Raum­kon­zept statt Sam­mel­su­ri­um

Bei der Einrichtung eines Coworking-Space in einem Industriebau in Lenzburg haben sich gutundgut Architekten sowohl von kreislaufwirtschaftlichen als auch ästhetischen Ansprüchen leiten lassen. Der Begriff eines gelungenen Raums befindet sich in Bewegung.

Publikationsdatum
08-03-2023

Fraglos gilt bei Umnutzungen und Umbauten der vernünftigen Verwendung von Ressourcen die erste Priorität. So auch in einer Etage der ehemaligen Spielzeugfabrik Wisa Gloria in Lenzburg. Mit grossem Engagement hat sich eine Trägerschaft aus 14 regionalen Kleinaktionären zusammengetan, um die 400 Quadratmeter mit möglichst geringem Materialaufwand wiederzubeleben.

Inhaltlich ist ein Coworking-Space entstanden, der Arbeitsplätze für Handwerk und Dienstleistung bietet. Neben Schreibtischen, die mit einheitlicher technischer Ausrüstung auf hohem Niveau ausgestattet sind, finden sich neben Sitzungsräumen und einer offenen Bar auch Werkstätten, in denen es laut und schmutzig zugehen kann. Ein Uhrmacher, der sich in einem offenen und einem geschlossenen Teil eingerichtet hat, bringt Laufkundschaft.

Der grösste Teil der Fläche kann ausgeräumt, umgeräumt und für Veranstaltungen gebucht werden. Die räumliche Flexibilität fördert Synergien unter den Nutzenden. Austausch besteht aber auch zu anderen Firmen und Kunstschaffenden, die sich auf dem Gelände angesiedelt haben. Charmant improvisierte Bars und Restaurants ergänzen Firmenevents, die in der Etage stattfinden. So erfährt auch der Aussenraum zwischen den unterschiedlichen Gebäuden eine Wiederbelebung.

Ungewöhnlich ist die Vernetzung mit der weiteren Umgebung: Ganz nach dem Baukastenprinzip beziehen die Projektleitenden benachbarte Institutionen wie ein Hotel, eine Schule und einen Kindergarten in ihre Angebote mit ein. Konzeptuell geht die Umnutzung damit über das Übliche hinaus.

Durch die Positionierung zwischen Kunst, Handwerk und Dienstleistung zieht der Coworking Space designaffine Nutzende an. Um den ästhetischen Ansprüchen dieses Menschenschlags zu entsprechen, baut der Gestaltungsansatz neben den ressourcenschonenden Zielen auch auf eine klare Innenarchitektur.

Was ist ein gelungener Raum?

Wie gelingt es aber, mit dem Grundgedanken der Kreislaufwirtschaft, mit dem verfügbaren Material aus einem engen Radius, einen Raum zu gestalten, ohne dass er wie ein Sammelsurium daherkommt? Hilfreich ist dabei eine klare Struktur, wie sie hier vorgefunden wurde. Alle aufgehenden Wände, Fensterrahmen, Stützen und die Deckenuntersicht sind weiss gestrichen und setzen einen starken Rahmen.

Christian Müller vom Büro gutundgut, dem die Projektleitung oblag, schildert das unorthodoxe Vorgehen bei der Suche nach der Ausstattung. Über Chatrooms in sozialen Netzwerken und mithilfe befreundeter Architekturschaffender hat er Baustellen in der näheren Umgebung abgesucht und gezielt nach übrig gebliebenen und möglichst kostenlosen Bauteilen geforscht. Trotz hoher Ansprüche an die technische Ausrüstung als Baustein idealer Arbeitsbedingungen ist es gelungen, die Kosten für den Ausbau unter 100.000 Franken zu halten.

Bei der Wahl der baulichen Elemente stand die Wiederverwendung langlebiger und raumklimatisch gesunder Materialien im Vordergrund. Zuerst erhielt die Baugruppe ein Konvolut von 70 grossen Holzrahmenfenstern vom Umbau eines Wohnbaus in Wohlen. Durch einen Schreiner fachkundig, aber situationsbezogen übereinandergestapelt und in ein denkbar einfaches Holzgerüst gespannt, umgrenzen sie jetzt die Besprechungsräume. Garantien gibt es keine. Die zugefügten Vorhänge hingegen unterliegen Brandschutzanforderungen und kamen nur mit entsprechenden Nachweisen zum Einsatz – aber auch sie konnten gebraucht erworben werden. Klug ist der Vorsatz, überhaupt nur so wenig Möbel wie nötig zuzufügen.

Um die Ruhe in der Raumgestaltung zu bewahren, sind Tische und Stühle konsequent durchgängig bestückt – eine gute Gestaltung und ergonomische Eignung bei ihrer Auswahl vorausgesetzt. Eine Gruppe giftgrüner Schreibtische aus der Feder von Gigon Guyer Architekten, die aus dem Auditorium der Uni Zürich stammen, zieht die Blicke auf sich und bildet eine klare Setzung im Raum. Die Stühle stammen von dem Callcenter einer Bank, das aufgelöst wurde. Einzelne Elemente wie eine Telefonbox oder ein Sofa ordnen sich unter.

Zugunsten einer angenehmeren Akustik liegen Perserteppiche am Boden, die einem benachbarten Brockenhaus gehören – bei Interesse sind sie umstandslos zu erwerben. Und so sinnvoll diese Idee ist: hier neigt sich die Gestaltung dann doch in Richtung Beliebigkeit.  

Als sensibilisierte Planende müssen wir uns fragen, ob sich unser Bild eines schlüssigen Innenraums durch die veränderten Zielsetzungen verschiebt. Ist Innenarchitektur bereits dann gelungen, wenn sie materialbezogen verantwortungsvoll ist und eine flexible Nutzbarkeit ermöglicht? Zu welchem Anteil steuert der Intellekt die Wahrnehmung der Atmosphäre? Ist nach Berücksichtigung der vordringlichen Ansprüche weiterhin eine Überformung ausschlaggebend, damit sich eine gute Aufenthaltsqualität einstellt?

Genau wie in der Bewertung der Architektur etablieren die veränderten Werte ein neues Ideal. Im besten Fall entsteht statt einer Einschränkung eine neue Freiheit im Design. Es wird interessant sein, den Begriff des «gelungenen Raums» in den kommenden Jahren zu beobachten.