Cit­tà del Cuo­re

Städtebau in den Pontinischen Sümpfen

Die unter Mussolini erbaute Stadt Sabaudia bei Rom gilt als Manifest des Rationalismus. Ihre Entstehungsgeschichte zeigt, dass die spätere ­Rein­waschung der italienischen Moderne vom Vorwurf des Faschismus falsch ist.

Publikationsdatum
22-07-2015
Revision
28-10-2015

Sabaudia ist der Traum aller Architekten, die sich für den italienischen Rationalismus begeistern – gelegen an der tyrrhenischen Küste, eingebettet ­zwischen zwei Seearmen hinter den Dünen, gestaltet mit weissem Travertin, römischen Ziegeln, hellgelbem und sienarotem Putz. Klar und puristisch in Form und Gestalt, klassisch ­modern, eben ein «gebautes Manifest des italienischen Rationalismus». 

Geschaffen wurde Sabaudia 1933–1934, in der Blütezeit des italienischen Faschismus. Doch dieser Umstand tut der Faszination, die ihre städtebauliche Anlage wie auch ihre architektonische Formensprache nicht nur bei Fachleuten auslöst, keinen Abbruch. «Besser kann man eine Stadt nicht bauen!», lautete das Fazit der von der Exkursion zurückkehrenden Teilnehmer der Architekturkreuzfahrt.

Schwer vor­stellbar, dass ausgerechnet das faschistische Regime diese Modellstadt hervorgebracht haben soll. Visualisierung eines Terrorstaats – oder ein zufällig in dieser Zeit entstandenes, unpolitisches Städtebauprodukt? Was verbindet Sabaudia mit Mussolini 

Modern, italienisch, ländlich

Zunächst die Entstehungsumstände: Sabaudia wurde im Zug der Urbarmachung der pontinischen Sümpfe errichtet und war somit ein kleiner Baustein im umfangreichsten Landgewinnungsprojekt, das während der zwei Jahrzehnte der faschistischen Herrschaft durchgeführt wurde. Zwischen 1927 und 1939 wurden an die 840 km² Sumpfland südlich von Rom trockengelegt und für die Landwirtschaft parzelliert. 

Dreitausend Siedlerstellen wurden geschaffen, die von Kolonistenfamilien aus Landesteilen mit starker Bevölkerungsdichte und hoher Arbeitslosigkeit bewirtschaftet werden sollten, hauptsächlich aus dem Veneto und der Emilia Romagna. Eine stadtfeindlich orientierte Ruralismus­propaganda begleitete das Projekt. Deshalb galten die fünf Neustädte Littoria (heute Latina, 1932), Sabaudia (1933–1934), ­Pontinia (1934–1935), Aprilia (1936–1937) und Pomezia (1938–1939), die zur Versorgung und ­Administration der Kolonisten errichtet wurden, nicht als Städte, sondern als «landwirtschaftliche Versorgungszentren».

Gleichwohl wurden städtebaulich keine spezifisch ländlichen oder dörflichen Strukturen umgesetzt. Im Gegenteil fussen alle fünf Centri auf städtischen Konzepten, in denen traditionelle Elemente der römischen, mittelalterlichen, aber auch der Renaissance-Stadt verarbeitet wurden. Die Architektur war ­erstaun­lich heterogen. Dies lässt sich – neben architekturpolitischen Entwicklungen – auch mit der unterschiedlichen Herangehensweise erklären, mit der die beauftragten Architekten versuchten, die vom Regime geforderten Schlagworte modernità, italianità und ruralità umzusetzen.

Organisch und geometrisch angelegt

Die zweite Neustadt Sabaudia ging aus einem 1933 ausgelobten nationalen Wettbewerb hervor. Ihn gewann eine Gruppe von vier jungen Architekten und Ingenieuren, die sich auf Städtebau spezialisiert hatten. Planungskopf war Luigi Piccinato, der wie seine Kollegen Gino Cancellotti, Eugenio Montuori und Alfredo Scalpelli Absolvent der römischen Architekturhochschule war und zum Umkreis von Marcello Piacentini gehörte, dem einflussreichsten Architekten in faschistischer Zeit. Der städtebauliche Entwurf der Piccinato-Gruppe war auf die besondere Topografie des Orts zugeschnitten: Deutlich wird das Anliegen der Planer, die Stadt harmonisch in die Landschaft einzugliedern und zur Natur hin zu öffnen. 

Die Siedlung für 5000 Einwohner war in drei Zonen organisiert: Den Kern bildete das administrative Zentrum mit den öffentlichen Bauten und einigen teilgewerblichen Wohnanlagen. Zum nördlichen Seearm hin wurde ein ausgedehntes Villengebiet projektiert, während die restliche Stadtfläche mit ­ländlichen Wohnungen bebaut werden sollte – vor­gesehen als Zeilenbauten mit rückwärtigen Gärten zur Selbstversorgung. Allein das administrative Zentrum und eine Musterzeile der Villen wurden umgesetzt – ein Schicksal, das Sabaudia mit den anderen Neu­städten teilte, da man versäumte, ausreichende Arbeitsmöglichkeiten für die potenziellen Einwohner mit einzuplanen.

Im Gegensatz zur organischen äusseren Form ist die Binnenstruktur des Centro geometrisch organisiert. Nach dem klassischen Cardo-Decumanus-Prinzip kreuzen sich zwei Hauptstrassen rechtwinklig im Zent­rum der Siedlung. Dabei verspringt die Vertikalachse unmittelbar vor dem Hauptplatz, um einen Block weiter westlich über eine in den 1960er-Jahren errichtete Brücke den See zu überqueren. Das somit weitgehend verkehrsfreie Zentrum besteht aus einer Zweiplatzanlage aus Rathausplatz und quer dazu orientiertem Versammlungsplatz. 

Städtebauliche Dominante ist das Rathaus, dessen seitlich vorgestellter Turm genau in die Blick­achse gerückt ist. Der Turm fungiert dabei als tren­nendes und gleichzeitig zusammenfassendes Element der Plätze; sein zum Versammlungsplatz hin umlau­fender Balkon, der ihn mit dem Rathaus verbindet, bot ausreichend Platz für die mannigfaltigen Manifestationen des Regimes – eine prominente Bühne für Parteifunktionäre und Honoratioren. 

Symbole der Macht

Der Südteil des Versammlungsplatzes blieb unbebaut, um die Blickachse auf den Monte Circeo freizuhalten, der mit seinem eigentümlichen Profil das Wahrzeichen der Ebene ist. Ebenso unbebaut blieb der Bereich hinter dem Rathaus, sodass bei geöffneten Türen ein Durchblick bis zum See möglich war. Somit kam die Zwei­­platzan­lage in die kompositorisch und städtebaulich originelle Position, trotz ihrer zentralen Stellung in intensiver Kommunikation mit der Natur zu stehen. Diese Art der Platzkomposition hatte ein prominentes Vorbild in der Anordnung von Piazza und Piazzetta vor San Marco in Venedig. 

Gegendominante zum Rathausturm ist der gleich hohe Kirchturm. Vervollständigt wurde die Blickachse durch den Turm des Parteigebäudes am Rathausplatz und den turmartig erhöhten Kasernenteil der Parteimilizkaserne, die am Ende des Versammlungs­platzes auf gleicher Linie mit der Kirche steht. Mit dieser Zusammenstellung ergab sich eine Blickachse, die die Machtstrukturen der italienischen Gesellschaft eindrucksvoll vor Augen führte. Die Vorbilder für diese Komposition sind die mittelalterlichen Geschlechtertürme Mittelitaliens, die den Machtanspruch ihrer Bauherren manifestieren.

Die Übernahme traditioneller Motive entsprach der Entwurfslehre, wie sie in dieser Zeit die Städtebaulehrstühle der italienischen Architekturhochschulen vermittelten. Diese Lehre fusste zum Teil auf den Theorien von Camillo Sitte und Gustavo Giovannoni, der der Wettbewerbsjury für Sabaudia vorstand. Seine vom Durchgangsverkehr befreiten und von Kolonnaden flankierten Plätze, bei denen die Strassen an den Ecken einmünden, die zahlreichen inszenierten Blickachsen und die punktuell eingesetzten Höhen­dominanten zeugen davon. Trotz dieser traditionellen Motive im Städtebau galt und gilt Sabaudia als eine Beispielstadt der italienischen Moderne. Dies liegt vor allem an den Flachdächern, den geometrischen Formen und dem stark reduzierten Baudekor.

Doch wie der städtebauliche Entwurf weist auch die Architektur der Piccinato-Gruppe italienische Motive auf. Dazu gehört der Einsatz von Repräsentationselementen wie Freitreppen, Portalen und Baudekor, die den Rang der Gebäude hervorheben. Die daraus entstehenden Hierarchien werden durch traditionelle Materialien wie Travertin, Backstein und farbigen Putz ­unterstrichen. Darüber hinaus finden sich auch deutlichere Zitate aus der italienischen Architekturgeschichte, zu sehen etwa an der Kirchenfassade, deren Travertin­verkleidung eine für den Sakralbau seit dem Mittelalter typischen Bänderung zeigt.

Wie bei den städtebau­lichen Zitaten handelte es sich jedoch auch hier nicht um getreue Kopien, sondern um die Verwendung italienischer, in eine eigene moderne Formensprache übersetzte Motive. Dahinter stand die Idee, den aus unterschiedlichen Landesteilen stammenden Bewohnern eine moderne, aber vertraute panitalienische Heimat zu schaffen. So brachten die Architekten den Wunsch des Regimes nach italianità und modernità miteinander in Einklang.

Zweifelhafte Reinwaschung

Die unbestrittene städtebauliche wie architektonische Qualität Sabaudias führte – mit prominenten Zeugnissen des italienischen Rationalismus wie der Casa del Fascio in Como (Giuseppe Terrani, 1936) oder dem Bahnhof von Florenz (Giovanni Michelucci, 1927) – in der Nachkriegszeit zur Reinwaschung der italienischen Moderne vom Faschismus. Dies gelang, indem allein der Neoklassizismus als faschistische Staatsarchitektur definiert wurde, dessen Monumentalstil besser zu einer Diktatur zu passen schien. Ungeachtet der Tatsache, dass die Rationalisten stets darum gekämpft hatten, das architektonische Gewand des Faschismus entwerfen zu dürfen, und dies mitunter erfolgreich, wie zahlreiche Bauten bezeugen, wurde den Inkunabeln des Rationalismus von anerkannten Architekturhistorikern wie Bruno Zevi eine antifaschistische Grundhaltung unterstellt.

Heute ist die Stadt stolz auf ihr bauliches Erbe, denn ihre in der landeseigenen Bautradition ver­wurzelte Moderne ist einzigartig und gelungen. Und doch bleibt ein unangenehmer Beigeschmack. Der rührt nicht nur aus der Vergangenheit, die sich in unerwarteten Details offenbart: faschistische Partei­symbole an Laternen und Schachtdeckeln, pathetische Inschriften, unter anderem am Rathausturm, die Mussolini als «Erlöser» des Sumpfs preisen, oder eine Darstellung des Duce im Fassadenmosaik der Kirche, die ihn im Hintergrund der Verkündigung Mariens – als Werkzeug des göttlichen Willens – bei der Getreideernte zeigt.

Das Unbehagen erwächst aus der Unbeschwertheit, ja Unreflektiertheit, wie mit diesem Erbe umgegangen wird. Die spärliche touristische Information bleibt unpolitisch, fokussiert auf Schlagworte wie «gebaute Metaphysik», «Symbolstadt des Rationalismus» und Ähnliches. Kein erklärender Kommentar, weder zur Mussolini-Darstellung an der Kirche noch zur Einweihungsinschrift, die im Übrigen nach dem Krieg entfernt worden war und erst 1984 zum 50-jährigen Jubiläum rekonstruiert wurde.

Sabaudia könnte sich einen reflektierteren Umgang leisten, vorausgesetzt, es gäbe den politischen Willen dazu. Die Kraft des Regimes äusserte sich eben nicht nur in übergrossen, antiki­sierenden Gesten, sondern, umso verführerischer, in überzeugenden Visualisierungen mussolinianischer Konsenspolitik, die in Form, Massstab und Gestaltung dem Individuum entgegenkam.

Die nicht nur für Architekten und Architekturhistoriker schwer verdauliche Mesalliance zwischen dem «schönen» italienischen Rationalismus und dem «bösen» faschistischen Regime, wo könnte man sie besser erklären als in Mussolinis «città del cuore» 

Dr. Ing. Daniela Spiegel ist Mitautorin der Publikation «Urbanism and Dictatorship».


Auf Architektour

TEC21 begleitete das Architekturschiff der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW auf seiner Reise durchs Mittelmeer. Eindrücke in Text und Bild gibt es in der aktuellen TEC21-Ausgabe 30-31/2015. Am Anfang stand eine Idee: Der berufsbe­gleitende Bachelorstudiengang Architektur der ehemaligen Hoch­schule für Technik Zürich (früheres Abendtechnikum ­Zürich) wurde 2012 in die ZHAW integriert und läuft 2016 aus. Zum Abschluss wollte man gemeinsam nochmals eine intensive Aus­einandersetzung mit gebautem Raum erleben – das Architekturschiff 2015 war geboren. TEC21 begleitete die Reise als Medienpartner und führte mit den Redaktorinnen Tina Cieslik und Danielle Fischer und dem Redaktor Marko Sauer eine offene Redaktion an Bord. Die Tour führte vom 9. bis 15. Mai 2015 von Venedig über Split nach Neapel, von dort nach Rom und über Korsika nach Nizza. Neben Ausflügen in den sozialen Wohnungsbau der jugoslawischen Sozialisten, zu den ­historischen Stätten des Imperium Romanum und in die Idealstädte des Mussolini-Regimes stand an Bord die ­Vermittlung des historischen und architekturtheoretischen Wissens an. Carlo Moos, Daniela Spiegel und Judith Hopfengärtner verknüpften in ihren Referaten die losen Fäden der Themen und filterten die allen zugrunde liegende Idee heraus: die Sehnsucht nach der idealen Stadt. Ihre Erkenntnisse sind im Schwerpunktteil der aktuellen Ausgabe abgebildet – für alle, die an der Reise nicht teilnehmen konnten, und für jene, die sich gern daran er­innern. Die Bilder stammen von Reiseteilnehmerinnen und -teilnehmern. Sie dokumentierten ihre Eindrücke per Polaroid im TEC21-Logbuch an Bord. (tc)
Ein Online-Logbuch der Reise findet sich im E-Dossier «Architekturkreuzfahrt».

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