Ver­schol­le­ner Schatz, wie­der­ent­deckt

Berta-Rahm-Pavillon

Die Geschichte von Entstehung, Bau und schliesslich Rettung des Berta-Rahm-Pavillons von 1958 liest sich wie ein Krimi. Dabei wird klar: Der vorläufige Erhalt des Baus erfolgte durch glückliche Fügung und überdurchschnittliches Engagement von Privaten.

Publikationsdatum
08-07-2021
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

«Ich hoffe, dass in unserer Forschung noch weitere verloren geglaubte Bauten wieder auftauchen. Aber ich hoffe auch, dass keiner mehr gerettet werden muss», fasst Kunsthistorikerin Nina Hüppi die jüngste Geschichte des Berta-Rahm-Pavillons zusammen. Und erzählt zugleich zwei weitere. Eine von mangelnder Wertschätzung – denn nur so konnte der Bau überhaupt in Vergessenheit geraten – und jene von einem allmählichen Umdenken: Der Bau wurde gerettet, immerhin, wenn auch durch private Initiative.

Der Pavillon ist eines der Hauptwerke von ­Berta Rahm. 1910 in St. Gallen geboren, diplomierte sie als eine der ersten Frauen 1934 an der ETH Zürich bei Otto Rudolf Salvisberg im Fach Architektur. Nach Anstellungen bei Rudolf Olgiati in Flims, William Dunkel und Ernst Schindler in Zürich und bei ihrem Onkel Arnold Meyer in Hallau gründete sie 1940 ihr eigenes Architekturbüro in Zürich. Ihr Œuvre umfasst hauptsächlich Umbauten und Einfamilienhäuser. Obwohl sie an zahlreichen Wettbewerben teilnahm und auch einige gewann, erhielt sie keine öffentlichen Aufträge. «Diskriminierung, Filzokratie, Männerbündeleien bis zum persönlichen Super-GAU», fasste die Weltwoche 1993 diese Systematik im Einstieg zu einem Interview mit Berta Rahm zusammen.1 So reichte sie beispielsweise bei einem Wettbewerb für das Kantonsspital Schaffhausen einen regelkonformen Entwurf ein, doch die Regierung erklärte ihr, man habe sie aus dem Rennen genommen, weil sie eine Frau sei.

Als Mitte der 1950er-Jahre die Planungen für die Zweite Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit Saffa in Zürich begannen – die erste hatte unter der Leitung von Lux Guyer 1928 in Bern stattgefunden –, erarbeitete Berta Rahm zusammen mit Lisbeth Sachs zunächst den Masterplan. Die Leitung übertrug man dann aber Annemarie Hubacher-Constam, der Enkelin von Gustav Gull, die ihr Büro gemeinsam mit ihrem Mann Hans Hubacher führte. Was gemäss Rahm auch der Grund für die Umbesetzung war, denn Hubacher hatte «einen Mann (…), der sie ersetzt, falls sie zusammenbricht».1

Zurück in die zweite Reihe

In der Frühphase der Planungen lieferte Berta Rahm den Entwurf für einen Clubpavillon. Das Gebäude war als Treffpunkt für Mitglieder verschiedener Clubs gedacht und beinhaltete Räume für Veranstaltungen und Aufführungen, ein Angebot an Büchern und Zeitschriften, Gelegenheiten zum Lesen sowie Sanitärräume. Die Finanzierung des Baus gestaltete sich jedoch schwierig, bis schliesslich das Warenhaus Jelmoli als Hauptsponsor einsprang, gleichzeitig aber seinen Hausarchitekten, den Mailänder Carlo Pagani (1913–1999), ins Spiel brachte. Dieser hatte am Mailänder Warenhausgebäude Ri­nascente mitgearbeitet, einem Flaggschiff der europäischen Kommerzarchitektur der Nachkriegsjahre. Für die Saffa hatte er einen zerlegbaren Pavillon aus Aluminium entwickelt, den Jelmoli nun auf dem Ausstellungsgelände auf der Landiwiese aufstellen liess.

Berta Rahm war für die Bauleitung zuständig und konnte zusätzlich einen eigenen Anbau realisieren. Der L-förmige, ca. 70 m2 grosse Annex diente der Presse als Aufenthaltsraum und Lesesaal und beherbergte die Garderoben und Sanitärräume des Hauptbaus, an dem er sich auch formal orientierte. Rahm nutzte für ihre Holzrahmenkonstruktion innovative ­Materialien wie vollflächige Scobalitfenster aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Verkleidet war der Bau mit einer profilierten Furalfassade aus Aluminium. Das Metall wurde in Rollen geliefert und konnte wie ein Reissverschluss einfach in die Unterkonstruktion eingeklickt werden – ein Umstand, der sich später als Glücksfall erweisen sollte.

Neues Leben und drohender Abbruch

Nach Abschluss der Ausstellung wurden die Bauten teilweise rückgebaut und weiterverkauft – Kreislaufwirtschaft avant la lettre. Den Pavillon erwarb die ­Unternehmerin Erika Hauser. Berta Rahm hatte sich aktiv um den Verkauf bemüht, Hauser kaufte den Pavillon als Kantine und Aufenthaltsraum für ihre Pilzfarm in Gossau im Zürcher Oberland. Im Zuge des Ab- und Aufbaus erweiterte Berta Rahm ihn noch im selben Jahr um eine Küche mit Essraum. Dort geriet der Bau ­irgendwann in Vergessenheit. Zuletzt nutzte ihn die benachbarte Autogarage als ­Reifenlager, 2020 sollte er abgerissen werden, um Platz zu schaffen für die expandierende Pilzzucht.

Bis zum vergangenen Winter: Die Kunsthistorikerin Eva Nägeli von der kantonalen Denkmalpflege Schaffhausen entdeckte im Rahmen ihrer Masterarbeit über Berta Rahm am Institut für Theorie und Geschichte der Architekur gta der ETH Zürich eine Notiz über den Standort des Pavillons. Sie kontaktierte die kantonale Denkmalpflege Zürich, deren Mitarbeiter Pietro Wallnöfer die Angaben vor Ort überprüfte. In letzter Minute: Der Bau war nicht denkmalpflegerisch inventarisiert, und es lag eine Abbruchbewilligung vor. Die beiden Denkmalpfleger informierten umgehend die Forscherinnen des Schweizerischen-Nationalfonds-Projekts «Saffa 1958 – Eine nationale Bühne für Schweizer Architektinnen und Gestalterinnen». Innert kurzer Zeit formierte sich eine engagierte Gruppe aus Forscherinnen und Architektinnen, um den Pavillon zu retten – man kannte sich vom Frauenstreik 2019.

Doch der Abbruch war beschlossene Sache. Die Frauen, inzwischen im Verein «ProSaffa1958-Pavillon» organisiert, entschieden sich also dafür, den Bau wenigstens zu dokumentieren und einzulagern. Dann kam der Corona-Shutdown und warf den ursprünglichen Plan über den Haufen, die Demontagearbeiten mithilfe von Studierenden der ETH durchzuführen. Zu den Vereinsgründerinnen gehört auch Barbara Buser vom Baubüro in situ, das viel Erfahrung mit Rückbauten und Denkmalschutzobjekten hat. Buser stellte den Kontakt zu erfahrenen Handwerksbetrieben her, den Rückbau führten die im Projekt involvierten Architektinnen Sonja Flury und Milena Buchwalder schliesslich gemeinsam mit den Handwerkern und Handwerkerinnen durch. Finanziert wurde die Aktion durch Spenden.

Das Netzwerk spielen lassen

Als besondere Herausforderung stellte sich dabei die Gleichzeitigkeit von Baudokumentation, Rückbau und Katalogisieren der Bauteile heraus – die Architektinnen mussten den Bau während des Abbaus aufnehmen und ein Indexsystem entwickeln, das jedem Bauteil eindeutig seinen Platz zuwies. Überraschenderweise existiert in der Denkmalpflege dafür kein allgemeiner Standard, auch Anfragen beim Freilichtmuseum Ballenberg brachten kein Ergebnis. Für die Bauaufnahme konnte das Team auf die Unterstützung der Firma Scanvision zählen, eines Spin-offs der ETH, das einen 3-D-Laserscanner zur Verfügung stellte und auch die Scans erstellte. Schicht für Schicht wurde so zurückgebaut und gleichzeitig gescannt. Pro Schicht fertigte Scanvision 15 bis 20 Scans an, die zu drei Datein zusammengesetzt wurden und alle konstruktiven Ebenen des Pavillons abbilden.

Da die originalen Baupläne von Berta Rahm verschollen sind, erwarteten die Architektinnen bei jeder freigelegten Schicht Überraschungen und Entdeckungen. Der ursprünglich ungedämmte Sommerpavillon in Elementbauweise bekam in Gossau eine neue ganzjährige ­Nutzung. Der Einsatz von Restholz und ein Sammel­surium an Dämmmaterialien weisen darauf hin, dass beim Wiederaufbau sehr aufs Budget geachtet werden musste. Die hölzerne Tragstruktur besteht ­dagegen immer noch aus einzelnen Wandelementen, die Spuren der ersten Nutzung an der Saffa 1958 aufweisen. Hilfreich beim Rückbau war die Tatsache, dass der Bau in der Nachkriegszeit entstanden war und neben einigen industriell hergestellten Elementen wie der eingangs erwähnten Furalfassade noch viele handwerkliche ­Konstruktionen aufwies, die zum einen sichtbar, zum anderen rever­sibel ausgeführt sind.

Dank den 3-D-Scans erhält man einen realistischen Eindruck von Raum und Oberflächen des abgebauten Pavillons. Technisch handelt es sich bei den Aufnahmen allerdings um Datenpunkte, nicht um Vektoren. Um den Bau digital dokumentieren zu können, zeichnen die Architektinnen aktuell die CAD-Pläne. Noch bis Anfang Dezember ist der Pavillon in der Ausstellung «The Power of Mush­rooms – Berta Rahm’s Pavilion for the Saffa 58» an der ETH Zürich zu sehen, für die Nutzung danach sind mehrere Optionen im Gespräch.

In der Ausstellung wird der Bau nicht integral gezeigt, vielmehr vermitteln einzelne Elemente der Fassade und des Tragwerks einen Eindruck von Dimension und Konstruktion. Material und Farbmuster geben eine Idee der einstigen Gesamtkomposition, Pläne und Fotos dokumentieren zudem die Geschichte der – vorläufigen – Rettung des Pavillons. Ergänzend dazu bietet eine kleine Bibliothek mit Literatur zu den Pionierinnen der Architektur Hintergrundwissen. Das ist auch als Hommage an Berta Rahm zu verstehen, die 1960, zermürbt von Kämpfen um Aufträge, ihren eigenen Verlag Ala gründete, der sich auf feministische Literatur spezialisierte. Denn Rahm hatte verstanden: Um die Leistungen von Frauen würdigen zu können, muss man sie erst einmal sichtbar machen.

Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 21/2021: «Spurensuche: frühe Architektinnen und ihre Bauten heute».

Anmerkungen

1 Berta Rahm im Gespräch mit Yvonne-Denise Köchli, «Wie soll denn eine Frau mit Behörden verhandeln?» In: Die Weltwoche, 13.5.1993, S. 8.

Eigentümer bis 2020: Fine Funghi, Gossau ZH

 

Eigentümer seit 2020: Verein ProSaffa1958-Pavillon, Zürich

 

3-D-Scans: Scanvision, Zürich

 

Metallbauarbeiten Ausstellung: Albis Metallbau, Zürich

 

Transport: Emil Egger, Bassersdorf

 

Holzarbeiten: handholzwerk, Winterthur Wiederverwerkle, Winterthur

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