«Langfristig ist es günstiger, ein Denkmal kontinuierlich zu pflegen»
Das Forschungsprojekt «Cultural Heritage needs Continuous Care» hat Grosses vor: Nichts weniger als neue Leitlinien für die Pflege von Kulturdenkmälern will es etablieren. Eine Restauratorin des Teams hat es geschafft, praktisch alle kantonalen Denkmalpflegen der Deutschschweiz hinter dem Projekt zu vereinen.
Flavia Flückiger ist Konservatorin-Restauratorin MA/SKR mit eigenem Atelier in Bern. 2018 schloss sie ihren berufsbegleitenden Master in Konservierung-Restaurierung ab und führt seit 2020 ihr eigenes Restaurierungsatelier in Bern.
Daneben ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt «CH needs CC» des Nationalen Forschungsprogramms NFP 81 tätig und unterrichtet an der Hochschule der Künste Bern. Flavia Flückiger ist Mitglied des Schweizerischen Verbands für Konservierung und Restaurierung (SKR).
Caspar Schärer: Frau Flückiger, Sie sind als Restauratorin Teil des Forschungsprojekts «Cultural Heritage needs Continuous Care» der SUPSI in Mendrisio. Womit beschäftigen Sie sich gerade?
Flavia Flückiger: Wir möchten mit unserem Projekt die regelmässige Pflege von Kulturgütern fördern. Durch kontinuierliche Kontrolle und Pflege können diese länger in einem guten Zustand erhalten werden, und zwar mit geringeren Kosten und unter Wahrung ihrer historischen Authentizität. Wir müssen die Pflege als bewährte Praxis fördern, ähnlich wie die Vorsorge, die wir zum Schutz unserer Gesundheit treffen.
Ich gehöre zum Kernteam des Forschungsprojekts um die Projektleiterin Giacinta Jean und bin für unsere Tätigkeit in der Deutschschweiz zuständig. Zum Team gehören zudem Francesca Piqué sowie Julian James mit seinen Mitarbeiterinnen Cécile Roulin und Lucia Huguenin, die für das Tessin und die Romandie zuständig sind.
Weiter unterstützen uns Francesca Cellina, Luca Morici und Rebecca Bertero in der Kommunikation und der Interaktion mit den Projektpartnern. Meine Aufgabe ist es jetzt, zu Beginn des Projekts, mit unseren Praxispartnern in der Deutschschweiz Kontakt aufzunehmen und zu kommunizieren.
Das heisst also, dass sich das Projekt tatsächlich auf die ganze Schweiz bezieht. Wer sind die Projektpartner?
Eine wichtige und grosse Gruppe unserer Projektpartner sind die 26 kantonalen Denkmalpflegestellen. Unser Ziel ist es, Leitlinien für konkrete kontinuierliche Pflegemassnahmen an Kulturgütern zu entwickeln. Dafür brauchen wir natürlich die Erfahrung und Inputs aus der Praxis. Dazu gehören die Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger in den Kantonen.
Im Weiteren arbeiten wir aber auch auf der Seite der Ausführenden mit dem Schweizerischen Verband für Konservierung und Restaurierung zusammen und auf der Seite der Eigentümerschaft mit Domus Antiqua Helvetica. Das Netzwerk Kulturerbe Schweiz und der Schweizer Heimatschutz unterstützen und begleiten uns im Prozess. Zuletzt sollen die Ergebnisse für den eigentlichen Leitfaden von der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege aufgenommen und in einer Publikation veröffentlicht werden.
Verstehe ich das richtig: Es gibt noch keinen Leitfaden für die Pflege von Kulturgütern, obwohl die entsprechenden Fachstellen Denkmalpflege heissen?
Etwas zugespitzt formuliert, aber im Grundsatz ist die Feststellung nicht falsch. In einem ersten Schritt haben wir uns die gesetzlichen und finanziellen Grundlagen in den Kantonen angeschaut. Dabei konnten wir feststellen, dass in den kantonalen Gesetzen tatsächlich kaum etwas zur regelmässigen Pflege steht. Es ist zwar von einer Unterhaltspflicht die Rede – und selbstverständlich gilt diese auch für die öffentlich-rechtliche Eigentümerschaft – aber viele Kantone verweisen in der Praxis auf die private Eigentümerschaft.
Finanzielle Beiträge gibt es unter Umständen nur, wenn durch denkmalpflegerische Auflagen Mehrkosten entstehen. Und wenn nur wenig Fördermittel zur Verfügung stehen, wird es natürlich schwierig, private Eigentümerinnen und Eigentümer zu einem Umdenken zu bewegen. Oder anders formuliert: Es wird lieber in Massnahmen investiert, deren Ergebnis klar sichtbar ist und die einmalig anfallen, auch wenn sie längerfristig gesehen teurer und invasiver sind.
Sie sprechen von Unterhalt. Besteht hier ein Unterschied zur Pflege?
Nun, das ist die zweite Sache, die uns schon bald aufgefallen ist. Es gibt keine offiziellen Definitionen, was genau mit Unterhalt oder Pflege gemeint ist. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Unterschiede in den Sprachregionen. Im Italienischen und Französischen werden spezifische Begriffe wie «manutenzione» und «entretien» verwendet, während im Deutschen viele verschiedene Begriffe existieren. «Unterhalt», «Pflege», «Instandhaltung» oder «Instandstellung» werden zum Teil synonym verwendet und zum Teil ausdifferenziert. Die «Nachsorge», wie sie in den Leitsätzen zur Denkmalpflege in der Schweiz 2007 definiert wurde, kommt gar nicht vor.
Der englische Titel des Forschungsprojekts spricht von «continuous care». Darunter verstehe ich laufende Pflege und nicht eine grosse Sanierungsmassnahme, in der das ganze Gebäude eingerüstet werden muss.
Interessant ist ein Seitenblick zum Naturschutz: Dort ist Pflege ganz selbstverständlich. Das hat natürlich mit dem Gegenstand der Pflege zu tun, der sich schneller verändert. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine regelmässige Pflege von Naturschutzgebieten und Pärken angebracht scheint. In der Gartendenkmalpflege sind Parkpflegewerke bereits etablierter.
Trotzdem lässt sich schon eine Parallele zur Pflege von Kulturdenkmälern ziehen. Denn langfristig ist es sinnvoller und günstiger, ein Denkmal kontinuierlich zu pflegen. Man erkennt Schäden früher und die Massnahmen sind weniger umfangreich. Eine grosse und aufwändige Restaurierung lässt sich so hinauszögern oder gar ganz vermeiden. Dadurch geht vor allem auch weniger Originalsubstanz verloren.
Vorhin sprachen Sie davon gesprochen, dass Sie zuständig sind für die Projektpartner in der Deutschschweiz. Was heisst das konkret?
Ich stelle eine Verbindung her zu Fachstellen für Denkmalpflege in 21 Kantonen. Dasselbe führen meine Teamkolleginnen in der französischen und italienischen Schweiz durch und wir besprechen uns regelmässig dazu. Einige der Kantone sind schon seit der Bewerbungsphase für das Nationale Forschungsprogramm «Baukultur» mit dabei, mit den anderen nahmen wir im Verlauf des Sommers Kontakt auf. Im Anschluss erhielten alle Fachstellen einen Fragebogen, mit dem wir die jeweilige spezifische gesetzliche und finanzielle Situation im Kanton sondierten sowie die Art und Weise, wie Unterhaltsarbeiten gefördert werden – wenn überhaupt.
Der Rücklauf und das Feedback sind grundsätzlich gut, die teilnehmenden Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger begrüssen einen Paradigmenwandel in diesem Zusammenhang. Ende Oktober findet ein Workshop statt, in dem wir die konsolidierten Ergebnisse präsentieren und mit den Praxispartnern zusammen schauen, wo wir ansetzen möchten.
Sie führen demnach viele Gespräche, in der persönlichen Begegnung, per Telefon und per Mail. Wie fühlt sich die Restauratorin dabei, die sonst mit Materialien und Räumen arbeitet?
In meinem Berufsalltag auf der Baustelle bin ich es gewöhnt, mit allen möglichen Fachpersonen zusammenzuarbeiten. Oftmals bin ich als Restauratorin die Schnittstelle zwischen Architekt:innen, Handwerk, Denkmalpflege und Bauforschung. Dazu gehören automatisch viele Gespräche und Koordination. Es gefällt mir sehr, im Rahmen dieses Projekts für einmal stärker auf dieser kommunikativen Ebene tätig zu sein.
Unser Projekt bringt viele Menschen zusammen, die die gleichen Werte teilen, viel Erfahrung mitbringen und gleichwohl daran interessiert sind, sich weiterzuentwickeln. Im Prinzip sind sich alle darüber einig, in der Praxis wird die Pflege jedoch nur selten durchgeführt. Es ist notwendig, Anleitungen und technische Unterstützung zu geben, damit Eigentümer:innen diesen positiven Prozess in Gang setzen können.
Das Nationale Forschungsprogramm «Baukultur» (NFP 81) des Schweizerischen Nationalfonds umfasst 13 Forschungsprojekte.
Die Ausschreibung erfolgte 2023, die Auswahl der Projekte 2024 und seit Anfang 2025 läuft die Forschungsphase, die über einen Zeitraum von fünf Jahren bis 2030 erfolgt.
Die Leitungsgruppe des NFP 81 setzt sich aus zehn Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland zusammen und wird von Prof. Paola Viganò von der EPFL präsidiert.