Wer be­zahlt das «Häu­schen»?

Soziale Grundlagen der Siedlungshygiene

Ein Forschungsprojekt der ETH Zürich untersuchte in Ugandas Hauptstadt Kampala die Nachfrage nach hauseigener Sanitärversorgung und Massnahmen, um Privatinvestitionen in Sanitäranlagen anzukurbeln.

Date de publication
13-11-2014
Revision
18-10-2015

Für schätzungsweise 180 Mio. Menschen1 in städtischen Gebieten Afrikas ist der Gang zur Toilette mit Hindernis­sen und unzumutbaren hygienischen Umständen verbunden. Oft teilen sich mehrere Familien eine Latrine. Entsprechend unklar ist, wer für die Reinigung zuständig ist und wer für Reparaturen und die Leerung der Grube bezahlt. Während einer Regenzeit stehen die Toilettenhäuschen möglicherweise im Wasser, das in die meist undichten Klärgruben eindringt und sie ausspült. Das stehende Wasser dient als Brutplatz für Insekten und Bakterien und schwemmt den umliegenden Müll auf. 

In informellen dichten Siedlungen sind dezentrale, also nicht ins Wohnhaus integrierte Toiletten auf den Grundstücken die Regel. Dabei handelt es sich meist um ventilierte Klärgruben und Latrinen. Diese Technik erfordert keine zentralisierte Infrastruktur, und so verlassen sich viele afrikanische Stadtverwaltungen auf die Initiative der Bewohner, um den Zugang zu sanitären Anlagen zu gewährleisten und zu verbessern. Dies scheitert aber oft an hohen Kosten und bodenrechtlichen Fragen. Daher haben meist nur jene Zugang zu Siedlungshygiene, die dafür zahlen können.

In der ugandischen Hauptstadt Kampala untersuchte das Forschungsprojekt U-ACT (Urban Affordable Clean Toilets), wie die Sanitärversorgung in den informellen Siedlungen verbessert werden kann. Es wurde vom Zentrum für Entwicklung und Zusammenarbeit der ETHZ (NADEL) durchgeführt und von der EU-Wasserinitiative finanziert. Zu den Kooperationspartnern zählen die Sandec und die Makerere-Universität in Uganda sowie die Nichtregierungsorganisation ­Sustainable Sanita­tion and Water Renewal Systems. 

Case Study in zwei Schritten

Ziel des zwischen 2010 und 2013 durchgeführten Forschungsprojekts war, die Nachfrage nach Sanitärversorgung abzuklären und Massnahmen vorzuschlagen, die Private dazu veranlassen, mehr in hauseigene Toiletten zu investieren. 

Eine erste repräsentative Umfrage unter 1500 zufällig ausgewählten Haushalten in 50 informellen Siedlungen ergab, dass 99% der Haushalte Zugang zu irgendeiner Art von Toilette hatten. Allerdings verfügten nur 16% über eigene, private Toiletten. Die restlichen Haushalte teilten ihre Latrine im Schnitt mit sieben anderen. Die Sauberkeit der Orte hing stark von der Anzahl der Nutzer ab. Eine wichtige Erkenntnis war auch, dass 70% der Slumbewohner Kampalas Mieter sind. Genau wie die Hauseigentümer schätzen sie eine gute Sanitärversorgung, doch haben sie weniger Zugang zu angemessenen Einrichtungen: Nur 5% der ­Mieter, aber 40% der Eigentümer haben eine eigene Toilette. Das liegt daran, dass Letztere über Grund und Boden verfügen und das Recht haben, Latrinen bauen zu lassen. 

Anschliessend an die Umfrage wurden 160 ventilierte Latrinen mit wasserdichten Klärgruben gebaut. Die Kosten beliefen sich auf 550 US-Dollar pro Toilette (1100 Dollar für die Doppeltoilette mit Unterbau), wobei die unterirdische Klärgrube mit 63% der Kosten das teuerste Bauteil ist. Noch teurer waren die Latrinen in Stadtteilen mit häufigem Hochwasser; hier kostete eine Toiletteneinheit über 600 Dollar. Die Kosten entsprechen der Hälfte des mittleren Jahreseinkommens einer Slumfamilie in Kampala. Obwohl viele arme Menschen gewillt sind, in Sanitärversorgung zu investieren, übersteigen die Kosten ihre finanziellen Mittel.

Vom Marketing zum Mikrokredit

Im nächsten Schritt führten die Projektverantwort­lichen eine randomisierte kontrollierte Studie mit 1200 Haushalten in 40 informellen Siedlungen durch. Die Haushalte wurden zufällig einer von drei Politikmassnahmen zugeordnet, um deren Wirkung zu untersuchen: eine Social-Marketing-Kampagne zu verbesserter Sa­nitärversorgung; eine teilsubventionierte Toilette mithilfe von Subventionsgutscheinen; ein Mikrokredit mit 18 Monaten Laufzeit. Die Datenauswertung zeigte, dass aufgrund der Social-Marketing-Kampagne keine Investitionen erfolgten; ausschlaggebendes Gegenargument waren die Kosten. Interessant war aber, dass die Op­tion, einen Mikrokredit über 18 Monate mit 20% Zinsen aufzunehmen, ähnlich wirkungsvoll war wie eine Subvention, die 25% der Investitionskosten abdeckt. 

Ebenfalls Gegenstand der Umfrage war, inwieweit Mieter als Zielgruppe für Interventionen geeignet sind. Sie wurden deswegen gebeten, erhaltene Subventionsgutscheine an ihre Vermieter weiterzugeben. Die Ergebnisse zeigen, dass es deutlich weniger bringt, Mietern Investitionszuschüsse anzubieten, weil sie keine Entscheidungsbefugnis über Immobilieninvestitionen haben. Bei allen offerierten Subventionen war es dreimal wahrscheinlicher, dass ein Eigentümer eine Toilette kaufte, wenn die Projektbeteiligten ihn direkt ansprachen, als wenn die Mieter dies taten. 

Alternativen gefragt 

Ob die Resultate der Studie auf andere Ländern übertragbar sind, muss von Fall zu Fall überprüft werden. Dennoch lassen sich aus drei Jahren Feldforschung in Kampala Empfehlungen ableiten, die für Entscheidungsträger und Entwicklungsorganisationen, auch ausserhalb Ugandas, relevant sind:

Die Ansprache der Zielgruppen ist entscheidend. In Uganda ist es erfolgversprechender, sich an Hausbesitzer zu wenden, die selber über Investitionen entscheiden können, als an Mieter. In der Vergangenheit hat man allerdings oft Mieter mit Social-Marketing-Kampagnen angesprochen.  Damit auch Mieter mit geringem Einkommen, die auf die Investitionen ihrer Vermieter angewiesen sind, Zugang zu einer angemessenen Sanitärversorgung bekommen, sind durchsetzbare nationale oder kommunale Gesetze notwendig. Marktbasierte Lösungen allein sind nicht erfolgreich. Über Mikrodarlehen können höhere Geldsummen langfristig zurückbezahlt werden. Die hohen Rückzahlungsquoten der Darlehen im U-ACT-Projekt zeigen, dass auch arme Haushalte gewillt und in der Lage sind, für Sanitärversorgung Geld zu investieren. Es gibt einen grossen Bedarf an günstigen Alter­na­tiven zur Grubenlatrine. Vielversprechende Ansätze sind hier der von der Gates-Stiftung lancierte internationale Wettbewerb zur Neuerfindung der Toilette. Alternativen finden sich auch im Sandec-Kompendium für Sanitärsysteme und Technologien. 

Die Studie zeigt: Solange Staat und Kommune keine flächendeckende Infrastruktur schaffen können, sollten sie Politikmassnahmen initiieren, die zu höheren priva­ten Investitionen in hauseigene Sanitäranlagen führen. Flexible Finanzierungssysteme und eine gezielte Ansprache von Grundbesitzern sind dabei vielversprechende Lösungsansätze.

Dieser Text ist in ähnlicher Form in «Development and Cooperation» (Günther und Horst, 2014, 55) erschienen. 

Anmerkung

  1. Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO.
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