Dichtefrust oder Dichtelust?

Ausstellung «Dichtelust – Formen des urbanen Zusammenlebens in der Schweiz»

Ist die bauliche Verdichtung Fluch oder Segen für den Lebensraum? Das Schweizerische Architekturmuseum in Basel sucht einen Ausweg aus der öffentlichen Kontroverse im modernen Städtebau.

Paul Knüsel Umwelt/Energie, Stv. Chefredaktor TEC21

Was Dichte bedeutet, erlebt das Schweizerische Architekturmuseum Tag für Tag hautnah: Das Gebäude am Basler Steinenberg teilt man sich mit der Kunsthalle und einem Restaurant. Bereits das Entrée, die Garderobe, die Kasse und der Shop werden mit den Nachbarn gemeinsam genutzt. Das bescheidene Platzangebot setzt sich auch für die Ausstellungsarchitektur fort. Vier Räume müssen reichen, um teils brisante, teils hintergründige Themen zu vermitteln. Dennoch bekommen die Besucher meistens keine beklemmenden, sondern erhellende Positionen zu Gesicht. Der knappe Raum fordert die Programmierung heraus, eine angemessene Auswahl der Inhalte zu treffen. Insofern wissen die Museumsmacher aus eigener Erfahrung, wie man mit gut inszenierter Dichte beim Publikum punkten kann.

Nun wagt das S AM die ultimative Probe aufs Verdichtungsexempel: Ein halbes Jahr wird die Ausstellung «Dichtelust – Formen des urbanen Zusammenlebens» gezeigt. Sie will eine positive Gegenposition zum Stress und Unbehagen formulieren, das in Politik und Gesellschaft angesichts der fortschreitenden Urbanisierung gern heraufbeschworen wird. Doch diesmal wirkt das Haus am Steinenberg wirklich überfüllt, weil der präsentierte Inhalt nur wenig Leben erzeugt. Die Ausstellung kommt bisweilen beengend und unsortiert daher. Weniger Exponate aus Planungsbüros und mehr Akzente in der Darstellung hätten der Dichteschau durchaus gut getan.

Unscheinbarer Zauberspruch

Gleich zu Beginn des Rundgangs wird der Stier an den Hörnern gepackt. Der Auftakt gehört dem schwierigsten Teil der Debatte: der subjektiven Wahrnehmung von konstruierter Dichte. Ein filmisches Plädoyer, eine raumgreifende Liege sowie an die Wand gepinnte Pläne und Skizzen sollen das Dichtegespenst verscheuchen. Der wahre Zauberspruch findet sich aber im Unscheinbaren. In einer händischen Krokizeichnung auf A4-Format ist zu lesen: «Dichte ist nicht gleich Dichte.» Nicht nur die Rezeption ist eine individuelle Angelegenheit, sondern auch die Form ist ein quantitativ und qualitativ gestaltbares Gut. Wer den historischen mit modernem Städtebau vergleicht, weiss: Dichte beruht auf einem aktiven Entwurfsentscheid.

Genau dies möchte der zweite Raum zeigen: Mehrere Gips- und Kartonmodelle stehen hier in Reih und Glied und veranschaulichen, wie relevant die Auseinandersetzung mit Verdichtungsstrategien für Städtebau und Architektur von heute geworden ist. Doch die schiere Summe der versammelten Beispiele kann die fehlende Vielfalt an Qualität nicht kompensieren. So sind fast nur übliche Verdächtige aus urbanen Zentren präsent, deren Grossformate sich zudem sehr ähnlich sind. Unter- oder gar nicht vertreten sind Verdichtungsbeispiele aus wachsenden Agglomerationen oder ehemaligen Bauerndörfern, die man immer häufiger vor Ort entdecken kann. Und angesichts der heute noch prägenden Verdichtungswelle in den 1970er-Jahren bleibt die Werkschau erstaunlicherweise im Hier und Jetzt gefangen. So kann die Ausstellung, anstatt selbst auf vielfältige Art und Weise Dichtelust zu versprühen, nur die eintönige Programmiersprache der Stadtökonomie rezitieren.

Blick auf das grosse Ganze

Eine Besonderheit der Ausstellung ist die Zusammenarbeit mit der Stadt Basel. Das Ergebnis sind wandfüllende Stadtskizzen und fokussierte Stadtraummodelle als Momentaufnahme laufender Areal- und Quartierentwicklungen. Sie ermöglichen einen Blick auf das grosse Ganze: Die Rheinstadt wird in nächster Zeit wachsen, und dies nicht zu knapp. Doch ob daraus guter oder schlechter Stadtraum entsteht, lässt sich aus dieser Warte anhand des gezeigten Materials nicht zu einem eigenen Urteil verdichten. Auch hier wird die Verdichtung als Behauptung für die Zukunft illustriert, ohne dass der Betrachter erfährt, wie unterschiedlich ein dichtes Areal gestaltet werden kann. So verstärkt das Illustrationsmaterial den Eindruck, dass die quantitative und qualitative Form der Dichte (zumindest gesellschaftlich) nicht verhandelbar ist, respektive: Neuzeitlicher Städtebau wirkt starr und wird auf nicht transparente Weise gemacht.

Macht Dichte nun aber Stress oder Spass? Das ist nicht nur eine Frage der Wahrnehmung, sondern auch des Städtebaus: Erst wenn diese Disziplin weiter darüber nachdenkt, wie frei und variabel die bauliche Dichte unseres Lebensraums gestaltbar ist, kann etwas Lustvolles entstehen. Die S AM-Ausstellung hat ein wichtiges Thema ausgewählt, aber steht mit ihrem Input, das Positive daran zu erkennen, erst am Anfang.

Ausstellung: Dichtelust, Formen des urbanen Zusammenlebens in der Schweiz; bis 5. Mai 2019; Publikation dazu im Christoph Merian Verlag erschienen.

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