloss 1923 ab und wurde 1927 als erste Frau in die Institution of Civil Engineers aufgenommen. Sie bearbeitete viele Brückenprojekte, darunter die Sydney Harbour Bridge (1923–1932), die Tyne Bridge in Newcastle-upon-Tyne (1925–1928) oder die Lambeth Bridge (1929–1932), London. 1930 verliess sie das Büro, um zu heiraten – ihrer Meinung nach war es nicht möglich, Familie und Beruf gut zu vereinbaren.

 

Martha Schneider (1902–2001)
Die erste deutsche Bauingenieurin kennt man vor allem als Autorin des Tabellenwerks «Stahlbau-Profile», das sie von Anfang der 1930er-Jahre bis an ihr Lebensende betreute.

 

Sonja Lapajne Oblak (1906–1995)
Als erste Slowenin schloss sie 1932 ihr Studium ab. Zwischen 1934 und 1943 beschäftigte sie sich mit der Berech­nung von Stahlbetonkonstruktionen. Später war sie Direktorin am Institut für Architektur, Städtebau und Bauingenieurwesen in Ljubljana.

 

Elfriede Tungl (1922–1982)
Sie studierte in Wien und gilt als erste promovierte Bauingenieurin in Europa (Dr.-Tech., 1950). Als Krönung ihrer Laufbahn als Wissenschaftlerin folgte die Ernennung zur ausserordentlichen Professorin für Elastizitäts- und Festigkeitslehre an der TU Wien.

Anmerkungen

 

Dahinter steht ein Bauingenieur., Broschüre der Berufsgruppe Ingenieurbau im SIA, Zürich 2009/2015.

2 Moniko Greif/Kira Stein (Hg.): Ingenieurinnen, Daniela Düsentrieb oder Florence Nightingale der Technik, Schriftenreihe NUT – Frauen in Naturwissenschaft und Technik e. V., Mössingen-Talheim 1996, S. 129f.


3 Justin Pollard: .The eccentric engineer: Sarah Guppy. in: Engineering and Technology, Vol. 16, Issue 10, 16.10.2021.


4 Margot Fuchs: Pionierinnen der modernen Grossbaustellen. in: Queens of Structure, Projekte und Positionen von Bauingenieurinnen, Berlin 2021.

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