Holz­rie­se mit Pro­fil

Die Konstruktion des polyformen Hardwaldturms bei Kloten ist ein Querschnitt durch die Baumvielfalt des lokalen Walds. Nicht weniger als sieben Holzarten kamen zum Einsatz – jede dort, wo sie sich am besten eignet.

Publikationsdatum
27-09-2022

Mit 41 m Höhe ist der expressive Hardwaldturm, der im Juli 2022 eröffnet wurde, der dritthöchste Holzturm der Schweiz. Er wurde von den Gemeinden Opfikon, Kloten, Bassersdorf, Dietlikon und Wallisellen finanziert. Im Jahr 2020 gewann Luna Productions mit Holzing Maeder den ausgeschriebenen Projektwettbewerb.

Die Konstruktion besteht aus 380 m3 lokalem Holz – zum Einsatz kamen sieben aus dem Hardwald stammende Holzarten. Ziel war es dabei, die unterschiedlichen Anwendungsmöglichkeiten von Holz zu zeigen. Die Holzarten wurden nach ihren spezifischen Qualitäten eingesetzt: Fichte und Tanne für die Tragkonstruktion waren ausreichend im Wald vorhanden. Diese Hölzer eigneten sich auch für die Lamellen und die gros­sen Trägerquerschnitte. Als Fassade wurde witterungsbeständigeres Föhrenholz verwendet. Die durch die Besucher beanspruchte Treppe und die Plattformen sind aus härterer Esche.

Für die Unterkonstruktion der Plattform kam langlebige Akazie zum Einsatz, da diese beständig gegen Feuchtigkeit und Schädlinge ist – gerade an der wetterexponierten Spitze ist das wichtig. Der Boden der obersten Plattform ist aus Lärche, die ebenfalls witterungsbestän­diger als Fichte ist, im Hardwald aber nicht in grösseren Mengen verfügbar war. Die Simse bestehen aus Douglasie, auch sie hält der Witterung besser stand als Fichte und Tanne. Die Möblierung ist aus Eiche geschreinert – teilweise handelt es sich dabei um Sturmholz.

Turm zwischen Bäumen

209 Holzstufen führen durch den Turm auf die Spitze. In den Zwischenräumen der Lamellen bricht sich das Grün der Bäume. Immer wieder blickt man durch die fast sakral wirkenden dreieckigen Öffnungen auf den Wald. Die zahlreichen Holzarten, die im Innern  verwendet wurden, wirken erstaunlich homogen. Farblich unterscheiden sie sich kaum, sondern nur in ihrer Haptik – die feinen Brüstungen, die grob gehobelt wirkende Tragstruktur. Von der Spitze aus sieht man über dem Walddach das Panorama des Mittellands, vom Greifensee bis zu den Alpen.

Die Erscheinungsformen

Ein wenig wie das Männlein, das still und stumm im Wald steht, wirkt der Turm, wenn man ihn erstmals erblickt. Er hat eine formal geschlossene Erscheinung – eben einen Mantel. Dieser wirkt aber durch die Spalten zwischen den Lamellen, je nach Licht und Standpunkt des Betrachters, leicht durchscheinend oder geschlossen. Seine Form basiert auf einem gleichseitigen Dreieck, ähnlich dem Prinzip eines dreidimensionalen Tangrams. Die zu Rauten zusammengefügten Dreiecke bilden um 60° zueinandergedreht vier Podeste. Die Eckpunkte der Rauten werden durch Holzstreben diagonal miteinander verbunden – statisch können die Einheiten so vertikale und horizontale Kräfte aufnehmen. In dieser Rotation entsteht zusammen mit der Hülle eine Skulptur, die sich zu drehen scheint und sich von jeder Seite her anders zeigt. In der Fassade sind grosse, dreieckige Öffnungen ausgespart, die leicht nach aussen geknickt sind und so das Innere vor der Witterung schützen.

40 Meter oben, 20 unten

Die vier 10 m hohen Elemente des sichtbaren Turms wurden in vier Etappen mit einem Teleskopkran aufeinandergestapelt und millimetergenau zusammengesetzt. Die Teile wurden über Verbindungslöcher von 30 mm Durchmesser in der Schwebe mit Schrauben zusammengefügt – eine Präzisionsarbeit in schwindelerregender Höhe. Das oberste Element wiegt 42 t und musste in der Höhe von 30 m eingepasst werden. Das Primärtragwerk eines Elements wird durch die grossen acht Diagonalen und die horizontalen Hauptriegel gebildet. Sie wirken als räumliches Fachwerk. Die vier Teile wurden jeweils nacheinander mit Treppen, Podesten und Plattformen bis zur Aussenschalung ergänzt.

Diese Vorfertigung der Segmente wirkte sich positiv auf die Erstellungskosten aus, da kein 40 m hohes Gerüst nötig war. Das Gerüst für die Vormontage am Ort war wesentlich kleiner. So konnte ein grosser Teil der Arbeiten im Werk erfolgen und die Bauzeit und die Einsatzdauer des Krans in der sensiblen Landschaft kurz gehalten werden. Ausserdem ist das Holz abgesehen vom Haupttragwerk unverleimt und kann später wiederverwendet werden. Die Eindeckung der Treppe zur Aussichtsplattform wurde als Flachdach ausgeführt und mit Waldboden aufgefüllt, als Ausgleichsfläche zur benötigten Waldbodenfläche.

Doch all das ist nur der oberirdisch sichtbare Teil, denn am Boden reichen die Einzelfundamente, die 400 t Druck standhalten, 20 m in die Tiefe – fast wie die Wurzeln bei einem Baum.

Facts & Figures

 

Bauherrschaft
Forstrevier Hardwald und Gemeinden Opfikon, Kloten, Wallisellen, Bassersdorf und Dietlikon

 

Architektur
Luna Productions, Deitingen

 

Tragkonstruktion Holzbau
Holzing Maeder, Evilard
 

Holzbau
Frischknecht Holzbau Team, Kloten


Baumeisterarbeiten
Huber Baugeschäft, Bassersdorf


Spenglerarbeiten
Carl-Meier-Sohn, Bassersdorf

 

Schnittholz
Raschle Holz, Nürensdorf

 

Leimholz
Hüsser Holzleimbau, Bremgarten

 

Kosten (BKP 2)
1.05 Mio. Fr.

 

Bauzeit
Fundamente 11/2021–12/2021,
Holzbau 3/2022–6/2022

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