Ent­ge­gen den Er­war­tun­gen

Hinter den mächtigen Sandsteinmauern der Berner Altstadt verbirgt sich seit diesem Jahr ein ungewöhnliches Stück Innenarchitektur: Architekt Bernhard von Erlach renovierte eine Wohnung und katapultierte sie mit eigenwilligen Interventionen in die Neuzeit.

Publikationsdatum
29-10-2021

Dem Haus in der schmalen Seitengasse der unteren Altstadt in Bern haftet etwas Düsteres an. Zwischen dem verlassenen Ladenlokal und Nebenräumen wie Garage und Waschküche liegt der Eingang zu den Wohnungen in den oberen Etagen und den Hinterhäusern. Der graugrüne Sandstein der Lauben und Häuser schluckt das Licht, das nur spärlich ins Erdgeschoss dringt. Ein lang gestreckter Flur erschliesst den Innenhof und fungiert von dort aus als Verteiler in die Vertikale und Horizontale.

Auf diesem Weg von aussen nach innen sind die Bewohnenden einem Wechsel von verschiedenen Lichtverhältnissen ausgesetzt, der eine ganz eigene Dramaturgie vorgibt. Wenn das Objekt, so wie hier, auf der südöstlichen Aussenseite der Altstadt liegt, entpuppt sich das vermeintliche Hinterhaus als ein Gartenhaus, das sich mit grossen Fenstern über die Aare und zum Tageslicht öffnet. Durch die vorgelagerten engen und halbdunklen Räume auf dem Weg bis zu den Wohnzimmern wirkt die Helligkeit hier besonders üppig.

Inszeniertes Entrée

Die Erdgeschosswohnung mit tiefer liegendem Gartengeschoss hat durch einen ungewöhnlichen Umbau eine Übersteigerung erfahren: Indem der Architekt Bernhard von Erlach mit kräftigen Farben agiert, treibt er das Spiel mit Licht und ­Dunkel, Enge und Weite in eine zeitgenössische Dimension – wohlgemerkt ohne die Anliegen des Denkmalschutzes zu strapazieren.  

Die Eingangstür zur Wohnung liegt noch in der Vorder­­haus-Schicht. Der Innenhof erhellt den anschlies­senden verglasten Flur bis zum ­Gartenhaus grosszügig. Die hier ­vor­gefundene Decke konnte nicht rückstandslos freigelegt werden. Ein einfaches Ornament aus Lasurfarbe verbindet sich mit den Spuren alter Farbschichten und betont das grosse Format der vier Steinplatten. Am Boden bilden dunkelgraue ­Tafeln aus Goldswyler Kalkstein ein unregelmässiges grafisches Bild. Sie sind auch auf dem öffentlichen Trottoir unter den Lauben verlegt und führen als eigene Spur bis in die Tiefe des Gebäudes hinein.

Beim Eintreten in die Wohnung gelangt man zunächst in ein nachtblaues Oktogon, das mit Türen, Lichtern und umgebenden Spiegeln ein Geheimnis um seine wahre Funk­tion macht. Anlass für den Einbau war der Wunsch nach zusätzlichem Abstellraum, der sich zwischen Bestand und Möbel ergeben würde. Hinter einer Flügeltür liegt die ­Küche, hinter einer anderen öffnet sich der Wohnraum. Eine dritte ­kaschiert einen historischen, aber funktionslosen Kaminsims. Viel Schrankplatz bleibt also nicht: Das begehbare Möbelstück aus CNC-gefrästem MDF ist vielmehr als Verteiler zu betrachten. Organisch geformte Öffnungen in der Decke und in den Schranktüren, durch die indirektes Kunstlicht einfällt, befeuern die leicht mystische Stimmung.

Umso prächtiger entfaltet der anschliessende Wohnraum in der Verlängerung des Eingangs seinen heiteren Charakter. Der Täfer an der Decke und im Sockelbereich ist erhalten und in kühlen Grautönen gestrichen. Das bringt die warme Färbung und die bewegte Struktur der ursprünglich belassenen Holztür und des neu eingebrachten ­Parketts zum Leuchten. Ein zarter Farbverlauf an den Wänden erscheint zunächst wie eine Reflektion der umgebenden Materialien und gibt sich erst nach und nach als ­Tapete zu erkennen.

Handwerkliche Details im Bestand wie die innen liegenden Fensterläden, die sich seitlich einschieben lassen, sind wieder in­stand gesetzt und bieten zusammen mit Sonnenschutzrollos den gebührenden Komfort. Der ruhige Eindruck, den dieser Raum hinterlässt, ist auch in den ungestörten Flächen begründet. Elektroanschlüsse für die Beleuchtung sind im Sockel integriert, sodass die Deckenuntersicht frei von Installationen ist. Als einzige Setzung unterbricht ein historischer Ofen den Raster – mangels freier Abzüge ist er aber nicht mehr in Betrieb. Immerhin lässt sich seine Oberfläche durch eine Infrarotheizung erwärmen.

Eat pink

Das zweite Zimmer an der Front zur Aare hin kündet bereits von seinem Charakter, ehe man es betritt: Ein farbiger Schimmer leuchtet in den Wohnraum hinein, denn alle Wände des Esszimmers sind in ein kräftiges Rosa getaucht – eine steile Ansage. Es war der Wunsch der Bauherrschaft, den bestehenden Täfer zu entfernen, um dem schmalen Raum mehr Luft zu verschaffen. Die poppige Farbe hebt das Holz nun aus dem historischen Kontext und erzielt den gewünschten Effekt, ohne den Bestand zu negieren.

Die Decke ist im gleichen «bleu pâle» gehalten wie jene im Wohnraum, wirkt aber durch die reflektierenden Oberflächen vollkommen anders – ebenso wird es den Tischgästen gehen, denen eine gesunde Farbe in die Gesichter gespiegelt wird. Die durchgängige Verwendung von dunklem gedämpftem Buchenparkett entschärft den dominanten Rosaton und erdet den Raum. Dennoch ist die physische Präsenz der Farbe so stark, dass sich ein gedeckter Tisch kaum dagegen wird behaupten können.

Gold in der Küche

Drei neue Klapptüren, die analog den Fensterläden komplett verschwinden können, rhythmisieren die Wand zur Küche. Letztere zählt zur betont dunklen Raumschicht. Um ihr zu einer Grösse von 17 m2 zu verhelfen, wurde eine nichttragende Zwischenwand ersetzt, und der bestehende Unterzug wird gezeigt. Im zentralen Block, der mit patiniertem Messing umkleidet ist, spiegeln sich Decke und Möbel im vom Oktogon her bekannten «bleu parisien». Geräte und Schrankraum sind in einem Kastenmöbel zusammengefasst. Seine Oberfläche ist in ein Streifenrelief zerlegt und ­fächert – wie auch die freigelegte Holzdecke – das tiefe Blau in verschiedene Schattierungen auf.

Ein weiterer historischer Ofen kam bei den Bauarbeiten unter den früheren Verkleidungen hervor. Zusammen mit mächtigen, dunkel getünchten Abzügen aus der ehe­maligen Waschküche im UG verbindet er sich zu einem kunstvollen und fremdartigen Objekt . Der Annex in Verlängerung der Küche, der ursprünglich ins ­Vorderhaus führte, nimmt als Wirtschaftsraum weitere Schränke auf und ist deshalb noch schmaler als sowieso schon.

Die Enge lenkt das Augenmerk auf die Verbindung zu Licht und Luft im Innenhof, der von hier über einen eigens gestalteten Tritt­stein zugänglich ist. Die Latten der grossen Holztore vor der Glasfassade sind aussen zurückhaltend grau, innenseitig aber in einem leuchtenden Yves-Klein-Blau gestrichen – ein weiterer Farbknaller, der sich vom Hof aus gesehen zuerst über seine Reflektion auf die innen liegenden Schränke zu erkennen gibt.

Erdig im Untergeschoss

Vor den Küchenfenstern schlägt eine Glaswand die eigentlich im Hof liegende Treppe der Wohnung zu. Sie bildet eine Flucht mit den darüber liegenden Balkonen und wirkt daher ganz selbstverständlich. Die Stufen führen in die beiden Schlafräume im unteren Geschoss. Bei allem Luxus sind die schmalen Räume unter dem Gewölbe von einer klösterlichen Einfachheit und spiegeln die Anbindung an den Garten, zu dem sie sich aufgrund der Hang­lage öffnen. Die besondere bauliche Gestalt trägt die Atmosphäre und zwingt jeden Eingriff in die Reduktion. Terrazzoböden mit eingeschliffenen Kieselsteinen entsprechen dem kühlen Charakter – man meint das Erdreich unter dem Boden zu spüren.

Dusche und WC fügen sich jeweils als eigene Zelle in den rückwärtigen Teil. Im ersten Raum erweitern sie sich zu einer Sauna und sind von einem mannshohen doppelten Holzgitter umschlossen. Seine grafische Struktur nimmt das Spiel mit Transparenz, Licht und Schatten auf und erinnert an japanische Handwerkskunst. An diesem Ort bleibt es ein Fremdkörper.

Im angrenzenden Schlafraum verschwinden zwei bestehende Holzstützen, die den steinernen Materialkanon störten, in einer zylindrischen Hülle. Das Kreisthema findet sich verschiedentlich im Raum und auch im Garten wieder. Eingefasst in erdig-milde Farben und mit der bewussten Setzung einzelner Sanitärobjekte in Pompejanisch-Rot lässt die Atmosphäre an eine römische Villa denken. Auch diese Analogie entwickelt keine Selbstverständlichkeit in der Berner Altstadt.

Kompromisslos opulent

Obgleich einzelne Ideen über das Ziel hinausschiessen, ist die Wohnung als Gesamtwerk ein starkes Stück Innenarchitektur. Der Blick des Planers zeigt eine erfrischende Per­spektive auf gestaltbare Elemente und Zwischenräume im geschützten Bestand. Das Zusammenwirken der Gegebenheiten mit dem polarisie­renden Farbkonzept und dem sorgfältig geplanten und ausgeführten Handwerk hebt die Wohnung in die Gegenwart, fast ohne in die historische Struktur einzugreifen.

Zugleich sind die festgelegte Nutzung und die starke Präsenz der Räume eine ­Herausforderung an ihre Bewohner. Wenn sie sich auf einen urbanen ­Lebensraum mit wenigen Möbeln und begrenzten Flächen einlassen, belohnt sie zusätzlich ein gesundes und ausgeglichenes Raumklima, das die natürlichen Materialien, ob bestehend oder neu, unterstützen.

Der mehrschichtige Aufbau von der Strasse zum Garten hingegen, der oftmals als Makel der Berner Altstadthäuser wahrgenommen wird, gerät durch die Zuspitzung der Raumaufteilung und Lichtverhältnisse zu einer Qualität.

Am Bau Beteiligte

 

Bauherrschaft
privat


Architektur
Bernhard von Erlach, Bern


Tragkonstruktion
WAM Planer und Ingenieure, Bern


Küchenbau, Schreinerarbeiten
Baumann + Eggimann, Zäziwil


Metallbauarbeiten/-fenster
Stahlblau, Hagneck


Spezialverglasungen (innen)
Proverit, Zollikofen


Bodenbelag Naturstein; Restauration Naturstein
M & M Rothen Natursteine, Bern
 

Tadelakt
paint & clay art, Bern


Bodenbelag Holz
Andreas Gosteli, Bolligen/Geristein


Hafnerarbeiten
Perlerofen, Köniz


Malerarbeiten
Burkhard & Co, Gümligen


Farben
kt color, Uster