Das Mahn­mal der Au­to­bahn A1

Architekturkritik MAS gta ETH

Eine Wand aus Sichtbeton zieht sich durch Schwamendingen. Sie schirmt ab, sie trägt einen Park, sie eröffnet Nischen. Doch ein neu entstandener Unort säumt das Bauwerk. Ist sie Brücke oder Barriere? Die Einhausung verspricht Verbindung und zeigt doch das Gesicht einer Mauer.

Publikationsdatum
30-01-2026

Was bringt die Einhausung Schwamendingen? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Studierenden des MAS gta ETH. In einer Online-Serie und in espazium magazin 5/2026 zeigen wir die besten Architekturkritiken und laden zum Mitdiskutieren ein.

Wer in Schwamendingen zu Fuss unterwegs war, hörte es zuerst. Ein endloser Lärmstrom aus Motoren und Bremslichtern prägte jahrzehntelang das Quartier und zerschnitt es rigoros. Rund 120000 Fahrzeuge drängten täglich über die A1. Seit 1980 trennt eine Asphaltlinie die Nachbarschaften Schwamendingen und Saatlen voneinander.

Die Initiative für mehr Ruhe

Eine Initiative aus der Bevölkerung brachte die Wende. Die Schwamendinger, lange vom Strassen- und Fluglärm belastet, setzten eine Einhausung durch. Sie sollte mehr leisten als nur eine Lärmreduktion. Über einem 950 m langen Betondeckel entstand der Überlandpark. 

Der Schirm mit bis zu 30 m Breite und 8 m Höhe aus Beton, Erde und Pflanzen soll die Lebensqualität steigern und die Quartiere wieder verbinden. Die High Line von Zürich ist von Humus, Flachwurzlern und Kletterpflanzen bekrönt. Ihre offizielle Einweihung fand im Mai 2025 statt. 

Der Raum dort oben – der Überlandpark – fühlt sich jedoch eher wie ein langer Spazierweg und nicht wie ein Park an. Noch zeigt er sich unfertig. Man sieht auf Satteldächer, die plötzlich zu niedrig wirken. Ob der Ort zum Quartiertreffpunkt wird oder ob die Menschen einfach nur erleichtert sind, dass der Autolärm endlich verstummt ist, wird sich zeigen.

Der Raum unter dem Park

Abriss- und Neubauprojekte versprechen in peripherer Lage attraktives Wohnen. Doch das, was unter dem Park ist, erzählt eine andere Geschichte. Die steinige Wand ist massiv und hat den Charakter einer Mauer mitten im Stadtraum. Der Sockel wirkt wie eine Rückseite, ein Schattenraum, ein Unort. 

Wer daneben entlanggeht, spürt nicht die Nähe des Parks, sondern die Distanz, die eine Autobahn über Jahrzehnte geschaffen hat. Um den Betonklotz herum werden in Zukunft Menschen wohnen. Sie werden die Mauer erklimmen und in der Höhe können Begegnungen stattfinden. 

Die in Planung befindlichen vier- bis siebenstöckigen Neubauten stehen in Zeilenanordnung senkrecht zum Park und starren auf die aufgeraute Wand. Es wird keine Vorder- und Rückseiten, keine schönen und weniger schönen Lagen geben. Jeder soll die Mauer bewundern dürfen. Und doch gibt es niedliche Brüche in dieser Härte. Kleine Nischen, Durchgänge sowie Treppen bilden ein Ensemble. 

Sie führen hinauf zur Hauptebene und öffnen eine Schwelle. Aber sind sie Einladung zum Park oder bloss Durchgang entlang des Quartiers? Möglicherweise hätte die Idee eines Damms zu weicheren Übergängen der Höhenunterschiede geführt. Architektur könnte hier verbinden, doch sie formt ein Hindernis und macht zugleich die Geschichte des Orts spürbar.

Das Versprechen der Verbindung wird sich mit der Zeit bewahrheiten. Wenn bald die Kletterpflanzen die Mauer entlangwachsen. Wenn die Brücken der neuen Wohnhäuser direkt in den Park führen. Wenn ruhige Mieter wie Arztpraxen, Kosmetik- und Coiffeursalons oder Büros in den Erdgeschossen sitzen. Wenn Menschen nicht nur auf den Park gehen, sondern sich wirklich im Park begegnen. 

Bis dahin bleibt die Einhausung beides zugleich: Lärmschutz und Stadtgrenze, eine Art Hoffnungsträger und zugleich Mahnmal. Sie ist ein Projekt, das zeigt, wie schwer es ist, aus einer Mauer eine Brücke zu machen. 

Tuba Meryem Edis ist Architektin in Zürich und befasst sich in ihrer Masterarbeit im MAS gta ETH mit der Republikarchitektur der jungen Türkei.

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