Dich­ter und hö­her

ETH Campus Hönggerberg, Masterplan 2040

Die ETH Zürich will ihren Standort auf dem Hönggerberg ausbauen. Die einstige Aussenstation soll zum städtischen Campus mit Raum für Freizeit und Begegnung werden. Die Grundlage dazu liefert der Masterplan 2040: Er sieht eine etappenweise Verdichtung nach innen mit vier Höhenakzenten vor.

Publikationsdatum
30-08-2018
Revision
05-09-2018

Die ETH Zürich wächst – quantitativ mit mehr Studierenden und Professuren, aber auch qualitativ durch neue Lehr- und Lernformen sowie technische Innovationen. Dafür braucht die Hochschule zusätzliche Flächen. Für den Ausbau hält die ETH an den beiden Hauptstandorten Zent­rum und Hönggerberg fest. Im Zent­­rum ist die bauliche Entwicklung jedoch aufgrund der historischen Stadtstrukturen begrenzt. Mit der Umsetzung des aktuell laufenden Masterplans Hochschulgebiet Zürich Zentrum1 kann also nur ein Teil des Bedarfs abgedeckt werden.

Dementsprechend fokussiert die Hochschule für ein langfristiges Wachstum auf den Standort Hönggerberg. Gemäss eigenen Hochrechnungen erwartet die ETH hier bis 2040 eine Baumasse von rund 1.9 Mio. Kubikmeter. Die heute gültigen Sonderbauvorschriften «ETH Hönggerberg (Science City)» von 2007 erlauben nur 1.38 Mio. Kubikmeter, die gesetzlichen Rahmenbedingungen müs­sen angepasst werden. Die öffentliche Auflage der neuen Sonderbauvorschriften und der BZO-Teilrevision bis Ende Juli war ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Lernstadt im Grünen

Der erste Bebauungsplan für die Aussenstation Hönggerberg stammte von Albert Heinrich Steiner und entsprach einer ganzheitlichen Vorstellung von Städtebau. Bereits in den ersten Skizzen von 1959 manifestierte sich eine klassische, städtebaulich hierarchisierte Ordnung, geprägt durch die forumartige Anordnung der Unterrichtstrakte mit Einbindung offener Grünflächen und der Trennung von motorisiertem Verkehr und Fussgängern.

Die Idee der «durchgrünten Stadt» setzte man bei den ersten ausgeführten Bauten von 1963 bis 1971 erfolgreich um. Dieser Bestand ist heute im Bundesin­ventar schützenswerter Ortsbilder Schweiz (ISOS) mit der höchsten ­Erhaltungsstufe klassifiziert. Später kehrte sich das Konzept allmählich ins Gegenteil: Der sparsame Umgang mit dem Boden stand im Vordergrund, ein ganzheitlicher Städtebau verlor zugunsten der Verdichtung an Bedeutung. Es resultierte eine lose Aneinanderreihung unterschiedlicher Bauten mit wenig Aussenraumqualitäten.

Ausbau in Etappen

Die neuen Sonderbauvorschriften beruhen auf dem Masterplan 2040, den EM2N Architekten zusammen mit Schmid Landschaftsarchitekten 2015 ausgearbeitet haben. Er ist das Resultat einer Testplanung, an der auch Fawad Kazi mit Hager Partner und Hosoya Schäfer Architekten mit Henri Bava, Agence Ter, teilnahmen. Der Masterplan 2040 von EM2N entwickelt den «Masterplan Science City» von KCAP / Kees Christiaanse aus dem Jahr 2005 weiter. Zentrale Elemente – wie eine Ringstrasse rund um den Campus und publikumsorientierte Nutzungen in den Erdgeschossen – werden weiterverfolgt. Städtebaulich beruht das Konzept auf Verdichtung nach innen, was die umliegende Landschaft frei hält, abgesehen von den beiden Bauten am nördlichen und südlichen Eingang zum Campus.

In einer ersten Etappe ab 2019 (im Plan grün) soll das HIF-­Gebäude verlängert und dann das HIL-Gebäude teilweise aufgestockt werden. Anstelle der 1987 errichteten Holzpavillons HIP, HIQ und HIR von Benedikt Huber entsteht das neue Labor- und Bürogebäude HPQ. Den Wettbewerb dazu gewannen Ilg Santer Architekten im Som­mer 2016. In der zweiten Etappe sollen mit­telfristig die ersten Hoch­häuser reali­siert werden. Vorgesehen ist ein Portalgebäude (30 bis 50 m) Richtung Höngg und ein weiteres gegen Af­foltern (50 bis 80 m). Hier soll eine öffentliche Terrasse die Gebäude ergänzen – vergleichbar mit der Polyterrasse vor dem ETH-Hauptgebäude im Zentrum. Das dritte Hochhaus (bis 80 m) steht an der zentralen Piazza zwischen den Gebäuden HIL und HCI.

Erst langfristig und für die dritte Etappe sind Neubauten vorgesehen, die in den Bestand greifen (braun). Die neuen Bauten und das vierte Hochhaus entlang der Wolfgang-Pauli-Strasse sollen aus dieser einen Boulevard machen mit öffentlich zugänglichen Cafés, Läden oder Ausstellungsflächen in den Erdgeschossen. Zudem ist ein weiterer Neubau hinter dem sechseckigen Hörsaalgebäude HPH vorgesehen.

Bei der laufenden Planung gesteht man den Grünräumen wie­der eine grössere Bedeutung zu. Der geschützte Albert-Steiner-Garten zwischen den Physikbauten bleibt erhalten, der Flora-Ruchat-Roncati-Garten hinter dem HIL wird flächenmässig verdoppelt. Ein neuer Garten ist auch im Bereich der Studierenden-Wohnbauten geplant. Das In­nere des Campus bleibt weiterhin auto­frei, dafür wird der öffentliche Verkehr ausgebaut. Bereits heute erreichen 78 % den Campus Höngger­berg mit dem ÖV, 11 % mit dem Velo und 7 % mit dem Auto. Der ETH-Link, der Verbindungsbus zwischen dem Standort Zentrum und dem Höngger­berg, fährt seit 2017 mit einem dichteren Fahrplan. Ab Herbstsemester 2018 erhöht auch die Buslinie 80 ihre Frequenz. Mittelfris­tig sollen hier Doppelgelenk-Trolley­busse für mehr Kapazität sorgen.

Heute wie einst

Der jüngste Masterplan ist die ­plausible Weiterentwicklung der ­«Science City»-Idee. Die Klärung der Zugänge und die konsequente Verdichtung nach innen bedeuten folgerichtig eine vertretbare Entwicklung in die Vertikale. Der geschützte Bereich der Steiner-Bauten bleibt klugerweise vorerst unangetastet. Die ETH sichert sich somit Spielräume für die Zukunft und kann schrittweise dem jeweiligen Raum- und Infrastrukturbedarf der nächsten Generationen nachkommen.

Mit den geplanten Hochhäusern schliesst sich ein Kreis: Bereits 1960 löste der Vorschlag von Albert Heinrich Steiner, auf dem Hönggerberg Hoch- und Terrassenhäuser zu implantieren, heftige Diskussionen aus. Auch heute meldet sich gegen die Hochhäuser bereits Wider­stand vonseiten der Quartier­vereine und der Denkmalpflege.

Anmerkung

  1. Vgl. TEC21 42/2016, TEC21 48/2016 und TEC21 12–13/2018.

Chronologie
 

1957:
Planungsbeginn und Beschluss zur Erweiterung der ETH auf dem Hönggerberg
 

1961–1969:
1. Ausbauetappe: Gebäude für Physik und Molekularbiologie (Albert Heinrich Steiner)
 

1972–1976:
2. Bauetappe: Gebäude für Architektur und Bauwissenschaften (Max Ziegler [HIL], Erik Lanter [HIF])
 

Ab 1987:
Richtplanung; Ideenwettbewerb und Richtplan Hönggerberg (Planconsult, Basel)
 

1996–2004:
3. Bauetappe: Gebäude für die Departemente Chemie, Pharmazie und Mikrobiologie sowie Materialwissenschaften (HCI, Mario Campi und Franco ­Pessina)
 

2005/2007: Masterplan «Science City» von KCAP / Kees Christiaanse. Festsetzung Sonderbauvorschriften
 

2005 bis heute:
4. Bauetappe:

  • E-Science Lab (HIT, Baumschlager Eberle Architekten)
  • Sport-Center (HPS, Dietrich | Untertrifaller Architekten)
  • Büro- und Seminargebäude (HCP, Züst Gübeli Gambetti)
  • Studentisches Wohnen (HWO, Architektik, vgl. TEC21 41/2008, und HWW, Stücheli Architekten)
  • Laborgebäude (HPL, Burckhardt + Partner)
  • Forschungsgebäude (HIB, Arch_Tec_Lab AG; vgl. Sonderheft «Arch_Tec_Lab, ETH Zürich», 16. September 2016)
  • Instandsetzung HPM-Gebäude (Fischer Architekten)
     

2015:
Testplanung und Masterplan «Campus Hönggerberg 2040» von EM2N
 

2016–2018:
Revision «Kantonaler Richtplan 2016»
 

2018:
Öffentliche Auflage Sonderbauvorschriften und BZO, dann Verabschiedung durch den Stadtrat
 

2018/2019:
Beratung und Festsetzung Richtplan durch Kantonsrat
 

2019
Beratung, Festsetzung Sonderbauvorschriften/BZO durch den Gemeinderat
 

Ab 2020
Erste Wettbewerbe / Baueingaben gemäss Masterplan 2040 möglich


Anmerkung
Dr. Jürgen Wiegand wies uns darauf hin, dass in der gedruckten Fassung dieser Chronologie die Richtplanung (ab 1987, Planconsult) nicht erwähnt wurde. Wir bedauern die Unterlassung.