Schö­ner ar­bei­ten

Im Homeoffice prallen aktuell zwei Welten aufeinander: Das auf Effizienz ausgerichtete professionelle Büro musste ins auf Entspannung ausgelegte Zuhause integriert werden – wegen der Pandemie ohne grossen zeit­lichen ­Vorlauf. Wir zeigen Möglichkeiten, die beiden Sphären zu vereinen.

Publikationsdatum
06-04-2021
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Als der Bundesrat vor rund einem Jahr die Direktive zum Homeoffice ausgab, fluteten Bilder die Medien: notdürftig eingerichtete Büroecken im Estrich, Laptops zwischen Lego und Körben voller Wäsche und einige Glückliche mit hübschen Outdoor-Kompositionen auf urbanen Balkonen. Was mit Galgenhumor und einer gewissen Gemeinschaftseuphorie begonnen hat, ist längst dem Alltag und der Professionalisierung gewichen: Die technische Ausstattung des Arbeitsplatzes ist angeschafft, und inzwischen haben auch Produktdesigner und Möbelhersteller die neue Nische erkannt und spezielle Produkte fürs Homeoffice auf den Markt gebracht – oder hatten sie bereits vorausschauend in petto.

Und während ein Grossteil der Anbieter Objekte lanciert, die den Arbeitsplatz einfach etwas wohnlicher machen und auch gut ins Prä-Corona-Homeoffice gepasst hatten, gibt es doch einige Designer, die der aktuellen Situation Tribut zollen – dem Fakt, dass möglicherweise mehrere Bewohner und Bewohnerinnen in einer nicht dafür ausgelegten Wohnung gleichzeitig am Bildschirm arbeiten. Integration und Abschirmung sind daher paradoxerweise gleichzeitig die beiden grossen Themen. Ersteres ist vor allem auf den eigentlichen Arbeitsplatz bezogen, Letzteres sowohl im Hinblick auf Schall als auch beim Sichtschutz.

Wohin mit dem Büro?

Die Pandemie hat uns neben einigen ganz ungeahnten Erfahrungen auch einige neue Wörter beschert. Im deutschsprachigen Raum noch nicht ganz so bekannt: das «Cloffice». Der Zusammenzug von «Closet» und «(Home)Office» bringt das Dilemma und seine Lösung in einem Wort auf den Punkt: Wo bringt man das Home­office unter in einer Wohnung, in der kein Arbeitszimmer vorgesehen ist? Eben: im Kleiderschrank.

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Tatsächlich hat das Konzept noch einige Mängel. Denn zum einen braucht es einen Ausweichaufenthaltsort für die Kleidung, zum anderen ist es nicht unbedingt jedermanns Sache, in einem Schrank zu arbeiten. Die Idee aber, den Arbeitsplatz am Abend in einem Möbel verschwinden zu lassen, ist bestechend. Und nicht neu – schon ab dem 18. Jahrhundert erfreute sich der Sekretär grosser Beliebtheit, galt gar ein Statussymbol. Zeitgenössische Exemplare bewähren sich heute im Home­office.

Ein ­professioneller Arbeitsplatz für zu Hause

Bereits vor der Pandemie arbeitete gemäss dem Bundesamt für Statistik rund ein Viertel der Schweizer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zumindest ­teilweise im Homeoffice. Ein Arbeitsplatz ist also oft bereits vorhanden. Neu ist, dass die Ausnahme temporär zur Regel geworden ist, was den Anspruch an die Arbeitsbedingungen erhöht. Und: Über ein Drittel möchte diese Arbeitsform laut einer Umfrage des Wirtschaftsdienstleisters Deloitte auch in Zukunft gern beibehalten.

Gemäss Arbeitsgesetz ist der Arbeitgeber auch im Homeoffice «(…) nicht von seiner Pflicht entbunden, für den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmenden zu sorgen» – dabei aber naturgemäss auf die Mithilfe des Arbeitnehmers angewiesen. Merkblätter von offi­ziellen Stellen wie Suva oder Seco bieten Hand, um den Arbeitsplatz ergonomisch korrekt einzurichten. Wer sich aber beispielweise nicht gleich einen höhenverstellbaren Tisch anschaffen möchte, kann auch erst einmal auf portable Helfer setzen wie auf den Tischaufsatz «Upstaa» aus den Niederlanden.

Das Comeback der Paravents

Die Möglichkeit, Sitzungen, Konferenzen oder Interviews online per Videoschaltung abzuhalten, hat uns allen ungewohnte Einblick in die Privaträume fremder Menschen beschert. Wem das etwas zu viel Nähe ist, für den können Paravents eine gute Lösung sein. Schon im 3. Jahrhundert als Windschutz («para-vents») in China und später in Japan eingesetzt, gelangten sie via Portugal in die europäischen Königshäuser und von dort in unsere heutigen Grossraumbüros – wo sie zu profanen Raumteilern mutierten.

Im Gegensatz zu diesen meist fixen Elementen ist die «spanische Wand» aus einzelnen, mit Scharnieren verbundenen Rahmen als Leporello konstruiert und kann daher jede Krümmung annehmen, flexibel aufgestellt oder zusammengefaltet werden. Sind die Rahmen zudem mit einem schallabsorbierenden Material bespannt, schirmen sie neben der Sicht auch akustisch ab. Eine elegante Variante sind die Modelle «Friendly Border» und «molo softwall»: Beide benötigen nur ein Minimum an Platz, wenn sie nicht gebraucht werden, und sind darüber hinaus auch überaus poetische Objekte.

Interner Perspektivenwechsel

Ob unser Gesundheitssystem zukünftig mit den durch das Zuhausearbeiten bedingten Langzeitschäden aufgrund ergonomischer Haltungsfehler belastet sein wird, werden wir erst in einigen Jahren wissen. Aber schon jetzt lässt sich vorbeugen. Möbel wie die «itpet» vom Schweizer Designduo it, die von verschiedenen Yoga­posen inspiriert wurden, oder ihre niederländischen Verwandten von prooff ermuntern dazu, von Zeit zu Zeit den Schreibtisch zu verlassen und eine neue Perspektive einzunehmen. Das mindert nicht nur die Gefahr einer Diskushernie, sondern fördert auch die Kreativität.

Einer der Knackpunkte neben einer adäquaten Beleuchtung ist im Homeoffice der Arbeitsstuhl: Die klassischen Modelle rufen zu sehr «Büro!», um sich in ein Wohninterieur einpassen zu können. Eine Alternative für zwischendurch, die gleichzeitig auch die Wirbelsäule in Schwung hält, könnte ein Stehhocker sein. Gemäss einer Studie der Sporthochschule Köln aktiviert beispielsweise das Modell der Firma Wilkhahn die Stoffwechselfunktionen, verbessert den Gleichgewichtssinn und fordert die Muskulatur.

Es ist an der Zeit

Unbhängig davon, wie sich die Pandemie entwickelt – das Arbeiten zu Hause ist eine der Folgen, die sich, natürlich dank fortschreitender Digitalisierung, dauerhaft etablieren und, je nach Branche, verstärken wird. Den eigenen Arbeitsplatz daheim vom Provisorium zum Standard aufzurüsten ist also nicht unbedingt ein Rückzug ins Reduit, sondern ein Zeichen von Profes­sionalität. Und wie die Recherche zu diesem Artikel zeigte, auch äusserst inspirierend.

Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 8–9/2021 «Der elastische Grundriss».

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