In­ge­nieu­re oh­ne Gren­zen: Hil­fe für Frauen in Bo­snien-Her­ze­go­wi­na

Ingenieure ohne Grenzen Schweiz (IngOG+) engagiert sich mit Partnerorganisationen und lokalen Behörden für den Aufbau einer Wohngemeinschaft für sozial benachteiligte Frauen. Die Ingenieurinnen und Architekten werden vor zahlreiche Herausforderungen gestellt.

Data di pubblicazione
24-09-2020

Vor 25 Jahren endete der Bosnienkrieg mit der Unterzeichnung des Dayton-Vertrags. Mehr als 100 000 Menschen starben während des vierjährigen Kriegs, und unzählige mussten ihre Heimat verlassen. Auch heute noch ist Bosnien-Herzegowina vom Krieg gezeichnet: Die Volksgruppen der Bosniaken, Serben und Kroaten leben weitgehend voneinander getrennt. Ein blockiertes politisches System, Kor­ruption sowie eine gleichbleibend schlechte Wirtschaftslage prägen die Gesellschaft.

Der Krieg, die damit verbundene Gewalt und der organisierte sexuelle Missbrauch haben Tausende traumatisierte Frauen hinterlassen, die heute oft ohne familiären Rückhalt auf sich allein gestellt ihren Alltag bewältigen müssen. Viele dieser Frauen leben in tiefer Armut und leiden unter den psychischen und physischen Folgen der erlittenen Traumata. In der patriarchisch geprägten Gesellschaft Bosnien-Herzegowinas sind diese Frauen praktisch unsichtbar. Auch vonseiten der Behörden wird die Problematik nicht aktiv angegangen und nur ­wenig zur Verbesserung der Situation unternommen.

Wohngemeinschaft für benachteiligte Frauen

Im Umland der Kleinstadt Gradacˇac im Norden von Bosnien-Herzegowina soll für sozial benachteiligte Frauen ein neues Zuhause geschaffen werden. Mit dem Bau eines Hauses für eine Wohngemeinschaft entsteht eine Ergänzung zum bisher sehr begrenzten Angebot an Sozial- und Alterswohnungen.

Die Frauen sollen gemeinsam in ­einem Haus – in Form einer sozialen Wohngemeinschaft – leben und sich durch die Bewirtschaftung des umliegenden Lands grösstenteils selbst versorgen. Die gegenseitige Unterstützung der Bewohnerinnen fördert ihre Autonomie und befähigt sie zu emanzipatorischem Handeln. Die Frauen gestalten ihren Wohn- und Lebensalltag selbstbestimmt, selbstorganisiert und möglichst eigenständig. Eine ausgebildete Betreuungsperson begleitet die Gemeinschaft und hilft den Frauen bei Bedarf.

Unterstützung bei der Umsetzung

Projektinitiantin ist Hazima Smajlovic’. Die gebürtige Bosnierin aus Gradacˇac ist 1993 mit ihren Kindern in die Schweiz geflüchtet und lebt heute in Basel. Unterstützt wird sie durch den Verein Ingenieure ohne Grenzen Schweiz (IngOG+). Das Projektteam von IngOG+ übernimmt die Projektleitung und Finanzierung, koordiniert die Planung sowie den Bau des Hauses, begleitet den Aufbau der Wohngemeinschaft und der zugehörigen Organisationsstruktur und führt alle involvierten Parteien zusammen. Die Planung des Projekts sei nicht immer geradlinig verlaufen, resümiert das Projektteam von IngOG+, denn vieles laufe in Bosnien etwas anders als in der Schweiz.

Das in Zürich und Belgrad ansässige Architekturbüro TEN ist in Zusammenarbeit mit Bessire Winter, ebenfalls ein Architekturbüro, verantwortlich für die Planung und Ausführung der Wohnbauten. Der Betrieb der Wohngemeinschaft wird durch die in Bosnien gegründete Stiftung Naš Izvor sichergestellt. IngOG+ bleibt als Gründer der Stiftung eng mit dem Projekt verbunden. Die Auswahl der Bewohnerinnen übernimmt ein Komitee, bestehend aus Mitgliedern der Stiftung Naš Izvor, der Partnerorganisation Vive Žene sowie Vertreterinnen des Sozialamts der Gemeinde Gradacˇac. Der Betrieb der Wohngemeinschaft wird durch die Stiftung sowie Förderbeiträge der Gemeinde Gradacˇac und des Kantons Tuzla finanziert.

Neue Massstäbe setzen

IngOG + mit TEN und Bessire Winter setzten von Anfang an auf einen ausdrucksstarken Entwurf. «Mit dem Bauwerk soll den Frauen und dem Projekt auch eine grössere Sichtbarkeit in der Gesellschaft verschafft werden», erklärt Architekt Nemanja Zimonji von TEN.

Ein Haus bietet naturgemäss Schutz und Geborgenheit. Bei dieser Aufgabe geht es jedoch nicht nur darum, ein Haus, sondern ein ganzes Lebensumfeld zu entwerfen: einen Ort des Alltags, der sowohl Rückzug als auch Begegnung ermöglicht. Durch eine symmetrische Gestaltung mit identischen Zimmern und eine Beschränkung des Wohnbereichs auf das Erdgeschoss ergibt sich eine gleichberechtigte Wohnsituation. Zum Wald hin orientierte, grosszügige Einzelzimmer gewährleisten Privatsphäre.

Das gemeinschaftliche Le­­ben findet im Wohnbereich des Hauses statt: Eine lang gezogener Wohnsaal zwischen zwei Badezimmern bietet Raum für das kollektive Zusammenleben der Frauen. Der Raum bietet verschiedene Wohn­kulissen, die ihn funktional unterteilen und den Bewohnerinnen bei ­Bedarf «Nischen» innerhalb der Gemeinschaft ermöglichen. In den warmen Jahreszeiten spielt sich das Zusammenleben vor und um das Haus ab. Ein multifunktionaler, einfach gehaltener dachstockartiger Raum im Obergeschoss bietet er­gänzende Nutzfläche. Dieser entzieht sich dem eigentlichen Wohnbetrieb und fungiert als Büro für die Betreuungsperson, Schlafsaal für Besuchende oder Stauraum.

Das Bauprojekt ist bei der Gemeinde eingereicht worden und befindet sich aktuell in Prüfung bei der zuständigen Behörde. Ende September 2020 soll ein wichtiger Meilenstein im Projekt erreicht werden: IngOG + hofft, mit dem Beginn der Bauarbeiten auch die eigene Glaubwürdigkeit bei den lokalen Behörden zu stärken. In der Vergangenheit haben die Bosnierinnen und Bosnier bei vielen Hilfsprojekten schlechte Erfahrungen gemacht.

Das Projekt unterstützen

Die Projektkosten, inklusive des ­ersten Betriebsjahrs, betragen insgesamt 215 000 Fr., wovon rund drei Viertel bereits gedeckt sind. Für die verbleibenden Kosten sammelt IngOG + nochmals Spenden. Das Fundraising sei ein aufwendiger Prozess. Die Freude und Dankbarkeit aller Beteiligten sei die Mühe aber wert, sind sich alle vom ­IngOG + -Projektteam sicher.

Spenden


Ingenieure ohne Grenzen Schweiz, 8092 Zürich,
IBAN: CH47 0900 0000 6015 4664 3, Zahlungszweck: BIH001; www.ingog.ch/donate

 

Ingenieure ohne Grenzen Schweiz (IngOG+)


Ingenieure ohne Grenzen Schweiz (IngOG+) ist eine gemeinnützige Organisation, die im Bereich der Entwicklungshilfe tätig ist. Als Mitglied des internationalen Netzwerks Ingenieure ohne Grenzen International (IOG) besteht die Organisation in der Schweiz seit 2008. Ihre rund hundert Mitglieder setzen sich ehrenamtlich und mit viel Herzblut dafür ein, benachteiligte Gemeinschaften weltweit mithilfe von ingenieurtechnischen Projekten und aktivem Wissenstransfer zu ermächtigen und sich nachhaltig zu entwickeln.


Architektur- und Forschungsstudio TEN / Bessire Winter


TEN ist ein in Zürich und Belgrad ansässiges Architektur- und Forschungsstudio, zusammengesetzt aus Fachleuten der Bereiche Architektur, Design, Architekturgeschichte, Literatur, Wissenschaft und Kunst. TEN praktiziert seinen Ethos durch ein Portfolio von selbst initiierten Projekten, die es mit spezialisierten Forschungsabteilungen, der Öffentlichkeit, lokalen Regierungen und Vertretungen von Gemeinschaften sowie privaten Kunden realisiert.

Bessire Winter ist ein Architektur­büro mit Sitz in Feldbrunnen SO. Zurzeit arbeiten Céline Bessire und Matthias Winter an der Realisierung von kleineren Bauprojekten. Der Gewinn des Förderpreises 2020 des Kantons Solothurn ermöglicht ihnen nun, das Feld ihrer Arbeit um die forschende Komponente zu erweitern. Mit der Gründung der unabhängigen Architekturzeitschrift «Delphi» starteten sie 2017 eine Debatte über aktuelle Themen in der Architektur, die mittels Publikationen mit wechselnder Autorenschaft, Filmprojekten, Ausstellungsbeiträgen und Veranstaltungen eine junge Generation von Architekten zu Wort kommen lässt.

Etichette