Ge­knickt oder ge­schwun­gen?

Neubau Pflegeheim Areal Herosé, Aarau; Einstufiger selektiver Projektwettbewerb

Das Pflegeheim und die Alterswohnungen auf dem Herosé-Areal in Aarau sollen durch Neubauten ersetzt werden. Die ARGE Meyer Gadient Architekten mit Rogger Ambauen schaffen einen grosszügigen Park, in dem zwei kompakte Gebäude mit facettierten Fassaden stehen.

Publikationsdatum
15-10-2020

Das Herosé-Areal liegt südlich des Zentrums von Aarau in Bahnhofsnähe. Auf dem ­Areal befinden sich das denkmalgeschützte Herzoghaus und die beiden rund 50 Jahre alten Gebäude der Alterswohnungen und des Pflegeheims. Eingebettet sind die Bauten in einen herrschaftlichen Park mit einem zentral gelegenen Teich und wertvollem Baumbestand. Der Teich ist konzeptionell schutzwürdig und erhaltenswert, das bedeutet, er kann verschoben oder umformuliert werden. Die Bäume könnten alle gefällt werden, jedoch ist eine angemessene Ersatzpflanzung vorzusehen. Trotzdem ist der Erhalt eines möglichst grossen Teils des Baumbestands wünschenswert. Die Umgebung ist sehr heterogen zusammengesetzt. Im Norden befinden sich wuchtige Industriebauten, im Süden als ­Gartenstadt angelegte, idyllische Wohnquartiere.

Die Stadt Aarau als Eigen­tümerin der Liegenschaft will das Pflegeheim und die Alterswohnungen durch Neubauten ersetzen. Vorgesehen sind acht Wohngruppen mit insgesamt 116 Betten und 40 Alterswohnungen. Das Herzoghaus – im kantonalen Denkmalschutz­inventar eingetragen und integral geschützt – soll für die Verwaltung des Pflegeheims Herosé saniert und umgebaut werden. Geschossigkeit, Raumfolge, Ausstattung und Oberflächen von Wert sollen erhalten werden. Der Bauablauf sieht vor, zuerst die bestehenden Alterswohnungen durch das neue Pflegeheim zu ersetzen, dann das Herzog­haus zu sanieren und schliesslich anstelle des bestehenden Pflegeheims die neuen Alterswohnungen zu erstellen.

Um Lösungsansätze für diese Aufgabe zu bekommen, schrieb die Einwohnergemeinde der Stadt Aarau einen Projektwettbewerb im selektiven Verfahren aus. Der Wettbewerb stimmt mit den Grundsätzen der Ordnung für Wettbewerbe SIA 142 überein. Von insgesamt ­47 Generalplanerteams wurden 12 für den Wettbewerb selektioniert. Gegenstand des Wettbewerbs waren das neue Pflegeheim und eine städtebauliche Idee für das gesamte ­He­rosé-Areal. Entsprechend wurden Bearbeitungs- und Betrachtungs­perimeter festgelegt.

Die ausführlichen Beurteilungskriterien umfassen 12 Seiten im Jurybericht. Der Auslober prüfte die Beiträge über die Aspekte Archi­tektur und Freiraumplanung nach funktionalen, wirtschaftlichen, nachhaltigen, gesundheitlichen und ökologischen Kriterien. Sogar die Grundwerte von Feng-Shui im Sinn einer ganzheitlichen Projektbetrachtung fanden Eingang in den Kriterienkatalog. Die Kosten für das neue Pflegeheim betragen laut Machbarkeitsstudie 50 Mio. Franken.

Die eingereichten Beiträge verfolgen grundsätzlich drei unterschiedliche Strategien. Die einen stellen die Neubauten als Solitäre in den Park, die anderen schaffen mit den neuen Gebäuden ein direktes Gegenüber zum Herzoghaus, während die dritten sie an den Rand des Grundstücks schieben und eine Achse vom Herzoghaus gegen Norden freihalten. Die Herausforderung bestand darin, das umfangreiche Raumprogramm so umzusetzen, dass der Park grosszügig und der Umgang mit dem Bestand respektvoll blieb. Nur wenigen Teilnehmenden gelingt es, den Teich und den Baumbestand zu erhalten; die meisten schaffen dies nicht oder nur teilweise.

Geknickte Fassaden

Das Preisgericht empfiehlt einstimmig den Beitrag «Auberge» der ARGE Meyer Gadient Architekten mit Rogger Ambauen zur Weiterbearbeitung. Das Projekt sieht zwei kompakte, fünfgeschossige Gebäudekörper in respektvollem Abstand zum Herzog­haus vor, die einen weit­räumigen Park aufspannen. Der Eingangshof ist gegen Süden um den verkleinerten Teich angeordnet, während der Demenzgarten geschützt auf der gegenüberliegenden Seite im Norden liegt. Die Alterswohnungen sind in einem fünfeckigen Solitär untergebracht, der mit seinem kleinen Fuss­abdruck viel Parkfläche frei hält. Laut Jurybericht «führt diese Konstellation zu einem überzeugenden Ensemble, das in Massstäblichkeit und Körnung sehr schön zusammenspielt und sich in den vorgefundenen Kontext einpasst».

Die Fassaden springen vor und zurück. Diese Facettierung schafft für die Pflegezimmer Erker mit Ausblicken in zwei Richtungen. Die raumhohen Fenster bieten zwar auch vom Bett aus Sicht ins Grüne, könnten aber zu Überhitzung im Sommer bzw. zu Kaltluftabfall im Winter führen. Die Fassadenverkleidung besteht aus dunklen Platten, die direkt auf die Wärmedämmung geklebt werden. Die Konstruktion «Plättli und Kleber auf der Dämmung» ist zwar pragmatisch, aber nicht so nachhaltig wie eine hinterlüftete Ausführung. Sie soll deshalb noch genauer überprüft werden. Die Gemeinschaftsräume haben mit ihren grosszügigen Balkonen einen direkten Bezug zum Aussenraum.

Die innen liegenden Kerne sind so gesetzt, dass Querbezüge entstehen. Die Korridore sind grosszügig ausgelegt und erleichtern die Orientierung, indem sie vielfältige Aussenbezüge herstellen. Dies führt zu abwechslungsreichen Rundläufen entlang der kranzförmig angeordneten, gut möblierbaren Zimmer. Die Raumtiefe erlaubt eine gute Versorgung der Räume mit Tageslicht. Trotzdem sind die Gebäude kompakt. Die Kennwerte für Flächen und Volumen liegen deutlich unter dem Durchschnitt der eingereichten Beiträge. Die Hybridkon­struktion aus Holz und Beton soll dazu verhelfen, wenig graue Energie zu verbrauchen. Und auch die Steigzonen sind gut gelöst.

Geschwungene Fassaden

Das mit dem zweiten Preis ausgezeichnete Projekt «Primavera» von Knorr & Pürckhauer Architekten weist eine ähnliche Grunddisposition auf wie der Beitrag der Gewinner. Die beiden Neubauten für das Pflegeheim und die Alterswohnungen liegen am Rand der Parzelle und lassen einen weiten Grünraum vor dem Herzoghaus frei. Dank der geschwungenen Form können der bestehende Teich und ein grosser Teil des Baumbestands erhalten werden. Die Rundungen schaffen «landschaftliche Taschen» oder Rückzugs­orte wie die Sommerterrasse am Teich oder den Demenzgarten im Osten des Parks.

Die Fassade des dreiarmigen Polypen ist mit dunkelgrün gestrichenem Holz verkleidet und ­horizontal durch umlaufende Gesimsbänder gegliedert. Zur Süd­seite weiten sich diese zu einem gemeinsamen Balkon aus. Die filigrane Gestaltung erinnert an einen Pavillon im Park.

Auch hier sind die Fenster geschosshoch und werfen Fragen bezüglich Behaglichkeit im Sommer und im Winter auf. Auch die Kon­struktion der umlaufenden Balkone wird wegen der Wärmebrücken und der Verschattung der dahinter liegenden Räume kritisiert.

Der Eingang ist klar und übersichtlich. Die Korridore in den Obergeschossen hingegen sind eher eng und dunkel. Den konvexen Zimmern fehlt ein ausreichender Eingangsbereich mit Garderobe, während die konkaven Zimmer mit weniger Fassadenfläche auskommen müssen.

Die Kennwerte von Flächen und Volumen sind durchschnittlich. Die geschwungenen Formen erlauben es, den Teich zu erhalten und den Baumbestand zu schonen. Erkauft wird dies aber mit einem ­grossen Fussabdruck und inneren Mankos.

Kompakt und trotzdem generös

Der Beitrag «Auberge» zeichnet sich durch die Grosszügigkeit seiner Aussenräume und die straffe innere Organisation aus. Obwohl die Gebäude sehr kompakt sind, fehlt es im Innern nicht an Tageslicht, und die Verkehrs- und Aufenthaltsbereiche sind trotzdem grosszügig geraten. Die Erker mit dem Blick in zwei Richtungen, die Aufenthaltsräume mit einem Aussenbezug und die unterschiedlichen Rundläufe auf den Abteilungen bieten viele Qualitäten, die gerade ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität schätzen. Das Projekt schafft im Innern mit Querverbindungen Grosszügigkeit und setzt dieses Konzept auch im Aussenraum mit vielfältigen Querbezügen fort, die den Park in seiner ganzen Pracht ausloten.

Pläne und Jurybericht zum Wettbewerb finden sich auf competitions.espazium.ch

Auszeichnungen

1. Rang / 1. Preis: «Auberge»
ARGE Meyer Gadient Architekten, Luzern mit Rogger Ambauen, Emmenbrücke; Vetschpartner Landschafts­architekten, Zürich; Rothpletz, Lienhard, Aarau; Amstein + Walthert Luzern, Horw
2. Rang / 2. Preis: «Primavera»
Knorr & Pürckhauer Architekten, Zürich; Max Kindt Landschaftsarchitektur und Gartendenkmalpflege, Baden; Ferrari Gartmann, Chur; Balzer Ingenieure, Chur; Bakus Bauphysik und Akustik; Zostera Brandschutzplanung
3. Rang / 3. Preis: «Segelfalter»
Bob Gysin + Partner, Zürich; Westpol Landschaftsarchitektur, Basel; EBP Schweiz, Zürich; EK Energiekonzepte, Zürich
4. Rang / 4. Preis: «Pleasure Ground»
Liechti Graf Zumsteg Architekten, Brugg; David & von Arx Landschaftsarchitektur, Solothurn; HKP Bau­ingenieure, Baden; Abicht Zug, Zug (HLKS) mit R + B Engineering, Brugg (Elektro)

FachJury

Erika Fries, Architektin, Zürich; Jan Hlavica, Stadtbaumeister Stadt Aarau (Moderation); Peter C. Jakob, Architekt, Zürich; Petra Schröder, Landschaftsarchitektin, Wettingen; Beat von Arx, Baumanagement, Aarau; Christian Zimmermann, Institut für Architektur IAR, Luzern; Sebastian Busse, Leiter Hochbau Stadt Aarau (Ersatz)

SachJury

Angelica Cavegn Leitner, Stadträtin Ressorts Soziales, Gesundheit und Alter (Vorsitz); Daniel Lehmann, Vertretung Abteilung Liegenschaften und Betriebe; Rainer Lüscher, Einwohnerrat; Rupert Studer, Leiter Abteilung Pflegeheime; Michael Ganz, ehem. Stadtrat Ressorts Soziales, Gesundheit und Alter (Ersatz)