Ar­tek und Vi­tra set­zen auf Cir­cle Stores

Ein zweites Leben für Möbel

Design für eine ganze Nation: Wo immer man in Finnland hinkommt, findet man ein Stück Artek. Bereits 2011 eröffnete der Hersteller einen Laden für gebrauchte Möbel der Marke. Nun zieht Arteks grosse Schwester Vitra nach: Seit letztem Herbst gibt es in Weil am Rhein den Vitra Circle Store mit gebrauchten Designermöbeln.

Publikationsdatum
21-02-2024

Artek wurde 1935 vom Architektenpaar Alvar und Aino Aalto, der Kunstmäzenin Maire Gullichsen und dem Kunsthistoriker Nils-Gustav Hahl gegründet. Die Möbel und Leuchten der Traditionsmarke sind ein Teil des finnischen Lebens, wie man es bei anderen Herstellern kaum findet. Die Entwürfe zeichnen sich durch Schlichtheit, Funktionalität und technische Innovation aus und repräsentieren dank Merkmalen wie der Wärme von lokalem Holz und Produkten eine finnisch geprägte Auffassung von Modernismus.

Vom Research zur Fundgrube

Schon 2006 begann Artek, gebrauchte Aalto-Möbel auf Flohmärkten, in alten Fabriken, Schulen und Werften zu sammeln. Was als Research startete, mündete in die Gründung der Initiative Artek 2nd Cycle. Ziel war es, diese wiederentdeckten Stücke zum Verkauf anzubieten und ihnen damit einen zweiten Zyklus in ihrem Leben zu verschaffen. 2011 – im Jahr des 76-jährigen Bestehens der Marke und ein Jahr, bevor Helsinki als Welthauptstadt des Designs amtete – eröffnete der Artek 2nd Cycle Store im Herzen der Stadt. Der Shop ist in Fussnähe des Esplanade-Parks, unweit des Artek-Stores selbst, ganz in der Nähe des legendären, von Alvar und Aino Aalto gestalteten Restaurant «Savoy». Wendet man den Schritt von dort gen Norden, findet man ihn in einer ehemaligen Garage an der Pieni Roobertinkatu 4.

Eine wahre Schatzkammer erschliesst sich dort den Besucherinnen und Besuchern. Auf 600 Quadratmetern bietet der Laden gebrauchte Möbel von Designern wie Alvar und Aino Aalto, Ilmari Tapiovaara, Yrjö Kukkapuro, Paavo Tynell und Arne Jakobsen sowie Leuchten, Teppiche, Keramik, Geschirr und Kunstdrucke. Als Treffpunkt für Sammler, Kunden und Designer lädt das Geschäft Besucherinnen und Besucher ein, in diesem Fundus zu stöbern, Raritäten zu entdecken, schön gealterte Möbelstücke zu kaufen oder einfach von den Artek-Experten mehr über den Modernismus im Möbeldesign zu erfahren. Und auch wenn nicht alle Artikel von Artek stammen, so stehen doch alle zum Kauf angebotenen Produkte in der Tradition des klassischen nordischen Designs des 20. Jahrhunderts.

Der 2nd Cycle Store ehrt die Langlebigkeit dieser Möbel, die sich den wechselnden Moden widersetzen. Und dies schon Jahre, bevor andere Designhersteller das Thema Zirkularität entdeckten. «2nd Cycle zeigt nicht nur die Langlebigkeit der Artek-Möbel, sondern fördert auch den bewussten Konsum – die Idee, dass das, was wir kaufen, sorgfältig ausgewählt und damit wertvoll sein sollte, anstatt weggeworfen zu werden», sagt  Marianne Goebl, Managing Director bei Artek.

Natürlich findet man dort auch Bestseller wie den 1933 von Alvar Aalto entworfenen dreibeinigen «Stool 60», von dem bis heute bereits über eine Million Exemplare verkauft wurden. Wie so viele Artek-Möbel passt das kleine Möbel in ganz verschiedene Wohnstile und Kulturen. Und der Hocker bedient das heutige Thema des kompakten Wohnens auf ideale Weise – wie so viel andere Artek-Möbel auch. «Die Möbel der Aaltos sind recht kompakt und deshalb sehr geeignet für kleine Räume. Heute werden Wohnungen kleiner, weil die Immobilienpreise steigen, zudem ist eine Wohnung zunehmend auch eine Lifestyle-Entscheidung. Es gibt Menschen, die statt einer grossen Wohnung lieber mehrere Wohnungen an verschiedenen Orten haben. Kleine Wohnungen und die dazu passenden Möbel waren aber bereits in den 1930-Jahren ein wichtiges Thema für finnische Architekten und Gestalter, denn das Land wurde ja erst relativ spät urbanisiert», erklärt Marianne Goebl.

Einzelstücke mit Geschichte


«Unser Expertenteam ist ständig auf der Suche nach neuen ‹pre-loved›-Stücken», sagt Goebl. Jedes Stück hat dabei seine eigene Geschichte und erinnert an die Epochen, die es durchlaufen hat. «Diese Vintage-Stücke gewinnen je länger sie im Einsatz sind immer mehr an Charakter», sagt Goebl. «Manche wurden von jeder Besitzer-Generation neu lackiert – manchmal konnte man direkt die Sedimente abtragen».

Das Angebot ändert sich ständig, abhängig von den Funden, die das Team macht. Mehr und mehr erweitert sich dort der Artek-Kosmos, bislang international unbekannte «Artekianer» wie die früheren Artek-Design-Direktoren Maija Heikinheimo (1903–1963) oder Ben af Schultén (*1939) erblicken hier das zweite Mal das Licht der Welt, aber auch anonymes finnisches Design lässt sich hier aufstöbern. Neue Stücke sind oft nur kurze Zeit erhältlich, besonders wenn sie selten sind, wie etwa die Leuchten von Paavo Tynell.

Heute ist der 2nd Cycle Store ein kommerzielles Angebot, andererseits dient das vielschichtige Sammelsurium immer noch der Recherche: «Wollen wir beispielsweise eine neue Variante von Aaltos Tea Trolleys machen, können wir natürlich einerseits in unser Firmenarchiv der Aalto-Foundation eintauchen, andererseits aber auch ganz unbürokratisch und schnell unser 2nd Cycle-Team befragen.» Und der Store ist ein Teil der ökologischen Strategie Arteks. «Ich glaube, dass diese Haltung hinter Artek relevanter ist, denn je – weg von der Wegwerfgesellschaft, hin zu nachhaltigen Entwürfen, die ressourcenschonend sind und mit einem wachsen», erklärt Goebl.

Vitra zieht nach

Diesem bewussten Konsum durch Wertschätzung 
folgt nun auch Arteks grosse Schwester Vitra (seit 2013 ist Artek Teil des Konzerns). Nach Läden in Belgien und den Niederlanden eröffnete vergangenen Oktober auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein der Vitra Circle Store. Mit dem Store setzt Vitra zirkuläres Wirtschaften in die Praxis um. Gebrauchte Möbel und Accessoires bekommen hier ein zweites Leben: Muster-, Messe- und Ausstellungsstücke werden geprüft, bei Bedarf aufbereitet und dann zum reduzierten Preis wieder in Umlauf gebracht. Auf dem Vitra Campus sind die Wege zu wichtigen Werkstätten kürzer, was die Logistik vereinfacht und den CO2-Verbrauch reduziert.

«Der grösste Beitrag von Vitra zur Nachhaltigkeit sind unsere aussergewöhnlich langlebigen Produkte, die alles Überflüssige weglassen. Unsere Wurzeln im Design der Moderne würden nichts anderes erlauben», konstatiert Nora Fehlbaum, CEO von Vitra.

Weitere Infos:

 

artek.fi/2ndcycle

vitra.com