Ho­tel mit Dorf

Hotelresort Huus Quell, Gonten AI

Was als Wiederbelebung eines traditionellen Gasthauses begann, entwickelt sich zu einem umfassenden Hotelstandort im Dorf Gonten, Appenzell Innerrhoden.

Publikationsdatum
04-05-2026
Hella Schindel
Innenarchitektin und Fachjournalistin, Korrespondentin Architektur/Innenarchitektur

Der Ursprung des inzwischen auf einen eindrucksvollen Umfang angewachsenen Hotelprojekts «Appenzeller Huus» geht auf eine Sentimentalität zurück. Nach einer internationalen Karriere kehrt der Investor Jan Schoch 2014 ins Appenzell zurück und kauft den historischen, seit 2013 geschlossenen Gasthof Bären Er saniert den 400-jährigen Strickbau und verhilft dem Strassendorf Gonten damit zur Wiederbelebung seiner Mitte. 

Von Anfang an sind Rüssli Architekten aus Luzern beteiligt, die 2021 den Wettbewerb für sich entscheiden konnten. Doch nicht alle Etappen haben sie fertiggestellt – im Zuge der sich verändernden Anforderungen kommen und gehen bis heute weitere Planungsteams.

Aufgrund der geringen Zahl an Betten, die das Haus bietet, entschliesst sich der Besitzer, das Huus Bären mit dem gegenüberliegenden Huus Löwen, das ebenfalls leer steht, zusammenzuführen – und zwar nicht nur geschäftlich, sondern auch räumlich: Durch einen Tunnel unter der Hauptstrasse sind die beiden Häuser nun für Personal und Gäste verbunden. 

Tradition und Handwerk als Zugpferd

Aufbauend auf die Strickbauweise orientieren sich Sanierungen und Neubauten an den Materialien und Techniken des traditionellen Massivholzbaus, die schon den beiden denkmalgeschützten Gasthäusern zugrunde liegen. Ortsansässige Handwerksbetriebe steuern in Kenntnis der althergebrachten Bauweisen ihren Teil bei, ergänzt um wiederentdecktes Wissen wie den Einsatz von Mondholz aus der Region. 

Um den Prozess der Holzgewinnung und -verarbeitung lenken zu können, gründet der Hotelier eigene Holzfirmen. Zugute kommt ihm dabei auch die Expertise von Ingenieur und Zimmermann Hermann Blumer, bekannt für seinen innovativen und nachhaltigen Umgang mit Holz beim Bauen, mit dem er in engem Austausch steht. 

Die Erweiterungen führen die Sprache der Haupthäuser individuell fort. Der neue Baukörper, der das Huus Löwen entlang der Hauptstrasse ergänzt, ist als Teil des Ensembles erkennbar. Die ortstypische Fassadengliederung – mit steinernem Sockelgeschoss, zwei Wohngeschossen hinter grün gefärbten Holzverkleidungen und einem Satteldach – erfährt eine zeitgenössische Interpretation. Mit grosser Selbstverständlichkeit und angemessenem Volumen fügt sich der Anbau in die dörfliche Umgebung. 

Sichtbar wird die Experimentierfreude zwischen Tradition und Moderne, wenn der konstruktive Einsatz von Hölzern zum gestalterischen Element im Innenausbau wird, wie im rückwärtigen Anbau an das Huus Bären: Raumgreifend schwingt das Dach als Flechtwerkwelle über den neuen eingeschossigen Gastraum, der die bestehenden Restaurants ergänzt und ein Zeichen für den neuen hofseitigen Eingang setzt. 

Urige Bestandsbalken finden als Rahmen für das Fenster zur Küche eine neue Verwendung. Die grossblumigen Wandtapeten von Jakob Schlaepfer sind als eine zeitgenössische Fortschreibung derjenigen aus dem Huus Löwen zu lesen, kommen aber zwischen den groben Hölzern nicht recht zur Wirkung.

Hingegen sind die historische Gaststube und eine Zigarrenbar an der Schmitte im steinernen Sockel feinsinnig neu möbliert und ziehen nach wie vor die Dorfbewohnerschaft an, die hier auf einen Plausch zusammenkommt. 

Ein Spa als neue Mitte

Was sich als ein rundes Konzept mit vielfältigen räumlichen Angeboten darstellt, ist inzwischen nurmehr der Anker eines weitaus grösseren Hotelstandorts. Hinter dem Huus Bären ist das Huus Quell entstanden, das im Erdgeschoss mit Rezeption, Bar und Restaurant den neuen öffentlichen Eingang der Anlage bildet. 

Der fünfgeschossige Neubau ist einer von fünf ähnlichen Häusern, die sich rings um einen enormen Spa-Bereich gruppieren. Trotz ihrer Grösse von 21 x 21 Meter und der luftigen Dachkonstruktion sind sie als Massivholzbauten auf einem Sandsteinsockel ausgeführt. Das Untergeschoss ist betoniert. Bei den Treppenhauskernen, Schächten und horizontalen Leitungsführungen lässt sich der Massivholzcharakter des Hauses aus Brandschutzgründen nur durch Camouflage wahren.

Während das Huus Quell Hotelzimmer und im Dach einen grosszügig verglasten Wellnessbereich samt zwei Infinitypools bietet, haben die umliegenden Neubauten einen privateren Charakter. 52 unterschiedlich grosse Eigentumswohnungen bieten auf Wunsch Zugang zu den Annehmlichkeiten des Hotelbetriebs und ermöglichen zugleich unabhängiges Wohnen.

Benötigen die Besitzenden die Residenz nur für einen begrenzten Aufenthalt im Jahr, übernimmt das Hotel die Vermietung für die übrige Zeit. Ein Investorenmodell, das die Finanzierung des Grossprojekts entlasten soll und gleichzeitig das Spektrum an Hotelgästen weiter öffnet.

Appenzeller Qualitäten

Da das Appenzell nicht in der touristischen Liga von St. Moritz oder Gstaad spielt, kommen hier andere Qualitäten ins Spiel – Naturverbundenheit, lebendige Traditionen und Spiritualität. Die Innenarchitektin Nastasija Jovicic, die als Teil der Investorengemeinschaft Jan Group für das gestalterische Konzept im Huus Quell verantwortlich zeichnet, hat diese Parameter im besten Sinne umgesetzt. 

Dem Empfangsgebäude Huus Quell verleiht sie als erstem der Neubauten eine beruhigende Atmosphäre. Im Zentrum des Eingangsbereichs befindet sich ein Kubus, der nach Art eines abstrahierten Baums seine Äste unter der Decke ausstreckt – unschwer als eines der innovativen Holztragsysteme von Hermann Blumer zu erkennen.

Auf dem Weg von der Rezeption zur Bar ertönen Klänge, die sich zunächst an der Natur orientieren und immer abstrakter werden, je weiter man sich ins Innere des Hauses bewegt. Durch eine Wolke aus Metallgeflecht fällt in Abhängigkeit von den sich ständig verändernden Klängen mal helleres, mal gedämpftes Licht auf die Bar. Hier gibt es keinen eigenen Bereich für die Barkeeper. Man versammelt sich um einen speziellen Tisch aus Naturstein und sechseckigen Edelstahlelementen, um neuartige Getränke zu probieren, die im Sinne der Molekularküche aus regionalen Essenzen gemixt werden.

Als identitätsstiftendes Element kommen in den Hotelzimmern Stoffe zum Einsatz, die eigens in der Manufaktur Jakob Schlaepfer entwickelt und gewebt werden. Je nach Himmelsrichtung herrscht in den Zimmern ein Farbton vor. In traditionelle Appenzeller Muster mischt sich fast unbemerkt das Hotelsignet. 

Aufgrund der begrenzten Zimmergrössen erscheinen die Stoffe zuweilen mächtig, bekleiden sie doch Betthaupt, -himmel und Überdecken. Feiner sind die Bettbezüge selbst, die die gleichen Webstrukturen in weissem Damast zeigen.

Architektur im Licht

Hervorzuheben ist das Lichtkonzept: Zumeist unterstützt indirekte Beleuchtung in warmen Lichtfarben die Architektur, betont die Hölzer und dient der Orientierung in dem manchmal verwirrenden Wegenetz im Ensemble. Ergänzend und nur sparsam eingesetzt treten die Leuchten selbst in Erscheinung – als speziell angefertigte Glasobjekte, die an fliessendes Wasser oder in Eis gefangene Luftblasen erinnern.

Der Anspruch, ein traditionelles, naturverbundenes Hotel zu schaffen, das sich dank innovativer Konzepte wie dem 2200 m2 grossen Holistic-Spa-Bereich, kulinarischen Wagnissen und einem ungewöhnlichen Investorenmodell zukunftsorientiert zeigt, kommt durch die Architektur und Innenarchitektur zum Ausdruck. Weiche Faktoren wie die Integration regionaler Handwerkskunst oder die Förderung eines Kulturprogramms unterstützen die Bindung an das Dorfleben.

Ob die Dimensionen, die das Gelände angenommen hat, zu dem Standort passen und ob es gelingt, die Nachbarschaft mit einer internationalen Klientel zu verschränken, bleibt abzuwarten. 

Instandsetzung und Erweiterung Huus Bären (3-Sterne-Superior)

 

Bauherrschaft
Jan Group AG, Gonten

 

Architektur 
Rüssli Architekten AG, Luzern
Eschmann GmbH Architekturbüro, Aarau

 

Landschaftsarchitektur
Nipkow Landschaftsarchitektur AG, Zürich

 

Tragkonstruktion
SJB Kempter Fitze AG, St. Gallen

 

Holzbauplanung
Hermann Blumer, Herisau
SJB Kempter Fitze AG, St. Gallen
 

HLKS-Planung
tib Technik im Bau AG, Luzern

 

Elektroplanung
Elektro Sonderer AG, Appenzell

 

Lichtplanung
Flux Licht GmbH, Uerzlikon

 

Projektdaten
Realisierung: 2023–2024
Bauvolumen 2'000 m3
Geschossfläche 600 m2

 

 

Instandsetzung und Erweiterung Huus Löwen (4-Sterne-Superior)

 

Bauherrschaft
Jan Group AG, Gonten

 

Architektur 
Rüssli Architekten AG, Luzern

 

Tragkonstruktion
SJB Kempter Fitze AG, St. Gallen

 

Holzbauplanung
Hermann Blumer, Herisau
SJB Kempter Fitze AG, St. Gallen

 

HLKS-Planung
tib Technik im Bau AG, Luzern

 

Elektroplanung
Elektro Sonderer AG, Appenzell

 

Lichtplanung
Sektor4 GmbH, Zürich

 

Projektdaten
Realisierung: 2022–2023
Bauvolumen 5'650 m3
Geschossfläche 1'800 m2

 

 

Neubau Huus Quell (5-Sterne-Superior)

 

Bauherrschaft
Jan Group AG, Gonten

 

Architektur 
Rüssli Architekten AG, Luzern
Eschmann GmbH Architekturbüro, Aarau

 

Landschaftsarchitektur
Nipkow Landschaftsarchitektur AG, Zürich

 

Tragkonstruktion
SJB Kempter Fitze AG, St. Gallen

 

Holzbauplanung
Hermann Blumer, Herisau
SJB Kempter Fitze AG, St. Gallen
 

HLKS-Planung
tib Technik im Bau AG, Luzern

 

Elektroplanung
Elektro Sonderer AG, Appenzell

 

Lichtplanung
Flux Licht GmbH, Uerzlikon

 

Projektdaten
Wettbewerb: 2021
Ausführung: 2023–2025
Bauvolumen 55'000 m3
Geschossfläche 14'500 m2

Weitere Infos

 

Lichtinstallation Wolke/Sound
Studio above&below gemeinsam mit White Mirror Studios und dem Musiker Tom Middleton 

 

Beteiligte Holzfirmen

Blumer Lehmann, Gossau
Dörig & Brülisauer, Unterschlatt

 

Stoffmanufaktur
Jakob Schläpfer, St. Gallen

 

Links

Hotel: appenzellerhuus.ch/de
Kulturforum: appenzeller-forum.ch/uber-uns
Verkauf Wohnungen: wohnen.appenzellerhuus.ch

 

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