«Wir brau­chen ei­ne neue Äs­the­tik für Kran­ken­häu­ser»

Kranke Menschen reagieren besonders sensibel auf ihre Umwelt. Die Architekturpsychologie rückt den Zusammenhang zwischen Planen, Bauen und seelischer Gesundheit in den Mittelpunkt der Gestaltung von Gesundheitsbauten. Architektin Gemma Koppen und Psychologin Tanja Vollmer sprachen mit TEC21 über die «Kreuzbestäubung» in ihrem Büro.

Publikationsdatum
22-10-2020
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

TEC21: Frau Koppen, Frau Vollmer, empfinden kranke Menschen anders als gesunde?

Gemma Koppen: Ja, das wissen wir inzwischen. Es herauszufinden war aber Neuland. Wir haben für unsere Studie «Architektur als zweiter Körper» mit kranken Menschen gesprochen und auf die Ergebnisse unsere architektonischen Ansätze aufgebaut.

Tanja Vollmer: Wir haben 400 Patientinnen und ihre Partner in allen onkologischen Einrichtungen der Niederlande begleitet und festgestellt, dass die Betroffenen eine andere Wahrnehmung haben als ihre gesunden Partner. Und das, obwohl sie durch ihren Aufenthalt im Krankenhaus vergleichbar psychisch belastet waren. Wir konnten erkennen, dass sich bei einer schweren körperlichen Erkrankung der Körper und die Körperwahrnehmung verändern. Damit verändern sich auch der Raum und die Raumwahrnehmung.

TEC21: Wie gehen Sie architektonisch mit diesen Erkenntnissen um?

Gemma Koppen: Das ist abhängig von der Nutzergruppe. Eine Klinik für Allgemeinmedizin unterscheidet sich stark von einer onkologischen Klinik. Unsere Auf­­gabe ist es, die verschiedenen Nutzer – also Patienten, Besucher, Personal – unter einen Hut zu bringen und die jeweilige Philosophie jedes Kranken­hauses herauszuarbeiten. Für uns geschieht das entweder in der Rolle der Bauherrenvertretung oder als Entwurfsarchitekten. Meistens muss man sich für eine der beiden Rollen entscheiden, weil es beim Krankenhausbau oft europäische Wettbewerbe gibt.

TEC21: Apropos Architekturwettbewerbe: Werden Sie auch zu Umbauten gerufen? Was ist bei bestehenden Gebäuden möglich?

Tanja Vollmer: Wir begutachten bei Bestandsbauten verschiedene Aspekte: Die Geruchs- und Geräusch­kulisse hat einen Einfluss auf das Stressempfinden, sowohl bei Mitarbeitenden als auch bei Patienten. Wir schauen: Wie es steht mit Aussicht, Weitsicht, Tageslicht? Wie mit Rückzugsräumen und Privatheit? Stimmen die Proportionen im Gebäude?

Gemma Koppen: Natürlich kann man auch in Umbauten etwas machen. Viele Kliniken sind älter als 30 Jahre, und man schaut heute mit einem frischen, anderen Blick darauf. Nur – für die Veränderung braucht es Mut und Durchsetzungsvermögen. Fragt ein Bauherr: «Können Sie das hübsch machen?», spürt man bereits, dass das der falsche Ansatz ist.

Tanja Vollmer: Wir wünschen uns in diesem Fall, dass die Bauherrschaften dazu stehen und sagen: Wir sind nicht in der Lage, die allerbesten Ärzte zu bezahlen, aber wir haben die zweitbesten, und das gilt eben auch für die Architektur. Wir sind mit unserem Büro angetreten, um eine wissenschaftlich fundierte Vision in die Krankenhäuser zu bringen, die den Menschen auch dient. Da möchten wir auch radikal und ehrlich sein. Drei grosse Fenster einzubauen ist noch keine heilende Architektur.

TEC21: Was ist denn heilende Architektur? Kann Architektur überhaupt heilen?

Tanja Vollmer: Unser erstes architekturpsychologisch basiertes Krankenhaus, das Princess Máxima Centrum in Utrecht, ist seit zwei Jahren in Betrieb. Wir haben ein neuartiges Architekturkonzept durchgesetzt, u. a. eine neue Eltern-Kind-Einheit. Dort werden schwerst kranke und sterbende Kinder rund um die Uhr von ihren Eltern begleitet. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass dieses enge Zusammensein für die Entwicklung der Kinder und Pubertierenden schädlich ist, wenn es auf kleinstem Raum stattfinden muss; viele fallen in kleinkindliche Muster zurück. Die Eltern haben höhere Scheidungsraten, je länger ein Langzeitaufenthalt dauert. Wir evaluieren den neuen Betrieb und können schon sehen, wie diese negativen Einflüsse zurückgehen, da es sowohl für Eltern als auch für Kinder Rückzugsräume gibt.

Gemma Koppen: Neben der Eltern-Kind-Einheit konnten wir Ablenkungs- und Bewegungsflächen schaffen. Kinder brauchen die Möglichkeit, sich zu bewegen. Diese Philosophie zieht sich durch das ganze Haus.

Das vollständige Interview lesen Sie in TEC21 32/2020 «Kann Architektur heilen?».

Tanja Vollmer: In Utrecht erreichen wir so auf 70 % der stationären Fläche messbare positive Effekte auf Langzeitschäden von Familien, die chronisch und schwer kranke Kinder haben. Das ist ein Effekt, mit dem Krankenhäuser kalkulieren können. Gerade öffentliche Häuser müssen die Gelder verantworten, deshalb geht es auch darum, diese Effekte in Zahlen umzusetzen. Anfang des Jahres wurde die Zahl der externen Besucher bereits reduziert, weil das Interesse von internationalen Gästen so gross ist. Sie möchten sehen, wie das Konzept funktioniert. Wir sind derzeit damit beschäftigt, internationale Standards aus den Konzepten abzuleiten.

TEC21: Sie sind auch bei Planung und Bau der Kinder- und Jugendklinik in Freiburg im Breisgau aktiv. Inwieweit ist das Konzept mit dem des Princess Máxima Centrum vergleichbar?

Gemma Koppen: Das ist eine andere Art Krankenhaus. In Utrecht handelt es sich um eine reine Kinderonkologie, als Zentrum für das ganze Land. In Freiburg ist es eine Universitätsklinik für ein breites Spektrum an Erkrankungen. Wir sind hier noch einen Schritt weiter­gegangen und haben verschiedene Konzepte für die Architektur erstellt. Eines davon ist der Anti-Warte-­Raum, angelehnt an die Idee, Kinder mittels architektonischer Intervention vom Warten abzulenken. Das konnten wir schön in die Architektur umsetzen.

Tanja Vollmer: Anti-Warten ist eine Kampfansage an die Bewegungslosigkeit, die Berührungslosigkeit und die Langeweile, die in Wartezonen herrscht. Kinder sind in solchen Situationen schnell gestresst und genervt, eine Untersuchung ist dann kaum möglich.

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TEC21: Sie hatten von verschiedenen Konzepten gesprochen. Können Sie noch ein Beispiel nennen?

Gemma Koppen: Wir haben in Freiburg nicht nur den Anti-Warte-Raum im ambulanten Bereich. Im stationären Teil befindet sich ein eigenständiger Bereich für Entwicklung und Normalität. Wir nennen das Konzept REN-Cluster. Hier sind keine Ärzte mit Kittel erlaubt. Die Eltern können die Kinder zwischendurch in die Obhut der anwesenden Pädagogen, Psychologen oder Physiotherapeuten geben. Die Kinder können in die Schule gehen und haben im Krankenhaus die Möglichkeit – dort wo die Normalität fehlt, denn ins Krankenhaus zu gehen ist nicht normal, da wird man schon aus der Welt gerückt –, Freunde zu treffen oder zu spielen …

Tanja Vollmer: … oder zu essen. Im Krankenhaus wird es ein 24-Stunden-Buffet geben. Damit Kinder, die unter Essstörungen leiden, zu unmöglichen Zeiten Appetit bekommen und bekommen sollen, sich jederzeit versorgen oder auch selbst etwas kochen können.

TEC21: Wie wirken sich die neuen Konzepte auf die Gebäude und ihre Architektur aus?

Tanja Vollmer: Das Kernkonzept des REN-Clusters, dieser stationären Versorgungseinheit, bestimmt die gesamte Architektur: das Stützenraster oder die Erschliessung des Krankenhauses. Unser Anliegen war, dass die Normalität sichtbar vorherrschen muss. Die Kinder sollen nicht zuerst Infusionsständern und Krankenbetten begegnen. Wenn man aus dem Lift kommt, kann man durch ein grosses Fenster in dieses Zentrum hineinsehen. Wir schaffen Sichtlinien in die Normalität, und das setzt sich neuropsychologisch fest. Die Kinder wissen, da will ich sofort hin. Damit versuchen wir natürlich auch, sie zu mobilisieren und schnell wieder aus dem Bett zu bekommen.

TEC21: Was brauchen wir künftig, damit aus Krankenhäusern Gesundheitsbauten werden?

Tanja Vollmer: Eine komplett neue architektonische Ästhetik, die sich aus den Bedürfnissen der Menschen ableitet und erst in zweiter Linie funktionalen, technischen und städtebaulichen Aspekten genügt.

Anmerkung
1 G. Koppen, T. C. Vollmer, «Weil Patientenorientierung kein Luxus, sondern Versorgungsauftrag ist! – ­Qualitatives Raumkonzept, Patientenbereiche: Neu­bauprojekt ‹Unsere Kinder- und Jugendklinik Freiburg›», in: Unsere Kinder- und Jugendklinik Freiburg. Klinik für Zukunft! Freiburg i. Br. 2013.

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