Denk­mal­pfle­ge und die Fra­ge nach dem «Wir» in der Ge­sell­schaft

Die Publikation «A future for whose past?» fokussiert bisher wenig beachtete Perspektiven in der Denkmalpflege – und weist damit auf einen nötigen Wandel hin. 

Publikationsdatum
25-11-2025
Lisa Henicz
Doktorandin an der Ostschweizer Fachhoch­schule

Geschichte wird von ihren Gewinnern geschrieben – so die allgemeine Annahme. Zum fünfzigjährigen Jubiläum des Europäischen Denkmaljahrs stellen sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe Denkmalschutzjahr 2025 unter Leitung von Silke Langenberg die Frage, welche marginalisierten Gruppen vom Kanon der Kulturerbediskussion ignoriert werden und wie ihre Stimmen hörbar gemacht werden könnten.

Im Rahmen des Projekts «A future for whose past?» ist nun zusammen mit dem Lehrstuhl für Konstruktionserbe und Denkmalpflege und der ICOMOS Suisse die gleichnamige mehrsprachige Publikation entstanden. Darin kuratieren die Herausgebenden einen Überblick über die heterogene Landschaft der kulturellen Minderheiten der Schweiz mit einzelnen Exkursen ins deutsche Ausland. 

Die Publikation leistet einen wichtigen Beitrag zur Denkmaldiskussion und steht gleichwohl über der gewohnten Polarität zwischen dem Streben nach einem Idealzustand durch Restauration und dem Erhalten eines historisch gewachsenen Zeugnisses. 

Der Fokus liegt weniger auf architektonischen Debatten des «Wie sollen wir pflegen?» – wie sie nach dem Brand der Notre-Dame in Paris, zur Rekonstruktion der Hamburger Bornplatzsynagoge oder des Berliner Stadtschlosses geführt wurden und werden –, sondern fragt vielmehr, was gepflegt werden sollte und wer die Grenzen unserer Mehrheitsgesellschaft definiert. 

Während es in der Forschung ein wachsendes Bewusstsein für die dringend notwendige Diversifizierung unserer Geschichtserzählung gibt, wird die globale Politik von Nationalismus und Homogenitätsfantasien dominiert. Das ursprüngliche Motto des Denkmaljahrs 1975, «Eine Zukunft für unsere Vergangenheit», änderten die Herausgeber des Buchs in «Eine Zukunft für wessen Vergangenheit?» und manifestieren damit den grundlegenden und notwendigen Wandel der letzten Jahrzehnte. 

«A future for whose past?» baut dieses komplexe Thema schrittweise auf, indem es die Lesenden von der Vorstellung exemplarischer Randgruppen über ihre konkreten materiellen Hinterlassenschaften bis zu theoretischen Überlegungen zum Denkmalschutz führt.

Aufgelockert durch Fotoessays spannt das Buch einen faszinierenden Bogen, in dem die heterogene Autorenschaft ihre Überlegungen erläutert. Nebst jeweils englischer Übersetzung mischen sich unter die Artikel auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch auch Interviews auf Griechisch und Albanisch.

Wer gehört zu «unserer» Gesellschaft? Geschichten marginalisierter Gruppen

Das erste Kapitel «Gemeinschaften und verschiedene (Bau-)Kulturen» stellt einige soziale Gruppen vor, die im 1975 initiierten Denkmaldiskurs keine Beachtung fanden. Von Berlins «Hurenbewegung» bis zum Kampf für integratives, hindernisfreies Wohnen in der Schweiz werden die Geschichten meist ignorierter Teile der Gesellschaft erzählt. 

Der Blick der Lesenden wird auf den Einfluss von marginalisierten Gruppen auf die (schweizerische) Kultur gelenkt: Saisonniers, Sans-Papiers, Obdachlose oder Suchtkranke kommen zu Wort. Immer wieder tauchen Fragen zu der Verhältnismässigkeit von Denkmälern auf: Wie kann ein Gebäude einer lebenden Sprachminderheit gedenken? Gelten die Denkmäler den Traumatisierten oder den Traumatisierenden? Wie unbequem dürfen Denkmäler sein und unbequem für wen?

Zu den Aufgaben, dem Sinn und dem Umgang mit Denkmälern lesen Sie auch «In memoriam», TEC21 50/2014

Fragen wir die richtigen Fragen? Versäumnisse und Chancen

Dies wird im Kapitel «Verpasste Denkmäler» weiterverfolgt. Es kommen zunehmend Fragen nach der Urheberschaft unseres Kulturerbes auf. Wie kann es zum Beispiel sein, dass Infrastruktur- und Industriebauten als Denkmäler des Wirtschaftswachstums gefeiert werden, diejenigen jedoch, die dieses Wachstum mit ihrer Arbeit möglich machten, verschwiegen werden?

Im Kapitel «Bewusstsein und Anziehung» wird der Finger in genau diese Wunde gelegt. Zum Beispiel spricht der Artikel «Heimat ist, wo die Toten sind» das Missverhältnis zwischen islamischer Bevölkerung und islamischen Friedhöfen in Deutschland an. 

Doch werden Lesende keineswegs ausschließlich mit Schuldzuweisungen und Versäumnissen konfrontiert. So stellen Nina Irmert und Senia Mischler das erfolgreiche Projekt zur Rettung des Berta-Rahm-Pavillons vor.

Spannend für alle Theorieliebhabenden wird es spätestens ab dem Kapitel «Diskurserweiterung und Denkmalpflege». Jane Schindler nimmt die Lesenden mit auf eine mitreissende Reise durch ihre Vergangenheit und beschreibt trefflich die Probleme, die das Definieren von Identität, Kulturerbe und Denkmal mit sich bringt. 

Wilfried Lipps Notizen zu «Zeitenwenden im Wandel der Narrative» betrachten die Diskussion mit grosser Distanz und stellen Thesen auf, die vorherige Aussagen des Buchs anfechten. Diese Spannung, die bereits beim Lesen die zukünftige Diskussion anklingen lässt, bereichert das Buch ungemein und kommt in «Immaterielle Werte in materiellen Objekten» zu ihrem Abschluss. 

Theoretischer Tiefgang ohne Elfenbeinturm

«A future for whose past?» erfüllt alle anfänglichen Erwartungen. Der ambitionierte Versuch, das Thema Denkmalpflege aus seinem Elfenbeinturm zu heben und ein niedrigschwelliges Buch herauszugeben, gelingt sprachlich durch die stark divergenten Stile und Hintergründe der Autorinnen und Autoren. 

Nur grafisch erschwert der geringe Kontrast zwischen silbern reflektierendem Druck und dünnem rosa Papier das Lesen und stiehlt den genial kuratierten Fotoessays einen Teil der Aussagekraft. Nicht zu verkennen ist der ausschlaggebende Beitrag, den das silberne Taschenbuch zu einer Debatte leistet, die es 50 Jahre nach deren Beginn in eine neue, zeitgenössische Richtung lenkt. 

Mit der Schweiz als Fokus positioniert es sich als Vorbild für die Diskurse im Ausland – denn Geschichte kennt nicht nur Gewinner und Verlierer, sondern auch unzählige persönliche Schicksale dazwischen.

ICOMOS Suisse, ETH Zürich Konstruktionserbe und Denkmalpflege (Hg.): A future for whose past? Hier und Jetzt, Zürich, 2025. 516 Seiten, über 200 farbige und sw-Abbildungen, gebunden, 14.5 × 22 cm, ISBN 978-3-03919-642-5, Fr. 39.-

 

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