Resi­li­enz

Ein Begriff, zwei Definitionen

Was bedeutet Resilienz in der Ökologie? Und was hat das mit Städten und Bauwerken zu tun? Wir betrachten den Begriff aus zwei Blickwinkeln.

Publikationsdatum
30-03-2017
Revision
30-03-2017
Viola John
Redaktorin TEC21 / Konstruktion und nachhaltiges Bauen

Dem Wald fehlt der Baum nicht

Der kanadische Ökologe Crawford Stanley Holling führte 1973 den aus der Psychologie stammenden Begriff der Resilienz in die Ökologie ein.1 Er betrachtete Resilienz als die Fähigkeit eines Ökosystems, seine zentralen Funktionen auch dann aufrechtzuerhalten, wenn externe Störungen einwirken. Je mehr Störungen ein System aushält, desto resilienter ist es. Stabilität definierte er hingegen als die Fähigkeit, nach Störungen zum alten Zustand zurückzukehren.

In einem 1996 veröffentlichten Artikel2 nahm Holling beide Aspekte auf und unterschied zwischen einer ökologischen Betrachtungsweise (Ecological Resilience) und der Sicht der Ingenieure (Engineering Resi­lience). Ökosysteme können verschiedene stabile Zustände aufweisen und verändern sich im Lauf der Zeit. Der Mensch versucht, Ökosysteme in einen von ihm gewünschten Zustand zu lenken oder in einem bestimmten Zustand zu erhalten. Die Erbringung dieser Leistungen ist anfällig für Störungen. Der Bewirtschafter wird daher versuchen, die Auswirkungen von Störungen möglichst gering zu halten.

Die beiden Seiten der Resi­lienz lassen sich am Beispiel des Schutzwalds aufzeigen. Aus ökologischer Sicht ist der Wald nicht bedroht, wenn mehrere Bäume an einer Stelle gleichzeitig absterben. In einem Schutzwald oberhalb eines Dorfs kann dies jedoch aus Ingenieurssicht gefährlich sein. Gezielte Schutzwaldpflege bezweckt, das Risiko eines grossflächigen und lang andauernden Ausfalls der Schutzwirkung zu minimieren. Diese Anforderung mithilfe eines biologischen Systems, das sich ständig verändert, dauerhaft zu gewährleisten, ist anspruchsvoll. Noch anspruchsvoller ist es, wenn weitere Faktoren wie der Klimawandel zu bewältigen sind. Das Stockholm ­Resilience Centre schreibt auf seiner Webseite: Resilienz ist die ­Kapazität eines Systems, mit Ver­änderungen umzugehen und sich weiterzuentwickeln.3 (Lukas Denzler)

Gebäude anpassen statt abreissen

Vor einigen Jahren wurde der Begriff Resilienz auch in die Diskus­sion um eine nachhaltige Entwicklung der gebauten Umwelt eingeführt. Der Umweltwissenschaftler und Professor für Nachhaltigkeit Peter Newman spricht in diesem Zusammenhang von der Fähigkeit eines Systems, auf Krisen und Störungen reagieren zu können und sich selbst zu erneuern, ohne sich grundlegend zu verändern.4 Dabei geht es laut dem Psychologen Thomas Gebauer bei der Resilienz im Gegensatz zur Nachhaltigkeit nicht um eine Korrektur zerstörerischer Verhältnisse, sondern darum, sich an einen voranschreitenden Zerstörungsprozess anzupassen.5

Dramatische Verän­derungen für Städte und Bauwerke können durch die unterschiedlichsten Ereignisse ausgelöst werden, etwa durch Naturkatastrophen (­Erdbeben, Überschwemmungen), demografischen Wandel oder Tem­peratur­änderungen infolge des Klima­wandels. Stadträume und Bauten müssen verändert werden, um auf die neuen Bedürfnisse reagieren zu können. Bei einem resi­lienten System gelingt dies ohne grossen Aufwand.

Architekt und Stadtplaner Thomas Sieverts hat Merkmale aufgelistet, die eine resiliente Bauweise beschreiben.6 Dazu gehören unter anderem Redundanz, einfache Austauschbarkeit und ­Dezentralität. Eine vorausschauende Planung jener Aspekte ist daher der beste Weg zur Resilienz am Bau. (Viola John)

Anmerkungen

1 C. S. Holling (1973): Resilience and Stability of ecological sys­tems. Annual Review of Eco­logy, Evolu­tion, and Systematics, Vol. 4, S. 1–23.
2 C. S. Holling (1996): Engineering Resilience versus Ecological Resilience. In: Engineering within ecological constraints, National Academy Press, Washington, D. C.
3 www.stockholmresilience.org/research/research­-news/2015-02-19-what-is-resilience.html
4 P. Newman (2009): Resilient Cities: Responding to Peak Oil and Climate Change, Washington, D. C.
5 T. Gebauer (2015): Resilienz statt Nachhaltiger Entwicklung, Resilienz-Symposium der Stiftung medico international, Frankfurt.
6 T. Sieverts (2013): Am Beginn einer Stadtentwicklungsepoche der Resilienz? Folgen für Architektur, Städtebau und Politik, Informationen zur Raumentwicklung, 4/2013.
 

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