Graue Emi­nen­zen in der Stadt­sil­hou­et­te

Das Zollhaus ist das jüngste Zürcher Genossenschaftsprojekt und zugleich der letzte Baustein der gleisnahen Stadterweiterung. Es tritt mit einem sprudelnden Nachhaltigkeitsprogramm an, das durch strenge Architektur gebändigt scheint. Aber hat man sich nicht zu viel vorgenommen?

Publikationsdatum
05-11-2020

Als könnte der Taktfahrplan der SBB auch die Umgebung in Bewegung bringen, hat sich die Stadtkulisse entlang des Zürcher Vorbahnhofs in den letzten 20 Jahren quasi neu erfunden. Wo früher der Werkplatz der Bahn war, ein wildes Durcheinander aus Schrottplatz, Holzbaracken und Wellblechschuppen, drängen nun aufgeräumte Areale an die Bahngleise – in einem städtischen Gemisch aus vielerlei Formen, Proportionen, Materialisierungen und Farben.

Jüngster und letzter Zuwachs ist eine Häuserzeile, die das Spektrum nochmals erweitert. Da sich ihre Architektur auf die Geschichte des Standorts bezieht, taucht der herbe Industrie­charme von einst wieder auf. Aber dort, wo die Züge im Dauertakt über die Langstrasse donnern, kommt es nicht zum Comeback des Bahnbetriebs. Im «Zollhaus», so der Name für die gleisnahe Neubaureihe, wird dereinst nur teilweise gearbeitet. Zum neuen Jahr ziehen hier Singles, Familien, ehemalige Hausbesetzer und «Ü-55-Seniorinnen und -Senioren» vor allem zum Wohnen ein – für sich allein oder gemeinschaftlich.

Das Zollhaus ist der zweite Streich der Zürcher Genossenschaft Kalkbreite, die sich wie im Mutterhaus in Aussersihl (vgl. TEC21 26–27/2014) auch am Rand des Industriequartiers für gemeinnützige und nachhaltige Ideen stark machen will. Eine dient der Verbesserung der sozialen Aneignung: Eine Wohnetage darf von künftigen Bewohnerinnen und Bewohnern selbst eingerichtet werden (vgl. «Mit eigenen Ideen und einer Motorsäge einziehen»). Die Genossenschaft stellt acht roh ausgestattete Hallen bereit, die die üblichen Auflagen etwa für Brand- und Schallschutz erfüllen.

Standort als Wagnis

Das «Hallenwohnen» ist nicht das einzige Experiment, das die Genossenschaft mit der gemischten Wohn- und Gewerbesiedlung erproben will. Mit dem Standort selbst wird ein Wagnis in Kauf genommen: Die Häuserzeile steht hart am Gleisfeld und weicht auch vor der vielbefahrenen Langstrasse kaum zurück. Im Vergleich zu den Blockrandbauten vis-à-vis kommt die Zollhaus-Architektur strenger und weniger herausgeputzt daher. Und weder der durchlaufende Sockel entlang der Zollstrasse noch die interne Dreiteilung locken die graue Eminenz aus ihrer Reserve. Umso mehr Neugier weckt das sich in Bälde öffnende Innenleben dieser Genossenschaftssiedlung.

Den einladenden Auftakt bildet ein sechsgeschossiger Würfel, der sich leicht von der Strassenecke abdreht. Das öffnet die Naht zum Bahnkorridor für eine grosse Treppe als Aufgang zur rückwärtigen Gleisterrasse. Nach vorn begrenzt der Sockel so einen Vorplatz als Empfangsort für das Quartier. Hinter kühlem Metall wartet drinnen ein Foyer: eine dreistöckige Halle mit Treppe, Galerie und Empore. Hier befinden sich ein Theater und der Gastrobereich, der sich bis zur ersten Etage erstreckt.

Erst weiter oben folgen die genossenschaftlichen Nutzungen. Das dritte Geschoss ist für Gewerbemieter und eine Gästepension reserviert. Etage vier bis sechs sind derweil ein horizontal abgekoppeltes Kompartiment. In unterschiedlichsten Einheiten und Formaten wird hier gewohnt und gelebt; neben den Wohnhallen warten Einzimmer- und Familienwoh­nungen auf den Bezug. Laubengänge rund um das innere Atrium erschliessen diesen Wohnungsring.

Differenzierte Wohnstruktur

Die räumliche Konzeption des Foyerhauses gab bei der Jurierung des Architekturwettbewerbs den Ausschlag für den Entwurf von Enzmann Fischer Architekten. Die nach innen gerichtete Ruhezone liefert Frischluft und Ruhe für alle Wohnungen. Seither änderten sich jedoch die Regeln für eine Baubewilligung an derart lauter Lage. Diese äusseren Zwänge sind den einzelnen Grundrissen aber kaum anzumerken; die Wohnungen sind unabhängig von der Grösse differenziert organisiert und offen strukturiert. Wo andere Neu­bauten mit überhohen Küchen ihre Lärm­schutz­fassaden bespielen, haben sich die Architekten des Zollhauses unter anderem für Nasszellen mit direkter Sicht nach draussen entschieden.

Ökonomische Effizienz

Eröffnet das Foyer die Zollhaus-Triplette mit einem ideenreichen Zug, so wirkt sie im hinteren Bereich etwas in die Enge getrieben. Die Raumarchitektur und -struktur des fünfgeschossigen Mittelbaus reagieren darauf mit ausgeprägter Effizienz: Der schlanke Quader ist ein Fünfspänner und wird über zwei Treppenhäuser erschlossen. Die Grundrisse der einzelnen Wohnungen sind zudem derart geschickt diszipliniert, dass eine Aufteilung in unterschiedlichste Wohneinheiten – vom Einzimmerstudio über Familienwohnungen bis zur 9er-WG – möglich wurde. Allerdings beschränkt sich der spontanste Zugang zum Aussenraum in den meisten Wohnungen auf einen französischen Austritt mit Sicht auf die Gleise. Balkone oder Loggien gibt es nicht.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in TEC21 34–35/2020 «Wir! sind! auch! noch! da!»

Die räumlich dichte Disposition kommunizierte die Genossenschaft von Beginn an aktiv. Im Vergleich zum Mutterhaus der Genossenschaft Kalkbreite ist die Wohnfläche im Zollhaus nochmals um ein Fünftel effizienter belegt. Pro Bewohnerin oder Bewohner stehen 27 m2 zur Verfügung; mit Gemeinschaftsräumen und Dachterrassen erhöht sich die Pro-Kopf-Fläche auf 30 m2.

Ein teures Grundstück?

An die Effizienzlogik hält sich auch die massive, skelett­artige Bauweise der drei Zollhäuser. Um möglichst ­keinen Nutzraum auf der schmalen Parzelle zu verschwenden, mussten die Aussenwände mithilfe einer selbsttragenden, schlanken Holzkonstruktion ausgehungert werden. Ein vollständiger Holzbau wäre unter diesen Bedingungen kaum machbar gewesen und viel teurer geworden. Ökologisch wird der Stand der Praxis dennoch ausgereizt. Die kompakte Form und die gute Dämmung helfen, die überdurchschnittliche Energieeffizienz des Gebäudestandards Minergie-P-Eco zu erreichen. Die Wärme wird fossilfrei mit einer Grundwasserwärmepumpe bereitgestellt. Sockel, Decken und Stützen bestehen aus Recyclingbeton. 

Eine Hauptursache für den Kostendruck liegt darin, wie sich die Genossenschaft das 0.5 ha grosse Grundstück selbst aneignen musste. Ein Deal zwischen Stadt und SBB bereitete den Erwerb zu einem Fixpreis von 1700 Fr./m2 vor. Wäre die Liegenschaft via Stadt in einem öffentlichen Baurecht vergeben worden, wären die Wohnpreise fast 20 % billiger geworden. Doch auch so konnten die Limiten für eine preisgünstige Kostenmiete eingehalten werden. Sie werden bei rund 240 ­Fr./m2 liegen, weil das Gebäudekonstrukt an sich nur ein moderates Budget von 30 Mio. Fr. beanspruchte.

Vollgepackte Dachlandschaft

Im Gegensatz zum Einheitslook orientiert sich die Zollhauszeile bei der Dachlandschaft an vielen Beispielen aus dem Quartier. Das auffallende Merkmal ist eine äusserst urbane Interpretation der Dachterrasse. So etwa der Käfig auf dem letzten der drei Baukörper, dessen fragmentarische Form am stärksten an Bahn-In­fra­strukturbauten erinnert. Das Innenleben ist ein deutlicher Kontrast dazu: ein städtischer Kindergarten auf zwei Etagen und ein eingezäuntes Dach für Bewegung und Spiel obenauf. In einer derartigen Version hat man so etwas in einer Schweizer Stadt noch nie gesehen. Wie werden Klein und Gross dieses Angebot annehmen und sich darin wohlfühlen?

Auch die grossen Dachterrassen sollen halbprivaten Freiraum für die Bewohnerinnen und Bewohner kompensieren, den andere Siedlungen beispielsweise im Innenhof bieten. Ihre Ausstattung und Bepflanzung hat eben begonnen, sodass das Resultat der gedachten Stadtgrün-Inszenierung noch nicht erlebbar ist. Auf dem ersten Dach warten jedoch kleine Wagen auf Schienen, die nach ihrer Bepflanzung eine verschiebbare grüne Dachkrone bilden sollen. Die Gleisterrasse weiter unten ist als Variation dieser Hors-Sol-Begrünung gestaltet. Das Mitteldach ist dagegen multifunktional genutzt; neben begehbaren Flächen sind weitere mit Solarmodulen bestückt und ebenso Zonen für die Stadtökologie reserviert.

Insofern wird auf dem Dach erkennbar, was für das gesamte Zollhaus gilt: Die Genossenschaft hat sich einiges für den engen Stadtsaum am Zürcher Vorbahnhof ausgedacht und sehr viel davon umgesetzt. Man darf gespannt sein, wie das reichhaltige Nutzungsprogramm der gleisnahen grauen Eminenz ihre Umgebung in Schwingung bringen wird.

 

AM BAU BETEILIGTE

Bauherrschaft
Genossenschaft Kalkbreite, Zürich

Architektur
Enzmann Fischer Partner, Zürich

Bauleitung
ffbk Architekten, Basel und Zürich

Tragwerksplanung
HKP Bauingenieure, Zürich

Holzbau
Josef Kolb, Romanshorn

HLK-Planung
RMB Engineering, Zürich

Bauphysik
BAKUS Bauphysik & Akustik, Zürich

Landschaftsarchitektur
Koepfli Partner Landschaftsarchitekten, Luzern

FACTS & FIGURES

Wohnnutzung
HNF: 4864 m2
56 Wohneinheiten (1.5 Zimmer bis 9.5 Zimmer; 8 Wohnhallen)
ca. 180 Bewohnerinnen und Bewohner

Gewerbenutzung
HNF: 3470 m(Verkauf: 970 m2; Büro: 710 m2; Gastronomie: 510 m2; Pension: 300 m2; Kindergarten: 280 m2; Kultur: 210 m2)

Gebäudekennwerte
Geschossfläche: 15 500 m2
Gebäudevolumen (SIA 416): 56 900 m3
Baukosten (BKP 2): 30.5 Mio. Fr.

Bauzeit
Mai 2018 – Januar 2021

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