«Der Trum­pf der Was­ser­kraft liegt in der Spei­che­rung»

Die ökologische Sanierung der Wasserkraft ist eine Herkulesaufgabe. Robert Boes, Professor für Wasserbau an der ETH Zürich, erläutert die Herausforderungen, Erfolg versprechende Ansätze und ­weshalb die Sanierungsfrist bis 2030 mehr als sportlich ist.

Data di pubblicazione
16-04-2020

TEC21: Herr Boes, was sind die wichtigsten Herausforderungen, die die Wasserkraftbranche gegen­wärtig zu meistern hat?

Robert Boes: Die Marktpreise für die erzeugte Kilowattstunde sind zwar etwas besser als in der jüngeren Vergangenheit, liegen aber oft weiterhin unter den Gestehungskosten. In diesem Marktumfeld sind die politisch festgelegten Wasserzinsen zu hoch und zu starr. Sie sollten deshalb dynamisch ausgestaltet werden. In energiewirtschaftlich guten Zeiten könnten die Erlöse für das Gemeinwesen und das Berggebiet vielleicht sogar etwas höher ausfallen als heute, in schlechten Zeiten müssten sie dafür aber tiefer sein.

Wichtig wäre zudem, die Rahmenbedingungen so auszugestalten, dass die Speicherfähigkeit der Wasserkraft und die Systemdienstleistung für eine funktionierende Elektrizitätsversorgung besser honoriert werden. Schon seit fast 20 Jahren verbraucht die Schweiz im Winter mehr Strom, als sie produziert. Durch den Wegfall der Kernkraftwerke wird diese «Winterlücke» in Zukunft noch grösser. Hier könnte die Speicherwasserkraft einen wichtigen Beitrag leisten.


Strom aus Wasserkraft ist bei der Treibhausgasbilanz vorbildlich. Unter anderen ökologischen Aspekten, besonders was die Auswirkungen auf die Gewässer betrifft, steht sie hingegen immer wieder in der Kritik. Warum ist es wichtig, hier Fortschritte zu erzielen?

Wenn die Wasserkraft nachhaltig sein will, dann muss sie die negativen Auswirkungen auf die Gewässer mindern und mildern. Nur dann ist ihr ökologischer Fussabdruck insgesamt gut und nicht nur beim Klimaschutz. Eine Verbesserung der ökologischen Verhältnisse fordert auch das Gewässerschutzgesetz. In diesem stehen die Fischdurchgängigkeit, die Minderung der kurzzeitigen Abflussschwankungen und die Verbesserung des Geschiebehaushalts im Vordergrund. Gerade wenn Stauräume verlanden, ist eine Durchleitung der Sedimente eine Win-win-Situation. Davon profitieren der Anlagenbetreiber und die Ökologie gleichermassen.

Eine ausführlichere Version dieses Artikels finden Sie in TEC21 10/2020 «Das Dilemma mit der Wasserkraft».

Der Sanierungsfahrplan mit der Frist bis 2030 ist ehrgeizig.

Wir sind jetzt auf halbem Weg. Der Startschuss erfolgte 2011 mit dem revidierten Gewässerschutz­gesetz. Viele erachteten das damals als sportlich, vor allem, weil man zum Teil noch keine Lösungen hatte. Umgekehrt kann man aber sagen, dass der ehrgeizige Fahrplan auch viel Schub bewirkt hat. Wenn wir die Kosten betrachten, dann wird die Milliarde Franken, die vorgesehen ist, nicht reichen. Aber mit diesem Geld kann man erst mal viel Gutes bewirken.

Wichtig ist eine Priorisierung. Zuerst sollten die Projekte mit viel Nutzen angepackt werden. Der Flaschenhals bei der Realisierung sind übrigens nicht nur die finanziellen Mittel, sondern oft auch die menschlichen Ressourcen und der Mangel an Fachleuten.


Die Frage drängt sich auf: Wie kann die ökologische Sanierung der Wasserkraft vor dem Hintergrund
der Energiestrategie 2050 gelingen?

Ich frage mich, ob man nicht fragen muss: «Wie kann die Energiestrategie bezüglich der Ziele für die Wasserkraft vor dem Hintergrund der Ökologisierung der Wasserkraft gelingen?» Zunächst sind das ja schon Zielkonflikte. Durch mehr Ökologie bei der Wasserkraft geht bei der Produktion etwas verloren.

Es fragt sich, wo denn der Wert der Wasserkraft für die Energiestrategie liegt. Nach meinem Dafürhalten stehen etwas zu einseitig immer nur die Jahres-Kilowattstunden im Vordergrund. Der Trumpf der Wasserkraft liegt aber vor allem in der Speicherung und der Winterenergie. Die zusätzlich benötigten Kilowattstunden müssen primär von anderen Techno­logien kommen. Zum Beispiel von der Photovoltaik. Diese wiederum benötigt Speichermöglichkeiten. 


Könnte der Verlust an Stromproduktion anderswo kompensiert werden?

Würden etwa 20 bestehende alpine Wasserkraftspeicher ausgebaut, könnten 2 bis 2.5 TWh mehr saisonal gespeichert werden. Ein solcher Ausbau würde die reine Jahresproduktion zwar nur unwesentlich erhöhen, aber zusätzliche Kapazitäten für wertvolle Winterenergie schaffen. Die Stau­mauern Mauvoisin und Luzzone wurden beispiels­weise um einige Meter erhöht, für den Grimsel besteht ein Projekt.

Die zweite Stossrichtung wäre, neue Speicher im hochalpinen Raum zu schaffen, dort, wo durch den Rückzug der Gletscher neue Standorte entstehen. Der Triftgletscher im Berner Oberland ist ein gutes Beispiel. Bei vielen potenziellen Standorten gibt es aber Konflikte mit den Schutzinteressen. Daher kann ich mir auch nicht vorstellen, dass am Alpenrhein oder am Hochrhein in bisher noch nicht genutzten Abschnitten neue Flusskraftwerke gebaut werden.

Die Abwägung zwischen Schutz und Nutzung der Gewässer bleibt eine gesellschaftliche Aufgabe.

Weitere Artikel zum Spannungsfeld Wasserkraft und Ökologie finden Sie hier.

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