Ein ge­nau­er Blick auf den Stampf­lehm

Unter Leitung von Roger Boltshauser bauen Architekturstudierende an einem Pavillon aus Stampflehm im St.Galler Sitterwerk. In dessen Materalarchiv hat der Lehrstuhl eine gut dokumentierte Ausstellung zusammengestellt, die sich dem Material widmet.

Publikationsdatum
23-08-2017
Revision
24-08-2017

Seit 15 Jahren beschäftigt sich Architekt Roger Boltshauser mit Häusern aus Stampflehm: Den Beginn machten die Kleinbauten im Sihlhölzli (2002), es folgte das Haus Rauch (2008), das er für und zusammen mit dem Vorarlberger Lehmbaupionier Martin Rauch in Schlins erstellte, sein eigenes Büro in Zürich (2010) und der Schulpavillon Allenmoos (2012) (vgl. «Lehm zum Tragen bringen»). Der Stampflehm bildet auch das Leitmotiv des Projekts für das Ozeanium in Basel, das bis 2019 entstehen soll (vgl. «Neubau Ozeanium Zoo Basel»). Dabei hat sich das Büro Boltshauser viel Erfahrung in der Anwendung der vergessenen Bauweise angeeignet. 

Ergänzend zur praktischen Umsetzung hat Roger Boltshauser ab 2016 auch in seiner Gastprofessur an der EPFL zum Bauen in Stampflehm geforscht. Einerseits recherchierte er mit seinen Studierenden die Herkunft und Geschichte der einst weit verbreiteten Pisé-Bauweise, wie sie auf Französisch heisst, auf der anderen Seite lotete das Atelier Boltshauser in seinen Entwürfen die Möglichkeiten des Materials aus: Unter anderem entwarfen die Studierenden im Sommersemester 2017 einen Künstlerpavillon für das Sitterwerk in St. Gallen. Aus den verschiedenen Entwürfen hat das Atelier das Projekt der beiden Studenten Yannick Classens und Mattia Pretolani als bestes auserkoren – es soll in den nächsten Jahren auf dem Areal des Sitterwerks errichtet werden.

Aus dem gesammelten Material hat der Lehrstuhl eine gut dokumentierte Ausstellung zusammengestellt, die sich dem Stampflehm widmet. Die erste Station dieser Schau war im Frühjahr an der EPFL unter dem Titel «Rammed Earth – The Tradition of Pisé» zu sehen. Nun ist die Ausstellung unter dem Titel «Pisé – von Lyon bis St. Gallen» bis zum 15. Oktober im Sitterwerk zu sehen – angereichert um die Pavillonprojekte der Studierenden und um historische Beispiele aus St. Gallen und Thurgau, die eine interessante Verbindung zwischen den einstigen Textilhochburgen Lyon und der Ostschweiz zeigen. 

In Lyon war die Lehmbauweise weit verbreitet, und noch heute bestehen rund 40 % der Landwirtschaftsbauten in der Region Rhône-Alpes aus Stampflehm. Über den Handel mit Leinen fand die Konstruktionsweise ab dem 17. Jahrhundert ihren Weg in die Schweiz, und so finden sich erstaunlich viele Gebäude aus Stampflehm in der Ostschweiz. Für die Ausstellung in St. Gallen hat das Atelier Boltshauser Pläne dieser Häuser gezeichnet und sie beschrieben, der Fotograf Philip Heckhausen hat sie dokumentiert und in nüchternen Tableaus festgehalten. 

Auf den Fotografien zeigen sich Analogien und Unterschiede zwischen den beiden Lehmbautradtionen: Stehen in Lyon die Lehmbauten auch in einem städtischen Umfeld, so sind sie in der Ostschweiz eher als Einzelbauten anzutreffen. Und während in Frankreich die Pisébauten oft als nackte Konstruktionen von aussen als Lehmbauten zu erkennen sind, wurden die Lehmhäuser in der Schweiz meistens verputzt. Zudem schienen die Baumeister in Frankreich mehr Vertrauen in die Tragfähigkeit ihrer Bauten gehabt zu haben: Die Schau dokumentiert stattliche Wohnbauten mit bis zu fünf Geschossen, während ihre Pendants in der Ostschweiz auf zwei bis drei Stockwerke beschränkt sind.

Diese Spurensuche des Ateliers Boltshauser führt zu erstaunlichen Erkenntnissen, denn viele der Bauten haben die Jahrhunderte unbeschadet überstanden. Sie sind ein Beleg für die Dauerhaftigkeit von Häusern aus Lehm, und sie machen Werbung für diese äusserst ökologische Bauweise. Da das Baumaterial meistens direkt aus dem Aushub gewonnen wird, sind die Transportwege kurz, und auch der Rückbau gestaltet sich unproblematisch: Ohne Dach und dem Regen ausgesetzt zerfallen die Wände wieder zu Erde. Diese Eigenschaften machen die alte Bauweise äusserst zukunftsfähig, da sie bestens zum Gedanken einer zyklischen Verwendung von Baustoffen passt. Das Cradle-to-Cradle-Prinzip ist dem Stampflehm eigen wie kaum einem anderen Material. 

Doch bevor die Bauweise in der Breite Anwendung finden kann, müssen noch einige Grundlagen erarbeitet werden. Die Erdbebensicherheit ist die Achillesferse des Stampflehms, der ohne Bewehrung meistens durch Ringanker in der Decke gesichert wird. Auch zu diesem Thema haben die Studierenden von Roger Boltshauser geforscht.
Yannick Classens und Mattia Pretolani haben aus dieser Einschränkung ein Entwurfprinzip entwickelt: Ähnlich wie beim Holzstapel-Pavillon von Peter Zumthor für die Expo in Hannover klemmen Zugstangen die Piséscheiben ein und sichern so die Konstruktion gegen vertikale Schwingungen. Ob diese Konstruktion die statischen Anforderungen erfüllt, wird sich in den nächsten Wochen zeigen: In einem Sommerworkshop erstellen die Studierenden bis Ende August ein Mock-up im Massstab 1:1.

Weitere Beiträge zum Thema Lehm gibt's im gleichnamigen E-Dossier.