Ein­fach Bau­en: drei ele­men­ta­re Häu­ser in Bad Ai­b­ling

Das Buch «Einfach Bauen» zeigt auf, wie drei Wohnbauten als Forschungsprojekt von Florian Nagler Architekten – je in Massivholz, Massivbauweise und in Leichtbeton erstellt – auf ihre Nachhaltigkeit untersucht und wie ihre baulichen Werte miteinander verglichen wurden. Das Ergebnis ist eine ganzheitliche Betrachtung.

Publikationsdatum
25-01-2022

Wer einmal vor dem Dom in Mailand stand, weiss, welche Faszination der aus Marmor bestehende Bau ausstrahlt. Natürlich sind die drei Forschungshäuser weder formal noch in ihrer Grösse und noch weniger funktional mit dem Mailänder Meisterwerk vergleichbar – doch ihre monolithische Bauweise ist den Denkansätzen des Gotteshauses verwandt. Forschende der TU München, Transsolar Energie und das Büro Florian Nagler Architekten sind der Frage nachgegangen, was «Einfach Bauen» bedeutet, und haben eine Art Kompendium dazu erstellt. Die Antwort ist vorerst plausibel: ein Bau, der einfach zu bauen und einfach zu nutzen ist.

Dass dies aber nicht so simpel ist, haben die Beteiligten anhand von drei Häusern in Bad Aibling mit insgesamt 23 Wohnungen in monolithischer Bauweise – Massivholz, Massivbauweise und Leichtbeton – veranschaulicht. Langfristige Nachmessungen werden dazu beitragen, dass die Erkenntnisse den ganzen Lebenszyklus umfassen. Die dreigeschossigen Häuser ohne Keller bestehen aus einschichtigen Bauteilen und natürlichen sowie nachwachsenden Rohstoffen. Durchgespielt wurde die Betrachtung anhand von sechs Programmpunkten, die am Ende des Buchs auch das Fazit zu «Einfach Bauen» bilden.

Sechs Programmpunkte

Die Kompaktheit – das Verhältnis von Fassaden- zu Nutzfläche – ist das erste wichtige Element. In Bad Aibling liegt diese mit 400 m2 auf 870 m2  bei 1:2. Ein Blockrand würde besser abschneiden, so die Autoren, ein Tiny House zum Beispiel aber wesentlich schlechter.

Ein weiteres Element sind die Fenster. Bei den Forschungshäusern nahm man am 1:1-Modell Untersuchungen an unterschiedlichen Grössen, Gläsern und Isoliersystemen vor und verglich diese hinsichtlich Tageslichteinfall sowie Energiegewinn und -verlust im Tages- und Nachtzyklus. Die Herleitung und das überraschende Ergebnis sind im Buch nachvollziehbar dargestellt.

Im Kapitel «Thermische Trägheit» erfährt man mehr zur Konstruktionsweise der Häuser. Die Innenwände sind aus Vollziegeln, massivem Holz oder Beton und alle Decken aus Stahlbeton. Letzteres ist für einen allfälligen Rückbau sicher keine optimale Voraussetzung. Die Messungen zur thermischen Behaglichkeit der Häuser werden in Diagrammen ersichtlich und lassen direkt Vergleiche der drei Bauweisen zu.

Technische Systeme wie Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung sollen den Energieverbrauch reduzieren. Anhand von Langzeitmessungen bei der Siedlung Klee in Zürich Albisrieden wird aufgezeigt, dass der Mehraufwand bei solchen Systemen mit Fabrikation, Transport, Betriebsenergie, Installation und Wartung gegenüber einer normalen Fensterlüftung weit höher ist. Interessant sind die Ausführungen, wie demgegenüber in den Forschungshäusern Bewohnern und Bewohnerinnen die Freiheit eingeräumt wird, sinnvoll zu lüften.

Im Kapitel «Systemtrennung der Bauteile» werden unter Einbezug der Lebens- und der theoretischen Abnutzungsdauer sowie des Wartungsaufwands weiterführende Schlüsse gezogen, auch was den Rückbau betrifft. Im sechsten Teil «Materialgerechte Konstruktion» wird gezeigt, dass wenige Bauteilschichten, sortenreine Verwendung und robuste Bauteile, die den Eigenschaften des Materials folgen, zum einfachen Bauen gehören. Die Fassadenschnitte der drei Forschungshäuser werden konventionellen Konstruktionen in Holz, Backstein und Beton gegenübergestellt und machen ersichtlich, wie im Fall der drei Häuser aus weniger mehr entsteht.

Ein siebter Punkt?

Was sich wie ein ABC zum Thema Bauen liest, ist eine komplexe und konsequente Verknüpfung der Tatsachen. Doch dem allem liesse sich ein siebter Punkt anfügen. Interessant im Sinn einer ganzheitlichen Betrachtung wäre der Einbezug von sozialen Zusammenhängen, die auch ein Teil der Nachhaltigkeit sind. Die Frage könnte hier lauten: Was wäre der Einfluss der ausgedehnten menschlichen Arbeit und des Handwerks ohne ein Übermass an Maschinen, industriell gefertigten Produkten und Technik – die gerade beim «einfachen Bauen» noch mehr als hier dargestellt eine Rolle spielen könnten?

Gemeint ist nicht der Mensch als billige Arbeitskraft, sondern Handwerker mit ihrem Wissen um Techniken und die Materialeigenschaften – eine Annäherung, die gerade im sechsten Teil des Buchs bei der materialgerechten Konstruktion in zweifacher Hinsicht wichtig sein könnte. Erstens das Wissen vieler Handwerker, das über jenes der meisten akademisch gebildeten Architekten hinausgeht und das alternativ zu industriell gefertigten Bauteilen neue Wege eröffnen kann, mit dem Material sparsam umzugehen und nachhaltige, solide Bauteile zu schaffen. Die menschliche Arbeit braucht zweitens wenig Energie – der Dom in Mailand ist in einer Zeit entstanden, in der es keine Elektrizität gab.

Forschungsergebnisse: www.einfach-bauen.net/#forschung

 

Florian Nagler (Hg): Einfach Bauen. Ein Leitfaden, Birkhäuser Verlag, Basel 2021. 128 S., 80 Abb, davon 50 farbig, 30.9 x 22.3 x 1.4 cm, ISBN 978-3-0356-2463-2, Fr. 49.90

 

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