Alles ist Fotografie
Ein Gespräch mit Stefano Graziani, dessen Fotografien momentan im TAM – Teatro dell’Architettura di Mendrisio ausgestellt sind. Überlegungen zur Autonomie des Bilds und zur Freiheit des Blicks – ausgehend von der Überwindung der Architekturfotografie als einer durch präzise Regeln abgegrenzten Gattung.
Seit dem 13. Dezember 2025 kann in den Räumen des TAM – Teatro dell’Architettura Mendrisio der Università della Svizzera italiana die Ausstellung «Reality Show» von Stefano Graziani besucht werden. Die von Francesco Zanot kuratierte Ausstellung lädt dazu ein, sich selbst – und den Fotografen – zu einigen wesentlichen Aspekten der zeitgenössischen Fotografie zu befragen.
Laura Manione: Realität, Darstellung und Beziehung: Ihre Reflexion über das Fotografische – und folglich auch Ihre Fotografie – kreist um diese drei Elemente. Wie wirken sie zusammen?
Stefano Graziani: Ich denke, dass jede Fotografie naturgemäss mit dem zu tun hat, was sie darstellt, also mit ihrer Beziehung zur Wirklichkeit und mit ihrem intrinsischen dokumentarischen Charakter – wobei dieser verschiedene Bedeutungsebenen zulässt. Gleichzeitig interessiert mich an Fotografien – insbesondere an jenen in der Ausstellung «Reality Show» –, dass sie implizit eine Reflexion über die Fotografie als Ausdrucksform enthalten: über ihr Verhältnis zum Text, zum Buch und natürlich zu anderen Fotografien.
Um konkreter zu werden: Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten behandeln kein einzelnes Thema, sondern mehrere. Es sind Fotografien mit einer sehr engen Beziehung zur Realität, die zugleich Welten und Situationen darstellen, die zeitlich (sie gehören unterschiedlichen Momenten an) und geografisch (sie wurden an sehr weit voneinander entfernten Orten aufgenommen) auseinanderliegen.
Die Beziehung entsteht in der Ausstellung also durch die Nähe der Fotografien zueinander – und auf relativ überraschende Weise. Letztlich ist es so, dass wir in einer klar irrationalen Welt leben, und das gewährt uns das Recht auf das Unlogische als Freiraum.
Manione: In den Begleittexten zur Ausstellung erklären Sie, dass Sie stets von der Architektur ausgehen, zugleich aber versuchen, das Regelsystem zu durchbrechen, das dieses spezifische fotografische Genre vereinheitlicht hat.
Alles, so scheint es, könnte zur Architekturfotografie gehören: die Gebäude, die Menschen, die mit ihnen in einen dialogischen Bezug treten, die Gegenstände in den Innenräumen.
Ist die Überwindung des Genres ein Prozess, der den Betrachtenden nur scheinbar von der «reinen» Architektur entfernt, oder ist es eine Richtung, die den Blick tatsächlich anderswohin führen will?
Graziani: Mich interessiert die Emanzipation von Regeln zugunsten der Entwicklung einer eigenen Sprache. Regeln sind Ideen, die bestimmte Genres der Fotografie von vornherein festlegen. Statt zu sagen, alles könne zur Architekturfotografie gehören, würde ich eher das Gegenteil behaupten: Wir können auf die Architekturfotografie als abgeschlossenes Bild, das ein Gebäude als Objekt repräsentiert, verzichten.
Ich finde es spannend, die Weite der Fotografie zu erforschen, ohne Kategorien bilden zu müssen (Architekturfotografie, Sportfotografie, Familienfotografie, kommerzielle Fotografie usw.). Stattdessen können wir alle Kategorien durchlaufen und Fotografie als Instrument begreifen, um die Welt um uns herum zu betrachten und zu untersuchen – eine Welt, die sehr oft durch menschliches Handeln verändert wird.
Alles kann Fotografie sein – um «Alles ist Architektur» von Hans Hollein (1968) zu paraphrasieren.
Manione: In der Ausstellung – wie auch in Ihren anderen Projekten – begegnet man Fotografien, die auf die Bildende Kunst in ihrer Vielgestaltigkeit verweisen und als Inspirationsquelle dienen. Stillleben etwa legen ein besonderes Interesse an der Malerei nahe. Wie sehr hat diese Ausdrucksform Ihre Arbeit beeinflusst?
Graziani: Sehr stark. Oft wird die Fotografie mit der Malerei in Verbindung gebracht – vielleicht, um sie zur Kunst zu erheben. Ich möchte nur ein Beispiel nennen, das diese Nähe meines Erachtens gut veranschaulicht: Wenn Lucian Freud ein Porträt malte, verbrachte er die gesamte erforderliche Zeit mit der dargestellten Person vor sich. Das entspricht für mich der Notwendigkeit, beim Fotografieren einer Person während der benötigten Zeit am selben Ort zu sein. Es handelt sich dabei weniger um eine kompositorische Ähnlichkeit oder die Definition einer gemeinsamen Grundhaltung, sondern um einen Prozess, der es uns erlaubt, bestimmte Unterschiede im Denken über verschiedene Sprachen und Darstellungstechniken endgültig aufzuheben.
Manione: In Ihren Serien finden sich häufig neu produzierte Fotografien und Bilder aus deinem Archiv nebeneinander. Wenn man davon ausgeht, dass jedes Archiv – über eine blosse Sammlung hinaus – ein kulturelles Projekt ist, stellt sich die Frage: Wie hat dieses visuelle und konzeptuelle Reservoir die Grenzen Ihres «visuellen Entwurfs» erweitert, ohne seine Kohärenz zu untergraben?
Graziani: In vielen Fällen dient das Archiv vor allem der Notwendigkeit, eine Ordnung zu definieren, die es uns erlaubt, Dinge wiederzufinden. Fotografien aus scheinbar unterschiedlichen oder entfernten Systemen oder Welten miteinander zu verbinden, bedeutet für mich jedoch die Möglichkeit, neue Bedeutungen zu schaffen – oder ganz einfach, Arbeiten so zu betrachten, als sähe ich sie zum ersten Mal. Das ist eine sehr wichtige Übung.
Kohärenz? Das ist ein komplexer Begriff. Für mich ist sie eher ein Ziel- oder Prüfpunkt, nicht ein Ausgangspunkt.
Manione: Mehrfach wurde zur Beschreibung Ihrer Bilder das Adjektiv «dysfunktional» verwendet – ein Begriff, der die seit jeher mit der Fotografie verbundene narrative Komponente infrage zu stellen scheint. Zugleich wissen wir, dass das Erzählen für Sie ein besonderes Gewicht hat und bis hin zur präzisen Verwendung der Bildunterschrift reicht. Wie verbinden Sie also Dysfunktionalität und Narration?
Graziani: Eine dysfunktionale Fotografie ist – stark vereinfacht – eine Fotografie, die nicht dazu dient, eine Bildunterschrift zu illustrieren. Sie verkörpert eine Position der Suche nach der Autonomie des Bilds – ein sehr feines Gleichgewicht.
Die Beziehung zur Bildunterschrift und zum Text interessiert mich sehr, allerdings im Sinne einer Umkehrung. Die Erzählung soll vom Betrachter erzeugt werden. In «Documents on Raphael» (Mousse, 2022) habe ich zum Beispiel verschiedene Personen gebeten, nach der Betrachtung eines Teils meiner Arbeit eine Bildunterschrift zu verfassen und diese zu einem kurzen Artikel auszuweiten.
Manione: Kehren wir zum Schluss zur Architektur zurück. Häufig haben Sie sich mit Gebäuden auseinandergesetzt, die eine präzise Identität besitzen: Einige waren Gegenstand Ihrer Forschung, andere haben sie aufgenommen und ausgestellt. Welche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten haben Sie darin festgestellt, einen Raum darzustellen oder von ihm dargestellt zu werden?
Graziani: Es ist nicht einfach, diese Frage rein rational zu beantworten. Spontan denke ich, dass man oft den Menschen ähnelt, mit denen man sich umgibt, und den Dingen, die einen umgeben – und folglich auch den Gebäuden, die man wählt oder die einen wählen.
Zusätzliche Informationen
Die Ausstellung «Reality Show» von Stefano Graziani im Teatro dell’Architettura di Mendrisio ist noch bis zum 26. März zu besichtigen.
Aus diesem Anlass wurde ein von Anna Banfi koordiniertes Katalogbuch mit Texten von Francesco Zanot, Marco Della Torre und dem Künstler selbst veröffentlicht.
Es erscheint bei Mendrisio Academy Press in Zusammenarbeit mit Silvana Editoriale; der Ladenpreis beträgt 12 Euro.
Weitere Informationen hier.