Der Art­a­mis-Ar­chi­pel

Das neue Genfer «Ecoquartier Jonction» liegt zentral in der Stadt und  an der Rhone. Das Architekturbüro Dreier Frenzel zeichnete verantwortlich für drei Neubauten, von denen einer besonders hervorsticht: Die Codha – ein genossenschaftliches Projekt – lotet mit Partizipation eine grosse Bandbreite an Möglichkeiten aus.

Publikationsdatum
03-06-2021
Rune Frandsen
Architecte EPFL, MAS ETH gta, Doctoral candidate ETH Zürich

Im Februar 2010 gewann das junge Lausanner Architekturbüro Dreier Frenzel die Ausschreibung für das neue «Ecoquartier Jonc­tion» in der Genfer Innenstadt, das auf einer alten Industriebrache im Stadtteil La Jonc­tion entstanden ist. Das über 26 000 m² grosse Areal ist im Besitz der Stadt Genf, des Kantons und der SIG (Services Industriels de Genève).

Die Bauherrschaften verfolgten gemeinsam ein ehrgeiziges Projekt: Geplant waren 250 bis 300 neue günstige Wohn­einheiten für den überhitzten Genfer Mietmarkt, ebenso viele Parkplätze, Platz für eine Schule, öffentliche Einrichtungen und Gewerbeangebote. Damit beendeten die Stadt und der Kanton Genf die Besetzung des Geländes durch das autonome Kulturzentrum Artamis.

Die akute Wohnungsnot in Genf legitimierte die Auf­lösung dieses nicht institutionellen Kulturzentrums, dessen Bewohnerinnen und Bewohner nur wenig Alternativen zur Umsiedlung geboten werden konnten.

Ein Genfer Stadtquartier, aber günstig

Die Stadt stellt das Areal zum Bau von Wohneinheiten der Codha, der Wohngenossenschaft Rue des Rois und der städtischen Stiftung für Sozialwohnungsbau Genf (FVGLS) im Baurecht zur Verfügung. Nach dem Vorschlag von Dreier Frenzel – die den städtebaulichen und architektonischen Gesamtprojektwettbewerb für das Areal und alle drei Gebäude im offenen Verfahren im Februar 2010 gewannen  – wurde diesen drei Bauherren der Bau von je einem Gebäude zugeteilt.

Zwei der drei vorgeschlagenen Hofgebäude sind zu den Strassen hin ausgerichtet, die beidseits des Baugrundstücks vorbeiführen (Codha im Norden und FVGLS im Süden, siehe Situationsplan rechts oben). Das dritte Coopérative d’habitation Artamis des Rois (SCHADR), nimmt die Mitte der Baufläche ein. Aus diesen drei ­grossen Bauten und dem sie umschliessenden Kontext ergaben sich drei unterschiedlich grosse öffentliche Räume.

In der Mitte, eingerahmt durch die drei Wohnhäuser, sticht ein Platz mit Kiesbelag aus dem Raster der asphaltierten Gassen hervor. Dieser Orientierungspunkt im Zentrum der Baufläche, der an einen Dorfplatz erinnert, ist eine der grossen Stärken des Quartierprojekts – er verbreitet Urbanität, lässt aber gleichzeitig Raum zum Schlendern.

Der zentrale Platz verbindet die drei Gebäude zu einem Dialog. In ihrer Gestaltung ist die Beziehung der Gebäude zueinander augenfällig. Mit verschiedenen Fassadenfarben brachten die Bauherren die Individualität der Gebäude jedoch zum Ausdruck.

Die Sockelgeschosse wurden jeweils mit massiven, vorgefertigten und sandgestrahlten Betonelementen verkleidet. Oberhalb kombinierten die Architekten ein Stützen-Platten-­Tragwerk mit einer nicht tragenden, vorgehängten Fassade aus abwechselnd horizontalen Verputz- und Glasbändern. Das Grundprinzip der drei Gebäude ist stets dasselbe, aber die Volumetrie, die Farbe der Sockel und Putze sowie die Variation in der Breite der horizontalen Streifen unterscheiden jedes Gebäude.

So ­versucht die FVGLS, die Farbpalette des Boulevard Saint-Georges mit erdigen Farben in ihrem Projekt wiederzugeben, während die Codha eine klare Abgrenzung zum bestehenden Aussenraum mit einer ockerfarbenen Gestaltung wählt.

Es entsteht eine urbane Atmosphäre, die durch die öffentliche bzw. gewerbliche Nutzung der Erdgeschosse noch gestärkt wird. Geschäfte, Bars, Büros, Schulkantine und andere Einrichtungen sind in den Arkaden der drei Gebäude untergebracht. Die Wohneinheiten wurden über den Sockeln auf sechs bzw. beim Codha-Gebäude auf zehn zusätzlichen Stockwerken errichtet.

Die drei Gebäude verfügen jeweils über zwei oder sogar drei Untergeschosse mit Parkplätzen und Lagerräumen für die Museen der Stadt. Die Offenheit des Geländes, sowohl zwischen der Rue du Stand und dem Boulevard Saint-Georges als auch von der Rue des Gazomètres aus, wird durch die öffentlichen Gassen im Innern der Gebäude, welche die Masse der Sockelgeschosse durchbrechen, noch verstärkt.

Diese Gassen dienen als Veloparkplätze, was den Zweck der Tiefgaragen infrage stellt – denn zur Lebensweise der Bewohnenden scheinen Autos nicht zu gehören. Das Flanieren durch die Gewerbepassagen wird durch die Düsternis der Innengassen getrübt. Das verwinkelte Labyrinth verströmt eher eine beklemmende Atmosphäre von «back alleys» aus dem Film noir, als dass es einer Flaniermeile gleicht.

Die Codha, ein Innenhof mit eigenem Charakter

Das Codha-Gebäude lässt sich anhand seines Schicht­aufbaus erklären. Es bildet einen Block mit Innenhof, dessen erste Schicht aus einem hohen durchgehenden Sockelgeschoss mit Arkaden besteht. In den Erd- und Zwischengeschossen oder überhohen Erdgeschoss­zonen sind Gewerberäume angesiedelt. Über der Ge­werbe­zone befindet sich eine Ebene, in deren Mitte der halb­öffentliche Innenhof liegt.

Wie ein Kranz umgeben zwei Stockwerke mit Clusterwohnungen und Gemeinschaftsräumen den Platz. An der Nordseite dieses Kranzes bilden acht weitere Stockwerke eine hohe Zeile, deren Erschliessungszone zum Innenhof ausgerichtet ist. Der Aufbau ist von der Strasse eingerückt und schafft so auf dem Sockelgeschoss Platz für eine grosse Terrasse nach Norden. Zudem bildet der Gebäuderiegel eine ­Abgrenzung zur Strassenflucht der Rue du Stand und bietet ganz oben für die Mietenden eine begrünte Dach­terrasse.

Lesen Sie auch: Bâ­ti­ment CODHA, Eco­quar­tier Jonc­tion, Genf mit dem Schweizer Preis für Putz und Farbe ausgezeichnet

Der Innenhof dient als Treffpunkt für kollektive oder gemeinschaftliche Veranstaltungen der Gebäudebewohnerinnen und -bewohner und ist ganz einer kollektiven Nutzung und Identität gewidmet. Zu ihm hin öffnen sich alle Gemeinschaftsräume und die Wohnzonen der Wohneinheiten. Auch die Laubengänge im Gebäuderiegel stehen im Dialog mit dem Innenhof.

Durch die individuelle Ausstattung der Bewohnenden fungieren sie zudem als Erweiterung des Wohnraums. Auf der abgewandten Seite dieses Gebäudezentrums liegen die privateren Bereich der Wohnungen. Durch die Orientierung aller Aufenthaltszonen hin zur Mitte entsteht eine panoptische Wirkung im Hof, die den vielfältigen Durchgangsmöglichkeiten, die das Gebäude bietet, ­entgegenwirken soll.

Über vier Treppenhäuser an den jeweiligen Ecken des Hofes gelangt man zu den Wohn­einheiten. Will man also von einem zum nächsten Treppenhaus, kann man die Abkürzung über den Hof nutzen und sich zeigen oder die Wege durch das Innere des Gebäudes wählen und so vor neugierigen Blicken der Nachbarschaft im Verborgenen bleiben.

Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 17/2021 «Günstig wohnen trotz teurer Lage?»

Ecoquartier Jonction

 

Bauherrschaft
Stadt Genf; Fondation de la Ville de Genève pour le logement social (FVGLS); Coopérative de l’habitat associatif (CODHA); Coopérative d’habitation Artamis des Rois (SCHADR); Fondation des parkings; Kanton Genf

 

Architektur
Dreier Frenzel architecture + communication, Lausanne



Landschaftsarchitektur
Westpol Landschaftsarchitekten, Basel

 

 

Coopérative de l’habitat associatif (CODHA)

 

Architektur
Dreier Frenzel architecture + communication, Lausanne

 

Bauleitung
Alain Dreier Bureau Technique du Bâtiment, Confignony

 

Tragkonstruktion
Perreten & Milleret, Carouge

 

Realisierung
2010 – 2018

 

Programm
115 Wohneinheiten, 10 Cluster (1 Student, 2 Senioren, 7 ohne Anforderungen); 500 m² Dachgarten, ein Gewächshaus und eine Pergolaküche im Freien; Gemeinschaftsräume; Rutsche vom Gemüsegarten zum Innenhof; Dachterrasse in der 11. Etage; Gewerbe

 

Arealgrösse
ca. 17 100 m²

 

Baukosten
57.4 Mio. Fr.

 

Mietpreisbeispiele
3 ½-Zimmer-Wohnung in Cluster (nicht subventioniert) ca. 1510 – 1551 Fr., 4 ½-Zimmer-Wohnung in Cluster (subventioniert) ca. 918–1555 Fr.

 

Vergleich Mietenmedian Genf
3 ½-Zimmer-Wohnung ca. 2600 Fr. (2019); 4 ½-Zimmer-Wohnung 3800 Fr. (2019)