Siedlung statt Tomaten

Projektwettbewerb Holligen Nord, Bern

Fünf Tramstationen vom Hauptbahnhof Bern entfernt schlummert seit Jahren ein Familiengartenareal. 2011 beschloss die Politik, es für eine Wohnsiedlung mit Quartierpark freizugeben. Ein Wettbewerb zeigt auf, was hier entstehen könnte.

Charles von Büren Bautechnik/Design, Korrespondent TEC21

Die Ausschreibung verlangte viel: durchmischte Nutzung, eine hohe Anzahl günstiger Vierzimmer- und grösserer Wohnungen, eine nachhaltige, verdichtete Bauweise, Rücksicht auf die bestehende Siedlungsstruktur und die direkte Nachbarschaft. Der bestehende Sportplatz «San Siro» und der Spielplatz waren in die Planung einzubeziehen, der Grünraum südlich der Schlossstrasse soll zu einem späteren Zeitpunkt umge­staltet werden.

Für die Wohnsiedlung Mutachstrasse in Holligen im Westen von Bern suchte die Stadt Bern eine Bietergemeinschaft, die die Planung, Finanzierung, Baurealisation und den Betrieb übernimmt und garantiert. Als Bauträger waren ausschliesslich gemeinnützige Wohnbauträger aus der Schweiz zugelassen. Für den Stadtteilpark Holligen Nord wurde ein Landschaftsarchitekturbüro für die ­Ausarbeitung und Ausführung des Bauprojekts gesucht.

Ambitionierte Ziele

Das qualifizierte Verfahren sollte ein architektonisch und funktional überzeugendes, nachhaltig tragfähiges und damit auch kostengünstiges Projekt hervorbringen, das aufgrund des Baurechtsvertrags zu realisieren ist. Gewünscht waren städtebaulich und architektonisch zeitgemässe Bauten und Anlagen, die in ihrer Gesamtheit identitätsstiftenden Charakter zeigen. Wohn­umfeld und Park sind hier für die Lebensqualität entscheidend. Die Wohnungen sollen einfach und robust mit hohem Gebrauchswert gestaltet sein, erschwinglich und geeignet für Haushalte mit Kindern.Unter mehreren denkbaren Konzepten machte das Projekt «Huebergass» von GWJ Architektur aus Bern das Rennen. Es erhielt einstimmig den Zuschlag für den ersten Rang und soll weiterbearbeitet werden.

Oase für alle

«Huebergass» setzt die bestehende nord- und ostseitig angrenzende Quartierstruktur fort. Mit einem schmalen Innenhof entsteht räumliche und auch soziale Dichte. Gegenüber den nördlichen Nachbarbauten ist ein Gartenhof geplant, der südlich gelegene Park ist über seine vorgesehene Dimen­sion hinaus ausgeweitet. So ergeben sich Freiräume, die der Siedlung ein reiches Aussenraumangebot verschaffen.

Der Hauptzugang zum Hof liegt an der Huberstrasse, doch ­machen Lücken zwischen den Gebäuden diesen Aussenraum, eben die «Huebergass», durchlässig. Auch die Wohnungen mit ihren offenen Treppenanlagen sind darüber erschlossen. Zusammen mit den Aussensitzplätzen – mit Kletterpflanzen bewachsene Holzstrukturen – er­geben sich luftig wirkende Körper. Im Erdgeschoss finden sich Clusterwohnungen, Ateliers, Werkstätten, Waschküchen und Wohnungen. Das verspricht eine lebendige Hof­nutzung ungeachtet der räum­lichen Nähe der Häuser. Die in den Ober­geschossen gelegenen Wohnungen sind weitgehend als Zweispänner vorgesehen. Sie erscheinen trotz knappen Flächen gut nutzbar und proportioniert.

Die Freiräume der Siedlung wirken insgesamt attraktiv und lassen eine hohe Qualität des Zusammenlebens erwarten. Der Park soll sich nach den Worten der Autoren zu einer «wilden Quartier­oase» entwickeln. Dementsprechend ist das Erdgeschoss der Gebäude als Hochparterre ausgebildet, und in den oberen Geschossen wird auf ­Balkone verzichtet. Stadträumlich kann so ein eigenständiges Quartier entstehen. Soziale Kontakte unter Bewohnern, Nutzern und Gästen dürften dadurch gefördert werden, allerdings muss man auch die fehlenden Rückzugsmöglichkeiten akzeptieren.

Das Beurteilungsgremium schätzt das Projekt «Huebergass» als äusserst sorgfältig erarbeitet und vielschichtig ein. Eingebunden in den Stadtkörper schaffe es Mehrwerte für sein Umfeld. Bern kann so ein interessantes Vorzeigepro­jekt für gemeinschaftsorientiertes Wohnen erhalten.

Inspirierende Ideen

Insgesamt zehn Entwürfe wurden eingegeben. Die in der engeren Wahl verbliebenen Projekte warten mit unterschiedlichen Ideen auf. Je nachdem, wie die Wohnbauten gesetzt und erschlossen sind, verändert sich das Verhältnis der Siedlung zum Baubestand, den Freiräumen und zur Parkanlage.

Das Projekt «Buweli» von Müller Sigrist Architekten aus Zürich besetzt das Baufeld A in seiner ganzen Ausdehnung neu. Zwei langgezogene und abgewinkelte Bau­körper folgen den vorherrschenden Richtungen von Ost bis West, wie sie durch die bestehenden Strassenzüge und Gebäudegruppen vorgegeben sind. Ein hofähnlicher Raum öffnet sich südlich zum Stadtteilpark. Insgesamt ist das ein einfaches und klares Bebauungsmuster. Die Wohnungen sind optimal besonnt, Cafeteria und Gemeinschaftsraum schaffen die Anbindung an den Freiraum. Allerdings erschien der Jury der Stadtteilpark zu schematisch und wenig identifikationsstiftend.

Mit einer klaren Haltung zum Ort wartet das Projekt «Mutachhof» von Bauart Architekten und Planer aus Bern auf. Eine Häusergruppe bildet den gemeinschaftlichen Freiraum der Siedlung; ein halböffentliches Innen und ein Aussen, das gegenüber dem Park einen klaren Siedlungsrand markiert. Das strenge Grundrissraster ergibt quadratische Räume von 14 m2, die als Zimmer, Wohnküche oder für Nebenräume dienen. Die Wohnungen werden grundsätzlich über die Küche betreten. Das Projekt ist differenziert durchgearbeitet und passt gut ins Quartier. Nachhaltigkeit und Bewirtschaftungskonzept sind breit thematisiert. Allerdings scheint der Park in seiner Gestaltung stark determiniert und lässt wenig Raum für Eigeninitiativen der Bewohner.

Zwei grossmassstäbliche, bauliche Klammern fassen den Bestand beim Projekt «Rot Grün Mitte» von Rykart Architekten aus Liebefeld zu einer städtebaulichen Figur zusammen. Der Abschluss zum Park ist klar gestaltet, im grosszügigen Hof steht ein Hofhaus. Die Verbindung zum öffentlich-urbanen Park stellt ein breiter Durchgang zwischen den beiden Wohnzeilen her. Diese bieten von Geschoss- bis zu Maisonettewohnungen ein weites Typenspektrum an und sind über hofseitige Laubengänge erschlossen. Die räumlich auf ein Minimum reduzierten Grundrisse verzichten auf Verkehrsflächen und weisen spartanisch gestaltete Eingänge auf. Das Projekt wirkt städtebaulich klar und nimmt Bezug auf den Bestand. Allerdings ist das Hofhaus in seiner Position und Nutzung fragwürdig.

Der Vorschlag «Cascades» der Berner Ateliergenossenschaft Werkgruppe zusammen mit Reinhardpartner, Architekten und Planer addiert zum nördlichen Baubestand eine weitere Zeile und schafft so eine an das Strassennetz des Quartiers angeschlossene Wohn­gasse. Das erweitert den Parkraum deutlich. Sämtliche Wohnungen ­verfügen über Sicht in den Park, ­zwischen diesem und der Wohnzeile liegen Mietergärten. Die Wohnungsgrundrisse beruhen auf einem einfachen Grundraster mit innen liegenden Küchen. Die Räume können unterschiedlich organisiert und genutzt werden. Die zurückhaltende Bebauung wirkt ansprechend, lässt aber wenig von einem Aufbruch in ein neues Kapitel des Berner Wohnbaus spüren.

Ende gut, alles gut?

In der Stadt Bern auf einem freien Areal zu planen und zu bauen ist kein einfaches Unterfangen. Zwar wird über fehlenden Wohnraum geklagt. Wenn es aber zur Abstimmung dar­über kommt, ob eine Wiese zu Bauzwecken freizugeben sei, ist politischer Hickhack vorprogrammiert – so etwa im Viererfeld, dessen Zonenplanung 70 Einsprachen ausgelöst hat. Auch auf dem Gas­werkareal an der Aare soll gebaut werden – gemäss einem Bericht der Tageszeitung «Der Bund» womöglich schon ab 2021 –, ebenfalls mit kostengünstigen Wohnungen. Allerdings steht hier das Jugend­zentrum «Gaskessel», und ob es bleiben kann oder nicht, ist noch offen.

Für die Siedlung Mutachstrasse stehen die Chancen jedoch gut, dass dort bald die angedachten «identitätsstiftenden Bauten» entstehen und der Park sich als «wilde Quartieroase» entwickelt. Das Grüngebiet um das Schloss Holligen südlich der Siedlung prägt den Ort schon heute stark. Auf dieses Bauvorhaben darf man gespannt sein.

Auszeichnungen

1. Rang / 1. Preis: «Huebergass»
Wir sind Stadtgarten (Halter, Bern); GWJ Architektur, Bern; ASP Landschaftsarchitekten, Zürich; Martin Beutler, Bern; Amstein + Waltert, Bern; Bill Weyermann Partner, Koppigen
2. Rang / 2. Preis: «Buweli»
Logis Suisse, Baden; Müller Sigrist Architekten, Zürich; Studio Vulkan Landschaftsarchitektur, Zürich; Barbara Emmenegger Soziologie, Zürich; Gross Generalunternehmung, Wallisellen; K2S Bauinge­nieure, Wallisellen
3. Rang / 3. Preis: «Mutachhof»
Eisenbahner-Baugenossenschaft Bern; Bauart Architekten und Planer, Bern; extra− Landschafts­architekten, Bern; Dencity Berner Fachhochschule, Burgdorf; Transitec, Bern, Wallisellen; Marco de Francesca, Lausanne
4. Rang / 4. Preis: «Rot Grün Mitte»
FAMBAU Genossenschaft, Bern; Rykart Architekten, Liebefeld; Christoph Schläppi Architektur­historiker, Bern; Klötzli Friedli Landschaftsarchitekten, Bern; Kontextplan, Bern; Nydegger + Finger, Bern; Heiniger Gesamtplanung HLS, Bern
5. Rang / 5. Preis: «Cascades»
wok Lorraine, Bern; Ateliergenossenschaft Werkgruppe, Bern; Reinhardpartner, Architekten und Planer, Bern; bbz bern, Bern; Ilja Fanghänel, Bern; Zeltner Ingenieure und Planer, Belp; Philipp Obkircher, Berlin

FachJury

Sabina Hubacher, Architektin, Beat Jordi, Architekt, Michael Meier, Architekt, Brigitte Nyffen­egger, Landschaftsarchitektin, alle Zürich; Christine Odermatt, Architektin, Bern; Jan Stadelmann, Landschaftsarchitekt, Zürich; Mark Werren, Stadtplaner, Bern

SachJury

Cipriano Alvarez, Betriebskommission des Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik (Vorsitz); Renato Bomio, Teamleiter Entwicklung, Immobilien Stadt Bern; Christoph Schärer, Leiter Stadtgrün Bern; Matthias Drilling, Hochschule für Soziale Arbeit, Basel; Sabine Wolf, Raum- und Umweltplanerin Landschaftsarchitektin, Zürich

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