Ein Mö­bel­schopf mit Hin­ter­tür zum Vi­tra Cam­pus

Seit über 30 Jahren sammelt die Firma Vitra Möbel und Leuchten der Moderne und pflegt Nachlässe bedeutender Designer. Punktuell sichtbar wurde dies jeweils bei thematisch gebundenen Ausstellungen im Vitra Design Museum. Nun ist diese Sammlung im neu erstellten Schaudepot dauerhaft zugänglich. Zudem ist so ein neuer Zugang zum Vitra Campus entstanden. 

Publikationsdatum
03-06-2016
Revision
23-06-2016

Kernstück des Vitra-Geländes sind und bleiben die Produktionshallen, geplant von Nicholas Grimshaw, Tadao Ando, Alvaro Siza und SANAA. Hier findet sozusagen das Pflichtlaufen statt. Vitra leistet sich aber auch die Kür, denn im Lauf der Jahre kamen architektonische Preziosen wie das Vitra Design Museum von Frank Gehry, der Konferenzpavillon von Tadao Ando, das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid und auch das Haus von Herzog & de Meuron für die gross angelegte Präsentation der Vitra-Produkte hinzu. Neuestes Glanzstück dieser Kür ist das Schaudepot, ein durch Herzog & de Meuron geplanter, gemauerter Schopf auf der Südseite des Campus. 

Grosse Sammlung sichtbar gemacht

Rolf Fehlbaum, Chairman Emeritus von Vitra, hat in den 1980er-Jahren damit begonnen, einzelne Möbelstücke der Moderne zu sammeln. Was zuerst ein auf sein Büro beschränktes Steckenpferd war, hat sich zu einer umfassenden Sammlung mit 7000 Objekten, 1000 Leuchten und zahlreichen Archiven sowie Nachlässen von Charles und Ray Eames, Verner Panton und Alexander Girard entwickelt. Untergebracht war dieser Schatz bisher im 5000 m2 grossen Untergeschoss einer Shedhalle aus den 1960er-Jahren.

Für die Publikumspräsentation wurde neben dieser Shedhalle und in Nachbarschaft zum Feuerwehrhaus von Zaha Hadid ein aus Klinkersteinen gemauertes, eingeschossiges Gebäude mit Satteldach erstellt. Ohne Fenster und bloss mit einem schlichten Eingangstor gleicht dieses Schaudepot einem grossen Schopf.

Im Innern empfängt die Besucher ein Vorraum mit Shop, der zur grossen, ganz in weiss gehaltenen Haupthalle mit Leuchtröhren an der Decke führt. Er ist mit dreigeschossigen Regalen bestückt (Gestaltung: Dieter Thiel) und zeigt 400 Schlüsselstücke des Möbeldesigns von 1800 bis heute. Eine Treppe führt ins Untergeschoss, wo das Publikum Einblick in das eigentliche Depot erhält. Berührend ist dabei die Rekonstruktion des Arbeitsraums der Eames, ein Kabinett mit Erinnerungsstücken aus dem Nachlass.

Schutz versus Transparenz

Anlässlich der Eröffnung äusserte sich Jacques Herzog zum so geschlossen wirkenden Schaudepot – «Transparenz wird heute überschätzt. Das Haus soll Neugier wecken. Ein Museum und sein Lager brauchen vor allem Schutz.» Das Volumen des Schaudepots ist auf einen Blick fassbar, Museum und Lager sind im Innern optisch und organisatorisch verbunden. Erst das Betreten des Baus eröffnet die reichen räumlichen Bezüge und macht das Gezeigte fassbar. 

Vitra Campus neu mit zwei Zugängen

Gleichzeitig mit dem Schaudepot hat Landschaftsarchitekt Günther Vogt gemeinsam mit Rolf Fehlbaum einen neuen, südlich gelegenen Zugang zum Vitra Campus entwickelt. Dieser Zugang weit weg vom bisherigen Hauptzugang im Norden kommt einer Rochade gleich, bewirkt er doch auch eine etwas grössere Nähe zum öffentlichen Verkehr, der 2014 eröffneten Tramlinie von und nach Basel.

Eine langgezogene Pergola mit Kletterrosen empfängt die Besucher und führt über einen weiten, gekiesten Vorplatz und eine geklinkerte Terrasse direkt zum Eingang des Schaudepots. Über die Alvaro-Siza-Promenade sind der Nordzugang und das Museum sowie das Vitra-Haus erreichbar.
 

Vertretene Designer im Schaudepot (Auswahl)

Alvar Aalto, Ron Arad, Maarten Baas, Ronan und Erwan Bouroullec, Andrea Branzi, Marcel Breuer, Humberto und Fernando Campana, Achille Castiglioni, Luigi Colani, Charles und Ray Eames, Frank Gehry, Eileen Gray, Konstantin Grcic, Arne Jacobsen, Shiro Kuramata, Joris Laarman, Le Corbusier, Alessandro Mendini, Ludwig Mies van der Rohe, Minale Maeda, Jasper Morrison, George Nelson, Marc Newson, Isamu Noguchi, Verner Panton, Gaetano Pesce, Gio Ponti, Jean Prouvé, Tejo Remy, Eero Saarinen, Jerszy Seymour, Philippe Starck, Superstudio, Marcel Wanders, Hans J. Wegner, Tokujin Yoshioka u.v.m.
Die Sammlung ist auch elektronisch erschlossen, und zwar über Kategorien wie Designernamen, Hersteller, Objekttyp, Eigenschaften oder Materialien.

 

Wechselausstellung «Radical Design»

Die erste Wechselausstellung des Schaudepots ist dem Radical Design gewidmet. Es handelt sich dabei um eine massgebliche Avantgardebewegung, die ihren Höhepunkt Ende der 1960er-Jahre in Italien erreichte – ein Gegenentwurf zum Funktionalismus und zu den etablierten Positionen in Design und Architektur. Die Designer wollten sich so kritisch mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetzen und Begrenzungen des damaligen Designverständnisses aufheben. Diese Schau ist bis 17. November zu sehen.

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