Ler­nen von Blat­ten

Naturgefahrenexperten sind sich über den Ausnahmecharakter der Katastrophe von Blatten einig. Trotzdem forschen sie weiter, um ein genaueres Verständnis des Phänomens zu erlangen. Dies könnte zu Instrumenten führen, die zukünftig dabei helfen, derartige Ereignisse zu erkennen, Gefahren aufzudecken und Schäden zu verringern.

Publikationsdatum
04-02-2026

Am Mittwoch, dem 28. Mai 2025, gegen 15.30 Uhr brach der Birchgletscher unter dem Gewicht der Gesteinstrümmer zusammen, die sich nach einer Reihe von Felsstürzen vom Kleinen Nesthorn in den Tagen zuvor auf seiner Oberfläche angesammelt hatten. Einige Sekunden später verschwand das Dorf Blatten (VS) unter einer Anhäufung von Fels und Eis. 

«Ein aussergewöhnliches, ja sogar einzigartiges Ereignis», so Christophe Lambiel, Forscher an der Universität Lausanne und Spezialist für Permafrost. Es gab zwar ähnliche Fälle, wie 2017 am Pizzo Cengalo (GR) und 2024 am Piz Scerscen (GR), aber das Ausmass der materiellen Zerstörung ist nicht vergleichbar.

Das Ereignis weckte nicht nur das Interesse der Medien und der Öffentlichkeit, sondern natürlich auch die Aufmerksamkeit der Forschenden: Welche Kette von Ursachen hat zu dieser Katastrophe geführt? Wie wichtig sind geologische Faktoren? Ist die Zerstörung des Permafrosts im Zusammenhang mit dem Klimawandel dafür verantwortlich?

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In der Hitze des Gefechts waren die Antworten gegenüber den Medien zwar widersprüchlich, aber die Grundzüge des Szenarios waren klar: Eine Serie von Felsstürzen führte zur Ansammlung von mehr als 7 Mio. m3 Geröll auf dem Birchgletscher. Diese Masse beschleunigte den Gletscher, von dem schliesslich ein grosser Teil abbrach. 

Nach Angaben von Glaziologen der ETH Zürich1 «zeigt ein Vergleich der digitalen Geländemodelle vor und nach dem Ereignis, dass 2.9 Mio. m3 Eis und 6.4 Mio. m3 Gestein und Geröll ins Tal gestürzt sind». Diese 20 Mio. Tonnen legten in etwa 40 Sekunden einen Höhenunterschied von 1200 m zurück, was einer Geschwindigkeit von fast 200 km/h entspricht. Vermutlich setzte dieser Sturz genug Energie frei, um bis zu 1 Mio. Tonnen Eis zu schmelzen, was etwa 27 % des heruntergestürzten Eisvolumens entspricht.

Ist die Erderwärmung schuld?

Der erste Akt dieser Tragödie ist also der Felssturz am Kleinen Nesthorn. Für Ludovic Ravanel, Glaziologe, Geomorphologe und Forschungsdirektor am CNRS im Labor für Umwelt und Dynamik von Berggebieten (EDYTEM) der Universität Savoie Mont Blanc in Chambéry (F), «hängt die Destabilisierung einer Felswand in der Regel mit zwei Arten von Faktoren zusammen: passiven Faktoren wie Geologie und Topografie sowie aktiven Faktoren wie starken Regenfällen, der Zersetzung des Permafrostbodens oder auch einer postglazialen Dekompression». 

Für den Spezialisten ist der Nordhang des Kleinen Nesthorns zwar durch seine Petrographie und seine Rissbildung geschwächt, aber der Auslöser ist sicherlich in der Zersetzung des Perma­frostbodens zu suchen. «Dieser ist in diesem Gebiet vorhanden. Modellierungen, das Vorhandensein eines Hängegletschers (kaltes Eis) in der Nähe und besondere Geländeformen wie kleine Felsgletscher am Fuss des Hangs belegen dies. Darüber hinaus haben wir in den letzten Monaten in den Alpen an bestimmten Bohrstellen neue Phänomene beobachtet, wie beispielsweise eine starke Erwärmung, gefolgt von einer ausbleibenden Abkühlung in der Tiefe im Jahr 2024. Auch wenn wir derzeit noch keine absolute Gewissheit haben, deutet eine Reihe von Indizien dennoch auf eine Zersetzung des Permafrostbodens hin.»

Für Christophe Lambiel besteht zwar weitgehend Einigkeit über die Grundzüge des Ereignisses, doch sind weitere Daten erforderlich, bevor detailliertere Schlussfolgerungen gezogen werden können: Angesichts einer solchen Abfolge von Hitzesommern scheint es in der Tat schwierig, einen Zusammenhang mit der Zersetzung des Permafrostbodens auszuschliessen. Um dies zu bestätigen, muss man sich jedoch auf Felddaten stützen können.

Eine Aufgabe, der sich sein Team angenommen hat. Einer der Doktoranden des Instituts für Dynamik der Erdoberfläche (IDYST) installierte kürzlich Temperatursensoren in der Nähe des Einsturzes des Kleinen Nesthorns, in einem geologisch sehr ähnlichen und schwer zu begehenden Gelände.

Was den Gletscherbruch betrifft, vermuten die Glaziologen der ETH Zürich1 derzeit eine Reihe von Ursachen, die hauptsächlich mit der zusätzlichen Auflast durch die Felsstürze zusammenhängen. Dieser Druck und die Scherbeanspruchungen könnten auch zu einem teilweisen Abschmelzen des Eises geführt haben. Das Schmelzwasser hätte die Bewegung des Birchgletschers noch verstärken und beschleunigen können. Auch diese Hypothesen müssen noch überprüft werden.

Der überwachte Gletscher

Auch wenn der Birchgletscher und das Kleine Nesthorn erst seit kurzem in den Medien präsent sind, standen sie bereits seit vielen Jahren im Fokus von Fachleuten und Behörden. «Aufgrund von zwei Schnee- und Eislawinen im Dezember 1993 und Dezember 1999, die teilweise die Kantonsstrasse und andere lokale Infrastrukturen beeinträchtigten, wurde der Birchgletscher in den letzten Jahrzehnten überwacht», erklärt Guillaume Favre-­Bulle, Leiter der Abteilung für geologische Gefahren des Dienstes für Naturgefahren des Kantons Wallis.

Da sich der untere Teil des Gletschers seit 20192 um etwa 50 m vorwärts bewegt hat – eine Anomalie im Massstab der Schweizer Alpen –, wurde 2024 eine Kamera mit zusätzlichen Funktionen installiert. Nach einer Zunahme von Erdrutschen und der Entdeckung von Rissen durch einen lokalen Beobachter für Naturgefahren Mitte Mai 2025 verstärkte man die Überwachung durch die Installation einer GPS-Antenne, eines interferometrischen Radars und neuer Webcams. LiDAR (Light Detection and Ranging) und photogrammetrische Flüge ergänzten das Überwachungssystem. Nicht zu vergessen sind die fortgesetzten visuellen Beobachtungen.

Die Beschleunigung des Phänomens veranlasste die kantonalen Behörden, das Dorf Blatten am 19. Mai 2025 zu evakuieren. Alle Fachleute, die für diesen Artikel befragt wurden, betonen, dass diese Entscheidung ebenso vorbildlich wie schwierig war. «Auch wenn man aufgrund der Zerstörung des Dorfs und des Todes eines seiner Bewohner keinen Sieg verkünden kann, haben die Walliser Behörden das Schlimmste verhindert», betont Christophe Lambiel. 

Für den Forst- und Wasserbauingenieur Federico Ferrario, Vizepräsident der Fachvereinigung Naturgefahren Schweiz (FAN), «ist Blatten der Beweis dafür, dass das integrierte Risikomanagement, wie es in der Schweiz praktiziert wird, funktioniert. Und zwar auch bei aussergewöhnlichen Ereignissen und/oder solchen mit einer Wiederkehrperiode von mehr als 300 Jahren, die daher nicht auf den aktuellen Gefahrenkarten verzeichnet sind». 

Aber weshalb spiegeln sich solche Gefahren nicht in den Gefahrenkarten wider und werden daher keine Risikogebiete ausgewiesen? Guillaume Favre-Bulle erklärt: «Bei der Erstellung der Gefahrenkarten auf nationaler Ebene werden weder die Kombination verschiedener Prozesse, wie hier Erdrutsch und Gletscherbruch, noch extrem seltene Ereignisse wie das am Kleinen Nesthorn berücksichtigt.» Für Letztere seien nur organisatorische Massnahmen denkbar. Genau das wurde in Blatten getan.

Für Federico Ferrario lässt sich diese Situation durch mehrere Faktoren erklären. Erstens liegen viele dieser Gebiete weit entfernt von jeglicher Infrastruktur und stellen nur ein geringes oder gar kein Risiko für Menschenleben und materielle Werte dar. Zweitens sind Katastrophen wie die in Blatten aufgrund ihrer hohen Wiederkehrperiode sehr schwer zu erkennen und vorherzusagen. 

«Die Frage, die sich stellt, ist vor allem, was zu tun ist, wenn ein Risikogebiet mit einer Wiederkehrperiode von beispielsweise 3000 Jahren identifiziert wurde», fährt der Experte fort. Für ihn gibt es nur zwei mögliche Antworten: Entweder man akzeptiert, weite Teile der Alpen zu verlassen, oder man findet sich damit ab, dort zu leben, wobei man sich der Gefahr voll bewusst ist.

Aber wenn keine auf Risikowissen basierende Raumplanung durchgeführt wird, werden dann nicht wirtschaftliche Faktoren diese Aufgabe übernehmen? Werden Versicherungen das Risiko eingehen, Gebäude in Risikogebieten zu versichern, und wenn ja, zu welchem Preis? Werden die Behörden und die Bevölkerung damit einverstanden sein, dort langfristig Infrastrukturen zu entwickeln und zu unterhalten? Ist eine solche Haltung angesichts der Klimakrise, die logischerweise zu einer Zunahme des Ausmasses und der Häufigkeit solcher Phänomene führen dürfte, überhaupt haltbar? 

«Es kommt immer wieder auf die Frage der politischen Entscheidungen an, die sich aus diesen neuen Erkenntnissen ergeben: bleiben oder akzeptieren?», fährt Federico Ferrario fort. Laut Christophe Lambiel «muss natürlich alles getan werden, um andere Gebiete zu identifizieren, die potenziell einem solchen Risiko von Kettenereignissen ausgesetzt sind. Blatten war ein Schock für die Welt der Naturgefahren, sowohl auf administrativer Ebene als auch in den Büros und in der Forschung. Wir alle wollen diese Phänomene verstehen und verhindern. Auch wenn es manchmal bequemer erscheint, die Gefahr zu ignorieren...»

Satelliten und numerische Simulationen

Inwieweit ist es möglich, solche Risikogebiete rechtzeitig zu identifizieren? Christophe Lambiel bezeichnet dies als schwierige Aufgabe: «Nehmen wir das Beispiel des Piz Scerscen 2024: Der Felsbrocken, der abgerutscht ist, ist kein bedeutendes topografisches Element. Es gibt viel zu viele solcher Gebiete, als dass man sie alle im Auge behalten könnte.» 

Aber vielleicht sind sie aus dem Weltraum leichter zu erkennen: Durch die nachträgliche Analyse von Satellitenbildern, die mit Radarinterferometrie (inSAR) erstellt wurden, konnten Forscher eines Programms der Europäischen Weltraumorganisation Anzeichen erkennen, die bereits 2017 Bodenbewegungen im Zusammenhang mit der Instabilität des Kleinen Nesthorns sowie deren deutliche Beschleunigung im Jahr 2023 (50 cm/Jahr) und dann im Jahr 2024 (150 cm/Jahr) zeigten.3 .

Auch wenn diese Technik insbesondere aufgrund der Topografie und Ausrichtung der betroffenen Gebiete ihre Grenzen hat, hat sie den Vorteil, dass sie unabhängig von den Wetterbedingungen und über grosse Gebiete hinweg funktioniert. Der Kanton Bern hat daher ein Inventar potenzieller Instabilitäten (IPIS) erstellt. Es zielt darauf ab, anhand regelmässig erfasster inSAR-Daten rechtzeitig Standorte zu identifizieren, die ein unzulässiges Risiko für den institutionellen Zuständigkeitsbereich darstellen.4 

Sobald die Gebiete identifiziert und charakterisiert sind, könnten mithilfe von 3D-Computersimulationen, wie sie an der ETH Zürich und am SLF von der Gruppe Environmental and Geomatic Engineering von Prof. Johan Gaume durchgeführt werden, die potenziell betroffenen Gebiete genauer bestimmt werden. Entsprechend den ausgewählten Szenarien hat dieses Forscherteam Simulationen für gemischte Fels-Wasser-Ereignisse (Eis) entwickelt. Rückblickend an gut dokumentierten Katastrophen getestet, zeigten sie eine sehr gute Übereinstimmung mit den Feldbeobachtungen hinsichtlich Ablauf, Höhe und Ausbreitung5.

Ohne offiziellen Auftrag hat das Team von Johan Gaume sein Modell mit den in Blatten bekannten Parametern durchlaufen lassen: Die Ergebnisse der 3D-Simulation zeigten eine Ausdehnung der Ablagerungszone, die der Realität sehr nahe kam. Sie sagten auch voraus, dass der grösste Teil von Blatten zerstört werden würde und dass der Weiler Weis­senried knapp von der herabstürzenden Fels- und Eismasse verschont bleiben würde. «Hätten die Verantwortlichen im Wallis von den Ergebnissen dieser Modellierungen gewusst, hätten sie wahrscheinlich den Weiler Weissenried evakuiert», erklärt Christophe Lambiel.

Die Gallier fürchteten, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen würde; doch genau dieser Himmel könnte morgen die Helvetier vor dem Einsturz eines ihrer Berge warnen. Der Einsatz von Satellitenfernerkundungstechnologien (die heute noch nicht vollständig einsatzfähig sind) in Verbindung mit verbesserten digitalen 3D-Simulationen ist in der Tat vielversprechend. Diese technologischen Fortschritte werden jedoch nur dann wirklich Früchte tragen, wenn auf allen Ebenen (Gemeinden, Kantone und Ämter) zusätzliche personelle Ressourcen bereitgestellt werden und der Austausch zwischen den verschiedenen Akteuren verbessert wird.

Dieser Artikel ist erschienen in espazium magazin 03/2026: «Hat Blatten Zukunft?».

 

Der Originalartikel «Quels ens­eig­ne­ments ti­rer de Blat­ten?» erschien in französischer Sprache in TRACÉS 3556, September 2025, und wurde von Peter Seitz unter Verwendung von deepl.com ins Deutsche übersetzt.
 

Anmerkungen


1 Daniel Farinotti, Matthias Huss, Mylène Jacquemart, Mauro Werder, Reto Knutti, Sonia Seneviratne, Robert Kenner, Jeanette Nötzli, Marcia Phillips, «Fact sheet for the now-collapsed Birchgletscher, Switzerland», ETH News (version du 25.7.2025)

 

2 Laut Glaziologen der ETH Zürich «hat sich die Eisdicke an der Gletscherfront zwischen 2011 und 2023 um fast 30 m erhöht, während der Gletscher im oberen Bereich dynamisch dünner geworden ist. Dieses ungewöhnliche Verhalten war wahrscheinlich auf die Ansammlung von Geröll zurückzuführen, das aus periodischen Erdrutschen vor dem Ereignis stammte.” Quelle: siehe Anmerkung 1

 

3 «Satellite radars reveal early signs of slope instability years before Blatten rock/ice avalanche», Pressemitteilung der ESA (8.8.2025)

 

4 Nils Hählen, Cornelia Brönnimann, «Inventar potentieller Instabilitäten im Berner Oberland», Agenda FAN 01/2023

 

5 «New models improve predictions of snow, rock and ice avalanches», ETH News (7.7.2025).

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