Macht des Mo­dells

Die wenigsten Architektur- und Ingenieurbüros sind darauf vorbereitet: Demnächst wird BIM für alle Bauvorhaben des Bundes zwingend. Für die Umsetzung sorgen SBB und SIA. Doch wem gehört der angehäufte Datenschatz? Mit der Digitalisierung geraten Planerinnen und Planer in einen globalen Strudel zwielichtiger Interessen.

Publikationsdatum
16-04-2019

Eigentlich ist die Nachricht so brisant, dass sie die Planungsbranche aufrütteln sollte: Ab 2021 ist BIM obligatorisch für alle Hochbauprojekte des Bundes und der bundesnahen Betriebe. Konkret heisst das, dass in weniger als zwei ­Jahren in allen Architekturwettbewerben von bundesnahen Betrieben die Projekteingabe als BIM-Modell erfolgen muss; Teams, die kein solches Modell abliefern können, sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Das betrifft eine Reihe von grossen Immobilienprojekten der SBB ebenso wie Bauvorhaben der Post oder der Swisscom.

Ab 2025 erstreckt sich die Vorgabe auch auf Infrastrukturanlagen, also zum Beispiel auf die Verkehrsprojekte von SBB und Astra. So steht es im «Aktionsplan Digitale Schweiz», in dem der Bundesrat konkrete Massnahmen zur Umsetzung seiner Strategie «Digitale Schweiz» definiert.

Die Köpfe stecken tief im Sand

Bemerkenswerterweise scheint die Baubranche – aus­serhalb des recht übersichtlichen Zirkels der BIM-Verfechter – die Neuigkeit bisher kaum zur Kenntnis genommen zu haben. Der Bundesrat hat seine Strategie samt Aktionsplan bereits im September 2018 publiziert, allerdings ohne nennenswerten Nachhall unter den Planerinnen und Planern.

Möglicherweise liegt es daran, dass der Bau- und Immobiliensektor in der Strategie nur indirekt vorkommt, obschon er mit ca. 15 % einen beträchtlichen Anteil des Bruttoinlandprodukts erwirtschaftet. (Explizit erwähnt sind lediglich verwandte Themen wie Mobilität oder Energieversorgung – und die Landwirtschaft, die zwar nur etwa ein Prozent zum BIP beiträgt, aber dank «Smart-­Farming-Technologien» wettbewerbsfähiger und nachhaltiger werden soll.)

Inbesondere Architekturzeitschriften zeigen nur laues Interesse, obwohl der Entscheid des Bundes massive Folgen auf die Planungs- und Baupraxis haben wird. Ein wenig fühlt man sich an die Bologna-Reform erinnert: Als 1999 der zuständige Schweizer Amtsvertreter anlässlich eines Treffens unter Bildungsministern in Bologna ein «Abkommen für die europaweite Harmonisierung der Studiengänge und der internationalen Mobilität der Studierenden» unterschrieb, wurde das Ereignis eher beiläufig kommentiert. Dass die Bologna-Reform die Schweizer Hochschullandschaft umpflügen und das duale Bildungssystem in seinen Grundfesten erschüttern würde, haben damals nur ganz wenige begriffen – jedenfalls unter den Betroffenen.

Dabei ist der Bund mit seiner Digitalisierungsstrategie keineswegs allein. Auch auf anderen politischen Ebenen verfolgen die Behörden vergleichbare Vorhaben; der Kanton Genf beispielsweise erwägt eine rein digitale, modellbasierte Abwicklung von Baugesuchen. Im privaten Sektor sind grosse Bauherrschaften und institutionelle Anleger an den neuen technologischen Möglichkeiten interessiert, setzen sie probeweise um und planen, sie verpflichtend einzuführen.

Die Auftraggeber versprechen sich von der BIM-Methode verlockende «Effizienzsteigerungen in den Projektzielen, Terminen und Kosten im Bereich von 5–10 %», wie es der Aktionsplan des Bundes verkündet. Ob und unter welchen Umständen diese Erwartung tatsächlich gerechtfertigt ist, wird die Zukunft zeigen. Sicher ist aber, dass immer mehr öffentliche und private Auftraggeber daran glauben und BIM einfordern. Die Planerinnen und Planer tun also gut daran, sich schnellstens mit der neuen Methode und passenden digitalen Werkzeugen vertraut zu machen.

Neues Team, neue Abläufe

Die Erkenntnis, dass neue Technologien zu einer Transformation der Baubranche führen, ist nicht neu. Der aktuelle Digitalisierungsschub ist auch nicht der erste, der die Branche erfasst. Um die Jahrtausend­wende haben fast alle Architektur- und Ingenieurbüros innert weniger Jahre aufgehört, handgezeichnete Pläne zu produzieren, und verwenden stattdessen Zeichnungs-, Modellierungs- und Visualisierungs­programme.

Doch dieser Wandel war weniger grundlegend: Plan und Modell dienten weiterhin der massstäblichen visuellen Darstellung des Projekts. Ausgetauscht wurde nur das Werkzeug, mit dem sie erstellt wurden; ihre Funktion blieb gleich und mit ihr auch alle etablierten Planungs- und Bauprozesse.

Die konsequente Einführung von BIM dagegen dürfte zu einer tiefer greifenden Transformation führen. Denn BIM ist nicht lediglich ein neues Werkzeug, sondern eine neue Methode, die sich zwar – auch – neuer digitaler Tools bedient, vor allem aber neue Abläufe und ­Zuständigkeiten erfordert, um die versprochenen Vorteile zu generieren. BIM stellt damit vertraute, grundlegende Grössen infrage: etwa das berufliche Selbstverständnis der Projektleitung oder die bewährte Definition der Planungs- und Bauphasen.

Die ausführliche Version dieses Artikels finden Sie in TEC21 15/2019 «Digitale Turbulenzen».

Digitalisierung des Bauwesens in TEC21

Was bedeuten die Digitalisierung und insbesondere BIM für die Baubranche? Dieser Frage widmet TEC21 eine Heft­reihe, deren Auftakt diese Ausgabe bildet. 2019 sind Beiträge zu folgenden Themen geplant: «Betriebs- und Sicher­heits­anlagen», «BIM und Holzbau», «Die Sicht der Auftraggeber», «LHO» sowie «Spitalbau mit BIM». Zudem erscheint im Mai 2019 als Beilage zu TEC21, TRACÉS und Archi das dreisprachige Sonderheft «BIM – Reality Check».


Zum Thema Digitalisierung sind in den vergangenen Jahren verschiedene Ausgaben von TEC21 erschienen. Diese und weitere Beiträge zum Thema BIM finden sich in unserem digitalen Dossier.

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