«Die Pro­jek­te ha­ben ein glas­kla­res Pro­fil»

Die Beurteilung der Eingaben für den Prix SIA basiert auf dem «Davos Qualitätssystem» mit seinen acht Kriterien für eine hohe Baukultur. TEC21 sprach mit Jurypräsident Emanuel Christ über die Jurierung und erste Erkenntnisse, die sich aus der Auswahl der neun Projekte für die Shortlist ergeben.

Publikationsdatum
28-02-2024

Der Prix SIA, die Schweizer Auszeichnung für eine nachhaltige Gestaltung unseres Lebensraums, würdigt Projekte und Prozesse, die von interdisziplinären Teams zwischen dem 1. Januar 2021 und dem 31. Mai 2023 in der Schweiz realisiert wurden. Damit soll die hohe Baukultur und die Gestaltung eines nachhaltigen Lebensraums gefördert werden.

Die Jury, die sich aus neun Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen zusammensetzt, ­verwendete für die Bewertung der Projekte das «Davos Qualitätssystem für Baukultur». Während zwei Tagen wählte sie aus 169 Eingaben neun Projekte für die Shortlist aus. Am 23. Mai 2024 werden aus dieser Auswahl die Siegerprojekte gekürt.

Herr Christ, wie schaffte es die Jury, während zwei Tagen so viele Beiträge zu erfassen und zu bewerten?

Emanuel Christ: Alle Jurymitglieder konnten vorgängig die Dossiers sichten und studieren. Anschliessend arbeiteten wir in zwei unterschiedlichen Modi. Zunächst verschafften wir uns als gesamte Jury einen Überblick über alle Projekte. Dann teilten wir uns in drei Arbeitsgruppen in wechselnder Konstellation auf. Als Gruppe von je drei Jurorinnen und Juroren setzten wir uns vertieft mit allen Projekten auseinander und versuchten, eine erste Triage vorzunehmen. Damit war eine konzentriertere Diskussion möglich. Im kollektiven Modus glichen wir unsere provisorischen Priorisierungen miteinander ab. Bei manchen Eingaben waren sich die Jurys der Arbeitsgruppen sehr einig, bei anderen gab es starke Abweichungen in der Gewichtung. Dort gab es Ansatzpunkte, um die Projekte zu diskutieren. So näherten wir uns einer Auswahl an.

Für die Beurteilung der Projekte stützte sich die Jury auf die acht Kriterien des «Davos Qualitätssystem für Baukultur». Wie hat sich dieses Werkzeug in der Jurierung bisher bewährt?

Das «Davos Qualitätssystem für Baukultur» ist ein wertvolles Werkzeug, um ein Projekt aus ver­schiedenen Perspektiven zu betrachten. Weil die Kriterien viele Aspekte abdecken, unterstützt es die Arbeitsweise einer interdisziplinären Jury, wie wir es sind. Damit ist in gewisser Weise schon bei der Arbeit in der Gruppe sichergestellt, dass wir der Komplexität des Planens und Bauens gerecht werden. Für unsere Jurierung hat sich das System bisher sehr bewährt.

Gab es Kriterien, die schwieriger messbar waren als andere oder bei denen es mehr Diskussionsbedarf gab?

Die Schönheit ist mit Sicherheit ein besonders anspruchsvolles Kriterium, wenn es um eine mess­bare, allgemein nachvollziehbare Definition geht. Man kann etablierte philosophische Definitionen dafür bemühen: Ist schön, was wahr ist? Oder vielmehr, was der Allgemeinheit gefällt? Innerhalb der Jury waren wir uns interessanterweise sehr schnell einig. Vielleicht hat es damit zu tun, dass alle Beteiligten dieser breit aufgestellten Jury als Planerinnen und Planer tätig sind. Wir alle sind mit der Perspektive des Entwurfs vertraut, das bringt uns trotz der disziplinären Komplementarität wieder stark zusammen. Wir sehen Schönheit in einer gewissen Vollkommenheit oder im Grad der Perfektion einer Synthese.

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Prix SIA Shortlist 2024

Ein weiteres Kriterium, das nicht leicht zu fassen ist, ist die Gouvernanz. Sie hat sehr viel mit Prozessen zu tun und mit dem Umfeld, der Herkunft sowie der Geschichte eines Projekts. Diese Aspekte sind – zumindest in einer Jurierung – nicht so schnell zu begreifen. Dazu muss man Texte lesen, sich vertiefen, vielleicht auch Diagramme verstehen. Das haben wir selbstverständlich gemacht, doch dazu waren in den Eingaben generell weniger Informationen zu finden.

Was zeichnet die Projekte der Shortlist aus – was sind Gemeinsamkeiten, was sind Unterschiede?

Es ist eine grossartige Auswahl. Die neun Projekte haben ein glasklares Profil, sie sind kon­zeptio­nell scharf, inhaltlich gut gemacht und überzeugend umgesetzt. Die Nominierungen reichen von kleinmassstäblichen Entwürfen bis zu grossen Projekten – darunter Konzepte, die stark mit Landschaft und Natur zu tun haben, aber ebenso ­klassische Bauprojekte. Es gibt bemerkenswerte Neubau- und auch Umbauprojekte. Bei all diesen Unterschieden sind aber auch Gemeinsamkeiten da, wie ein Verständnis für zirkuläres Bauen im wei­testen Sinne: dass man Teil eines Kreislaufs ist, wenn man baut. Ich sehe, dass sich dieses Denken in neun Projekten widerspiegelt. Der subtile, minimale Eingriff ist auch eine mögliche Strategie, die diesem Bewusstsein entspringt. Aber wir haben deswegen keinesfalls zurückhaltende oder schüchterne Projekte ausgewählt – im Gegenteil, es ist eine Auswahl von Projekten, die alle auch einen starken, lustvollen Gestaltungswillen zeigen. Das war uns als Jury auch sehr wichtig.

Mit dem Prix SIA sollen Projekte und Prozesse gewürdigt werden. Bei dieser ersten Ausführung wurden jedoch mit grosser Mehrheit Projekte eingegeben, spezifischer: Hochbauprojekte. Was könnte der Grund dafür sein?

In der ersten Ausgabe des Prix SIA versuchen wir, die Auszeichnung auch als Kampagne und als Einladung zur grösseren interdisziplinären Diskus­sion aufzubauen. Wir wollen zu einem offeneren und breiteren Austausch und zu einem umfassenderen Verständnis von der Gestaltung der Umwelt anregen.

Der Grund, warum das jetzt im ersten Durchgang noch verhältnismässig konventionell abgelaufen ist, mag sein, dass wir in klassischen Architektur- und Ingenieurbüros mit solchen Auszeichnungsformaten vertraut sind. Es existieren wichtige und etablierte Architektur- und Ingenieur- oder Technologiepreise, bei denen man Projekte einreicht. Und da gibt es auch eine gewisse Routine, das darf man nicht vergessen.

Projekte, die stärker prozessbasiert sind, wie zum Beispiel städtebauliche Planungen oder regionale Strategien im Bereich Infrastruktur, Mobilität und Umwelt, sind oft Grossprojekte, die sich zeitlich über eine ganze Generation oder mehr erstrecken können. Sie lassen sich nicht so einfach dokumentieren wie ein klassisches Bauprojekt. Dementsprechend gab es weniger zu sehen, aber das liegt auch in der Natur der Sache: Es gibt viel mehr Bauprojekte in kleinen und grösseren Massstäben, in der Infrastruktur, Landschaft oder Architektur als eben solche Prozesse und grossmassstäbliche Planungen. Insofern bilden die Eingaben auch eine Realität der Baukultur ab.

Auch die Landschaftsarchitektur ist etwas zu kurz gekommen, vielleicht war das ein Kommunikations- oder Konzeptionsfehler am Anfang. Auch darüber haben wir reflektiert und nachgedacht.

Was nehmen Sie aus dieser Jurierungserfahrung mit, sowohl persönlich als auch für Ihre berufliche Praxis?

Für mich ist es ein Privileg, in einer solchen Jury mitwirken zu dürfen. Ich lerne sehr viel. Auch beruflich ist es von hohem Wert, dass wir als Jury in doch sehr konzentrierter Form eine grossartige Auswahl von State-of-the-Art-Projekten entdecken können und dass wir sehen, was in diesem Land passiert.

Planen und Bauen ist eine interdisziplinäre Sache, die weit über die eigene Einschätzung und die eigenen Ideen hinausgeht. Deshalb ist dieses vernetzte Denken und Wissen wichtig.

Wie geht es weiter?
 

Prix SIA Talks: Die Eingaben der Shortlist werden im Rahmen von aufgezeichneten Diskussionsrunden – den sogenannten «Prix SIA Talks» – diskutiert und beurteilt. Die Videos sind ab Mitte März auf www.prixsia.ch abrufbar.
 

Am 11. April 2024 startet das Online-Voting für den Publikumspreis auf www.prixsia.ch. Teilnahmeberechtigt sind alle 169 Einreichungen.
 

Preisverleihung: Nach der Schlussjurierung werden die Gewinner des Jurypreises und des Online-Votings an der Preisverleihung in Winter­thur am 23. Mai 2024 bekannt gegeben.