Der Architekt und das Klima

Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum DAM

Eine Ausstellung im Frankfurter DAM zeigt, wie sich die Arbeiten des international tätigen dänischen Büros BIG mit verschiedenen Klimaszenarien auseinandersetzen. Das ist beeindruckend und autistisch zugleich.

Katharina Marchal Architektin und Fachjournalistin

Der Titel der Schau macht neugierig: «Hot to Cold. An Odyssey of Architectural Adaption». Doch auf welche Reise wird der Besucher in dieser Ausstellung geschickt?  

Primär stellt das dänische Architekturbüro BIG seine neuesten Projekte vor und reiht sie nach dem Kriterium «von der heissesten zur kältesten Klimazone» aneinander. Nachdem die Ausstellung letztes Jahr in der Grossen Halle des histori­schen Gebäudes des National Building Museum in Washington, D. C. gezeigt wurde, erlaubt der Haupt­raum des DAM nur eine kleine­re Auswahl an Arbeiten zu präsentie­ren. Die 23 ausgestellten Projekten befinden sich mehrheitlich in Planung; realisierte Projekte wie etwa der Superkilen Urban Park in Dänemark (2006) oder der dänische Pavillon an der Expo 2010 in Shanghai sind mittels Filmen dokumentiert.

Einmal um die ganze Welt

Bjarke Ingels ruft die Architekten dazu auf, sich wieder vermehrt auf den ursprünglichen Zweck von Architektur zu konzentrieren: einen Wohnort für Menschen in deren ­jeweiligen kulturellen und klimatischen Kontext zu gestalten, ohne Einsatz von Maschinen, die das Umweltverhalten beeinflussen.

Beginnen wir in der heissesten Klimazone: am Persischen Golf, wo eines der einflussreichsten Medienunternehmen der arabischen Welt zum Wettbewerb einlud, den Hauptsitz in Abu Dhabi zu gestalten. In einer Region, in der die Hitze den Aufenthalt im Aussenraum erschwert, folgte BIG den Vorbildern der arabischen Kultur. Zwischen zwei turmartigen Gebäuden mit perforierten Fassaden, die sich an arabischen Ornamenten orientieren, hängt ein gigantischer Baldachin. Die Beschattung minimiert die thermische Belastung. Eine stufenförmige Erweiterung zwischen den Türmen bietet gewissen Windschutz, Wasserspiele schaffen unter dem Baldachin ein Mikroklima. Zugleich ermöglicht die Gestaltung den Bezug zur regionalen Identität.

Angesichts der verheerenden Folgen des Hurrikans «Sandy» 2012 beschloss der Bundesstaat New York, die Insel Manhattan in Zukunft besser zu schützen, und schrieb hierfür einen Wettbewerb aus. BIG schlug mehrere Konzepte für den Hochwasserschutz vor: die Gestaltung des Aufenthaltsbereichs im Austausch mit den Bewohnern der einzelnen Quartiere, ein fortlaufendes verändertes Element in Zusammenarbeit mit Künstlern oder die Planung einer Landschaftsintervention in der ­Mitte des West Side Highway. Die grundlegende Idee des Projekts «Dry Line»: ein urbanes Chamäleon, das sich verschiedenen Bedingungen, Landschaften, Stadtvierteln und Problemen anpasst. Primäres Ziel ist jedoch der Hochwasserschutz (vgl. «Poesie der Nachhaltigkeit»).

Am Ende der Projekt-Temperaturskala steht ein Wettbewerbsbeitrag, der den überschwänglichen Gestaltungswillen und Einfallsreichtum des Büros widerspiegelt. Kopenhagen baut die sauberste Müllverbrennungsanlage der Welt – nicht ausserhalb, sondern im Herzen der Stadt, neben dem Jachthafen. Da das 90 m hohe Gebäude sich ausschliesslich auf seine inneren Funktionen konzentriert, haben BIG ihm einen zusätzlichen Nutzen verliehen. «Wir haben vielleicht keine Berge, dafür aber Müllberge», stellt Ingels ironisch fest und schlägt vor, die Dachfläche des Gebäudes in eine 400 m lange Skipiste zu verwandeln. Der Rauch aus dem Schornstein enthält viel weniger Schadstoffe als herkömmliche Anlagen und fungiert im Sinn der Architekten als Symbolträger für die CO2-Debatte. Die Emission von jeweils einer Tonne CO2 soll in Form eines Rauchrings an den Himmel gemalt werden, um dadurch der Bevölkerung das «Unsichtbare» zu veranschaulichen und zur Diskussion anzuregen.

Schweizer Aufgaben

Ein wichtiger Partner bei der Umsetzung von zehn Projekten des dänischen Architekturbüros sind die Bauingenieure Dr. Lüchinger + Meyer aus Zürich. Sie wirkten an zahlreichen Wettbewerben mit und unterstützen die Ausstellung in Frankfurt als Co-Sponsoren. Philippe Willareth, Fassadeningenieur und Partner der Firma, erklärte an der Ausstellungseröffnung, wie die Glasfassaden des aktuell in Bau stehenden Audemars Piguet Museums in Le Brassus VD als tragende Elemente konstruiert werden: «Das spiralförmige Gebäude besitzt keine Stützen, vertikale und horizontale Lasten werden nur über Glasscheiben abgetragen. Glas übernimmt die primäre Tragfunktion.» In der Skiregion Le Brassus ist das neue Museum zwischen dem alten Fabriklager und dem alten Stadthaus des historischen Uhrenunternehmens in den Hügel eingelassen. Durch die Neigung der Dachfläche in verschiedene Richtungen fällt ausreichend Tageslicht in die Ausstellungsräume, und Ausblicke auf die Landschaft werden inszeniert. Einweihung ist voraussichtlich 2019.

Und das Miteinander?

Während die Projekte die Wände des Oberlichtsaals tapezieren, stehen die Modelle ergänzend, doch nicht erklärend daneben. Die Filme verfolgt man bequem in Sesseln, die nach dem Vorbild von Fritz Hansen für den Wohnturm VIA West 57 in New York entworfen wurden. Das Gebäude erhielt kürzlich den Internationalen Hochhauspreis der Stadt Frankfurt und wird im DAM mit den weiteren Finalisten ausgestellt.

BIGs Architektur brilliert durch spektakuläre Formen und dynamische Gesten, gepaart mit einer jungen, fröhlichen Farbigkeit. Die Bauprojekte sind Unikate, stehen aber oft etwas isoliert und ohne Anspruch einer städtebaulichen Integration. Der soziale und ökologische Anspruch von Bjarke Ingels Group ist hingegen beeindruckend.

Weitere Infos:
Die Ausstellung ist noch bis 12. Februar zu sehen im DAM Deutsches Architekturmuseum in Frankfurt.
 

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