Der (öko­lo­gi­schen) Weis­heit letz­ter Schluss?

Ein äusserst ambitioniertes Programm und ein sehr engagiertes Bewertungsgremium: Der Wettbewerb der Universität Lausanne hatte alle Voraussetzungen, um ein aus ökologischer Sicht mutiges Projekt umzusetzen. Doch auf dem Campus ist Vorsicht die Mutter aller Weisheiten. Das Ergebnis ist nämlich alles andere als innovativ.

Publikationsdatum
18-05-2022

Ein in ökologischer Sicht derart ambitioniertes Wettbewerbsprogramm hat man bisher selten gesehen. Die Universität Lausanne als Bauherrin wollte ein innovatives, «bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nie dagewesenes» Projekt umsetzen. Die Ausschreibung sah vor, dass Materialien wie «Naturstein, Lehm, Hanfkalk, Holz, Stroh und andere pflanzliche Fasern» bevorzugt werden – also Rohstoffe, die wenig graue Energie aufweisen. Weiter war eine bioklimatische Architektur mit Low-­Tech-Komponenten vorgesehen, die zu einer «neuen Auseinandersetzung mit dem täglichen Wetter» anregen sollte, auch wenn dabei die Nutzerinnen und Nutzer «ihr Verhalten wie auch ihre Kleidung» anpassen müssten.

Obschon man also hoffen durfte, diese ehrgeizigen Anforderungen fänden ihre Antwort in einem mutigen und innovativen Projekt, setzt das Siegerprojekt ganz im Gegenteil auf Altbewährtes. Es führt fort, was auf dem Campus bereits seit Jahrzehnten gebaut wird: kompakte und grosszügig verglaste Bau­volumen. Also nichts wirklich Innovatives.

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Kühnheit unterliegt Bewährtem

Den 41 Teilnehmenden fehlte es indes nicht an kühnen Ideen. So sah das zweitplatzierte Projekt von Pont12 architectes ein langgezo­genes, halb unterirdisches, begrüntes Gebäude vor, das sich in die Landschaft einfügt. Einige Wände sind aus Beton, die Struktur jedoch aus Holz und die Zwischenwände aus Lehm. Das Gebäude nimmt die Form eines riesigen Luft-Erdwärme-Tauschers an, der das Klima im Innern mithilfe von Lufttürmen und -klappen auf natürliche Art reguliert. Die Setzung und der Grundriss führen jedoch zu zahl­reichen unter­irdischen Flächen und Erschliessungswegen, die kaum flexibel nutzbar sind.

Das drittplatzierte Projekt von Philippe Rahm ist eine Zusammenstellung klimatischer Geräte, wie er sie in seinem Buch «Histoire naturelle de l’architecture»1 beschreibt. Das gesamte Gebäude ist als «natürliches thermodynamisches Gerät» gedacht. Das Innenklima wird reguliert durch ein Atrium, das einen «Kältepol» (im Sockel­geschoss) mit einem «Wärmepol» (ein Glasdach) verbindet. Die Luft wird durch einen Luftturm angesaugt und durch einen anderen wieder ausgestossen, nachdem sie durch Rohrschlangen unter den Bodenbelägen (aus Stein, Holz oder Wolle; je nach Diffusionsgrad) zirkulierte. Die Jury hat das Projekt als «zu ehrgeizig» befunden – sprich: zu kompliziert. Die Struktur besteht aus Betonpfählen, einem Verbundtragwerk aus Holz und Beton, Naturstein sowie Holzdecken auf Stützen, deren Querschnitt sich mit jeder Etage verjüngt.

Das Siegerprojekt von Background Architecture schlägt hingegen eine Lösung vor, die aus einer einfachen und erprobten Architektur und Bauweise besteht. Statt mit alternativen Werkstoffen ein Risiko einzugehen, sieht das Projekt in den oberen Stockwerken eine Holzstruktur mit Verbunddecken vor und beschränkt den Beton auf die zwei unteren Stockwerke. Es wird lediglich darauf hingewiesen, dass es sich um rezyklierten Beton handelt. Recyclingbeton trägt aber nicht unbedingt zur Bekämpfung des Klimawandels bei: Die Verarbeitung des aus Abbrüchen stammenden Granulats ist energieintensiv, und der gewonnene Mix erfordert gleich viel, wenn nicht sogar mehr Zement (der wiederum nicht rezyklierbar ist). Warum wurde stattdessen nicht Naturstein verwendet?

Das leicht und dennoch kompakt anmutende Gebäude ist zum nördlich gelegenen Platz hin grosszügig verglast. Das Projekt bietet auch keine neuen Ideen in Bezug auf die Klimatisierung: Zur natürlichen Lüftung werde «zusätzlich» eine mechanischen Komfortlüftung verwendet, um «optimalen Komfort» in einem von Verkehrslärm belasteten Umfeld zu gewährleisten.

Zusammenfassend liefern alle Beiträge Entscheidungsgrundlagen, die über die Architektur hinausgehen und die unterschiedliche Möglichkeiten zur Energieversorgung und zum Einsatz lokaler und rezyklierter Baustoffe aufzeigen. Das Fällen entsprechender Entscheidungen obliegt aber einzig der Bauherrschaft.

Nachhaltigkeit zwischen Utopie und Realität

Innovation ist mit Risiko verbunden. Auch die ambitionierteste Jury der Welt kann kein innovatives Ergebnis liefern, wenn die Bauherrin ein solches Risiko nicht eingehen kann. Doch braucht es für ökologisch mutige Ideen wirklich das «noch nie Dagewesene», oder geht es darum, Bewährtes korrekt umzusetzen? Einer Utopie nachgehen oder mit der Realität arbeiten? Weil man heute die Auswirkungen von Projektentscheiden auf die Umwelt von morgen nur bedingt objektiv einschätzen beziehungsweise korrekt einordnen kann, herrscht zurzeit grosse Verwirrung darüber, was tatsächlich zukunftsweisend ist. Klar ist: Kompakte Formen, minimale Bodenbeanspruchung, einfache Lüftungskonzepte und umnutzbare Strukturen sind in der genannten Reihenfolge die wichtigsten Massnahmen – und das bereits seit der Antike. In dieser Hinsicht macht das Siegerprojekt alles richtig. Es gibt also durchaus Ideen für eine ökologische Revolution in der Architektur. Allerdings schreitet diese Revolution langsam voran.

Weitere Bilder und Pläne finden Sie auf competitions.espazium.ch

Anmerkung
1 Philippe Rahm: Histoire naturelle de l’architecture. Editions du Pavillon de l’Arsenal, Paris 2020.

 

Auszeichnungen
Anonymer, einstufiger Projektwettbewerb im offenen Verfahren


1. Rang, 1. Preis: «Charlie»
Background Architecture, Lausanne; Kälin & Associés; Lausanne; Enpleo, Lausanne; Stratus – Visualisation d’architecture, Lausanne


2. Rang, 2. Preis: «Amoenus»
Pont12 architectes, Chavannes-près-Renens; Alia Bengana architecte, Ollon; Forster-Paysage, Prilly


3. Rang, 3. Preis: «La Climathèque»
Philippe Rahm architectes, Paris; Weinmann Energies, Echallens; Ingeni Genf; Isi – Ingénierie et Sécurité Incendie, Lausanne


4. Rang, 4. Preis: «Mode en sol»
Dettling Péléraux architectes, Lausanne


5. Rang, 5. Preis: «Hypernef»
Colboc Sachet architectures, Paris


6. Rang, 6. Preis: «Polnaref»
MPH architectes, Lausanne


Fachjury
Emmanuel Ventura, Kantonsbaumeister Waadt (Vorsitz)
Emeric Lambert, Architekt, Paris
Valentin Kunik, Architekt, Lausanne
Marlène Leroux, Architektin, Genf
Marco Sonderegger, Architekt, Renens
Philippe Pont, Architekt und Direktor Amt für Immobilien und Denkmalpflege Kanton Waadt

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