Güterbahnhofareal Wolf Basel: Gezähmt, gebaut, vernetzt

Kooperatives Planungsverfahren

Zentral gelegen, grenznah und gross: Das ist das 160 000 m² umfassende Güterbahnhof­areal Wolf, östlich des Bahnhofs Basel SBB. In den ­kommenden Jahren werden hier Flächen frei. Die SBB liessen darum untersuchen, ob und was für eine alter­native Nutzung auf dem Gelände möglich ist. 

Tina Cieslik Architektur/ Innenarchitektur, Redaktorin TEC21

Der Wolf am Ostrand von Basel – der Name geht wohl darauf zurück, dass die Tiere hier bis ins 17. Jahrhundert durch die Wälder streiften – ist keine eigent­liche Brache. Aktuell befindet sich hier eine grosszügige Logistikinfrastruktur mit Speditionsgebäuden, Güterhallen und Lkw-Stellplätzen sowie ein Con­tainerterminal. Architekturinteressierten Reisenden fällt bei der Einfahrt in den Bahnhof Basel SBB das von 1991 bis 1994 errichtete zentrale Stellwerk von Herzog & de Meuron ins Auge. Doch das Gebiet befindet sich im Wandel: Mit dem Projekt «Gateway Basel Nord» wird
ab 2020 am Rheinhafen eine trimodale Anlage für den internationalen Güterverkehr in Betrieb genommen. Dort soll zunächst die Verlagerung von der Strasse auf die Schiene und – ist das neue Hafenbecken 2022 fertiggestellt – dereinst auch auf das Schiff räumlich konzentriert werden.

Die bisher dafür gebrauchten Flächen auf dem Wolf werden für eine Neunutzung frei – eine attraktive Ausgangslage im notorisch von Eng­pässen an Wohn- und Büroräumen geplagten Stadtkanton. Die Überlegungen für eine zukünftige Nutzung dieser wie auch weiterer Bahnflächen im Raum Basel ­waren bereits 2013 Teil der von den SBB gemeinsam mit den Regierungen der Kantone Basel-Stadt und Baselland entwickelten «Gesamtperspektive – die Bahnzukunft im Raum Basel». Die SBB als eine der grossen Landbesitze­rinnen nehmen also mit ihrer Planung erheb­lichen Einfluss auf die Basler Stadt­entwicklung.

Anspruchsvolle Fragestellung 

Aber ist eine alternative Nutzung auf diesem Gelände überhaupt möglich? Und wenn ja, ist sie wünschenswert? Immerhin sollen die traditionell auf dem Areal beheimateten Logistiknutzungen hier weiterhin ihren Platz haben, und auch die internationale Bahnstrecke für Gefahrengut führt durch den Wolf. 

Um mögliche Szenarien für das Grundstück zu finden, entschieden sich die SBB gemeinsam mit dem Kanton Basel-Stadt für ein kooperatives Planungsverfahren. In einer ersten Phase, von 2014 bis 2018, ging es zunächst um die städtebauliche Grundlagenplanung. Dabei sollte untersucht werden, ob sich an diesem Ort ein gemischt genutztes Quartier mit einem hohen Anteil an Wohnungen realisieren liesse. Darüber hinaus wollte man prüfen, ob und wie sich der Charakter des Gebiets als Güterbahnhof erhalten und die teilweise denkmal­geschützten Bauten in die Neubebauung integrieren lassen. Dazu fanden Vorstudien und eine Findungs- und Strategiephase statt (vgl. «Wie eine Insel» und «Inspirierende Transparenz»).

Anschliessend schrieben die SBB einen städtebaulichen Stu­dienauftrag mit vier Teams aus. Die Ergebnisse der Arbeiten flossen in die Entwicklungsplanung für das Areal ein. Parallel dazu fand ein Partizipationsprozess statt, der sich an die betroffenen Mieter auf dem Areal und an Interessengruppen mit einem Bezug zum Areal richtete, wie z. B. die Quartiervereine der angrenzenden Gebiete, die Nachbargemeinden, aber auch die Handelskammer beider Basel, Pro Natura Basel oder die SIA-Sektion Basel. Die Beteiligung organisierte man in Form einer gegenseitigen Vermittlung: Ende November 2016 informierte man die Öffentlichkeit erstmals via Medienmitteilung. Anschliessend gab es einen ersten Informationsanlass für die Mieter auf dem Areal und die Vertreter der Interessengruppen. Ende des Monats konnten diese dann im Rahmen eines Workshops ihre Anliegen für die Planung äussern, und, darauf aufbauend, ihre Bedürfnisse bis Ende Dezember 2016 schriftlich festhalten. Der daraus entstandene Bericht floss dann wiederum in die Aufgabenstellung für den Studienauftrag ein. 

Vier Zonen oder Park mit Ring 

Im Mai 2017 luden die SBB zum städtebaulichen Studienauftrag ein. Die teilnehmenden Architekten (vgl. Kasten unten) mussten Erfahrung mit ähnlich kom­plexen städtebaulich-architektonischen Projekten haben und sollten mit Planern aus den Bereichen Landschaftsarchitektur, Verkehrsplanung und Soziologie ein Team bilden. Neben der Entwicklung ­eines städtebaulich prägnanten Projekts sollten sie auch aufzeigen, wie hoch die maximale Nutzung auf dem Gelände ausfallen könnte. Wichtig war zudem die mögliche Parzellierung des Grundstücks, um unterschiedlichen Bauherrschaften mit variierenden Investitionsvolumen ein Engagement zu ermöglichen. Der Claim: «smart arbeiten, urban leben».

Der Studienauftrag fand im Dialog statt. An zwei Zwischenbesprechungen im Juni und im September 2017 präsentierten die Teilnehmer in Anwesenheit der anderen Teams ihre Entwürfe. Anschliessend wurden die Ideen diskutiert und offene Fragen geklärt, danach beriet sich das Beurteilungsgremium in Abwesenheit der Teams. Zudem hatten die Teams jeweils einmal vor den Besprechungen die Möglichkeit, Experten beizuziehen zu Fragen wie Lärm, Störfall – wie ein Unfall eines Gefahrenguttransports – oder der sozialräumlichen Entwicklung. Die Schlussbesprechung im Dezember fand im gleichen Modus statt.

Wie diffizil die Lage vor Ort ist, zeigen die im März 2018 veröffentlichten Ergebnisse des Studienauftrags. Um es vorwegzunehmen: Eine alternative, qualitätvolle Nutzung des Standorts ist möglich, aber einfach wird es nicht. 

Variierende Lösungen fanden die Teams vor allem bei den Themen Nutzerverteilung und Typologien. Die Jury schlug daher eine Weiterbearbeitung vor: Vertieft und zusammengeführt ­werden die Konzepte vom Team um Christ & Gantenbein aus Basel sowie das Projekt des Teams um EM2N aus Zürich. Ersteres punktete mit einer grossformatigen Randbebauung mit länglichem Innenhof. Diese bietet Vorteile hinsichtlich der Lärmbelastung und erlaubt ansprechende Freiräume sowie die Integration der denkmalgeschützten Bauten.

Die gleichmässige Verteilung aller Nutzungen über das gesamte Areal bewertet die Jury hingegen als schwierig. Hier überzeugte das funktional aufgebaute Konzept von EM2N. Es sieht vier Entwicklungsgebiete mit unterschiedlichen Nutzungen vor. Auf diese Weise kann beispielsweise die Logistik im östlichen Gebiet mit eigener Erschliessung konzentriert werden. Das Wohnen findet ­davon entfernt im eher lärmgeschützten Westen des Areals statt. Nun sollen die Beteiligten ihre – eigentlich gegensätz­lichen Konzepte – gemeinsam zu einem schlüssigen Gesamtkonzept verschmelzen, das die Vorteile beider Entwürfe ­vereint. 

Langwierig, aber möglich 

Aktuell überarbeiten die Beteiligten ihre Visionen in diese Richtung. Ab März 2018 fand zudem die zweite Runde des Partizipationsprozesses statt, aufbauend auf den Ergebnissen des Studienauftrags. Bis Mai konnten Interessenvertreter und Mieter ihre Feedbacks bei den SBB deponieren, die diese in die Synthesephase des konkreten Projekts einfliessen lassen. Nach deren Abschluss gibt es Ende 2018 eine dritte Vermittlungsphase, die der Information von Anrainern, Interessenvertretern, Mietern und nicht zuletzt der Öffentlichkeit dient. Bis 2022 sollen die planungsrechtlichen Grundlagen für eine Neunutzung geschaffen werden, mit einer Zonenänderung und dem Bebauungsplan. Ob es gelingt, aus zwei städtebaulich und architektonisch konträren Ansätzen eine stimmiges Ganzes zu schaffen, wird sich in einigen Jahren ­zeigen. Der Baustart ist für 2024 geplant.
 

Weitere Beiträge aus der Publikation «SBB-Areale: vom Betrieb zur Stadt» finden Sie hier.

Facts  &  Figures

Planungsverfahren
Städtebauliche Studie im Jahr 2017 mit vier eingeladenen Planerteams

2018 Erarbeitung Richtprojekt durch Christ & Gantenbein mit EM2N,
nachfolgend städtebauliches Konzept

Arealgrösse
Gesamtareal 160 000 m2
Für Entwicklung zur Verfügung ca. 100 000 m2

Nutzung
Logistik, Gewerbe, Büro/Dienstleistung, Wohnen, Gastronomie und Verkaufsflächen 

Ausnutzungsziffer
Ca. 2.5

Planungsschritte
2013: Beschluss zur «Gesamtperspektive – die Bahnzukunft im Raum Basel»
2014: Anfrage der SBB an den Kanton zum gemeinsamen Ausloten des Entwicklungspotenzials des Areals Wolf
2015-2016: Vorabklärungen und Vorbereitung eines Studienauftragsverfahrens
2017: Durchführung Studienauftragsverfahren
2018: Vertiefte Machbarkeitsabklärungen und Gesamtentscheid durch SBB und Regierungsrat Basel-Stadt, ob und wie eine Weiterent-
wicklung des Areals erfolgen soll
Ab 2019: allfällige planungsrechtliche Schritte

2017: Teilnehmer Studienauftrag

Team 1: Christ & Gantenbein, Basel; Maurus Schifferli Landschaftsarchitekt, Bern; Rudolf Keller & Partner Verkehrsingenieure, Muttenz

Team 2: EM2N | Mathias Müller | Daniel Niggli Architekten, Zürich; Studio Vulkan Landschafts­architektur, Zürich; ewp, Zürich,
Cabane Partner – Urbane Strategien und Entwicklung, Basel

Team 3: Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten, Zürich; Müller Illien Landschaftsarchitekten, Zürich; IBV Hüsler, Zürich

Team 4: HHF Architekten, Basel; antón & ghiggi landschaft architektur, Zürich; TEAMverkehr.zug, Cham

2018: Weiterbearbeitung
Christ & Gantenbein, Basel, mit EM2N, Zürich; Maurus Schifferli Landschaftsarchitekt, Bern; Philippe Cabane – urbane Strategien und Entwicklung, Basel; ewp, Zürich

Fachjury
Harry Gugger, Harry Gugger Studio, Basel (Vorsitz); Astrid Staufer, Staufer Hasler Architekten, Zürich; Roger Boltshauser, Boltshauser Architekten, Zürich; Günther Vogt, Vogt Landschafts­architekten, Zürich

Sachjury
Susanne Zenker, Leiterin Development Anlageobjekte, SBB Immobilien; Peter Wicki, Leiter Portfoliomanagement, SBB Immobilien; Beat Aeberhard, Kantonsbaumeister, Kanton Basel-Stadt

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