In vie­len Schrit­ten von der Fa­brik zum kli­ma­neu­tra­len Are­al

Die Transformation der Papier­fabrik Cham zu einem Wohn- und Arbeitsquartier mit 100 % klimaneutraler Energieversorgung und dem Erhalt eines grossen Teils des Bestands ist in vollem Gange. Ein Einblick in die Besonderheiten des Areals. 

Publikationsdatum
01-12-2025
Isabel Borner
Redaktorin Umwelt/Energie und Architektur espazium magazin

Die Entwicklung der Papierfabrik Cham liest sich wie ein Stück Schweizer Industriegeschichte. 1657 bauten zwei junge Unternehmer eine Mühle an der Lorze. 183 Jahre lang wurde dort mit einfachen Mitteln Papier produziert. 1840 wird die erste Maschine angeschafft und die Papierfabrik gegründet. 20 Jahre später begann die grossindustrielle Fertigung und fortan wurde die Papierproduktion in Cham zu einem zentralen Wirtschaftsfaktor. 1912 wurde die Papierfabrik in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und entwickelte sich zum grössten Betrieb des ganzen Ennetseegebiets, mit vielen Fabrikbauten, Werkstattgebäuden und Wohnsiedlungen. 

Nach einer Phase der Hochkonjunktur begann in den 1970er-Jahren die Deindustrialisierung der Schweiz. Darauf reagierte die Cham Paper Group zunächst mit Zu­käufen und Diversifikationen, dann mit einer radikalen Spezialisierung und Internationalisierung. In den 1980er-Jahren wurde schliesslich auf die Produktion von Spezialpapieren umgestellt. 2012 erlitt die Cham Paper Group aufgrund des starken Frankens und ihres grossen Umsatzanteils im Ausland hohe Verluste, verlagerte ihre Produktion nach Italien und strich 200 Stellen in Cham. 2015 schloss die «Papieri» nach 358 Jahren endgültig ihre Tore – ein herber Verlust für die Bevölkerung von Cham, aber auch eine Chance, das ehemals für die Öffentlichkeit unzugängliche Areal neu zu beleben.

Eine neue Ära

2012 stellte die Cham Paper Group ein Gesuch zur Umzonung des 12 ha grossen Papieri-Areals, um es in ein Wohn- und Arbeitsquartier umzuwandeln. Die Gemeinde unterstützte das Vorhaben unter der Bedingung eines mehrphasigen Planungsprozesses mit Beteiligung der Bevölkerung – eine Entscheidung, die den Grundstein für die qualitativ hochwertige Entwicklung legte. Bis zur Fertigstellung 2035 werden dort 1000 neue Wohnungen und 1000 neue Arbeitsplätze entstehen; momentan befindet sich die dritte Etappe von insgesamt sechs im Bau, zwei weitere sind in Planung.

Dieser Artikel ist erschienen im Sonderheft:

«Immobilien und Energie VIII: Potenzial transformierter Produktionsareale»

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Wichtig für die Akzeptanz in der Bevölkerung war die Etappierung über mindestens 15 Jahre. Nach anfänglichem Widerstand half die Umnutzung erster Bauten und die Öffnung des Geländes, Vertrauen zu schaffen. 2016 wurde der Bebauungsplan verabschiedet, basierend auf einem Richtprojekt von Albi Nussbaumer Architekten, Boltshauser Architekten und Appert Zwahlen Partner Landschaftsarchitekten. 

Das Areal liegt nördlich des Zentrums, zwischen Lorze und Knonauerstrasse, mit neuen Verbindungen für Fussgänger, MIV und ÖV. 40 % der ursprünglichen Gebäude bleiben erhalten. In den ost- und westseitigen Arealbereichen erfolgen bauliche Verdichtungen mit linear angeordneten Bauten parallel zu Knonauerstrasse und Lorze. In ihrer länglichen Ausdehnung orientieren sie sich an den bestehenden Hallen. Im Zentrum werden um das bestehende Kesselhaus und das Silogebäude herum fünf freistehende Hochhäuser angeordnet, die in Richtung Arealmitte ansteigen. Im Westen entstand am Fluss ein neuer Gassenraum; Treppenanlagen überwinden die Hangkante zum höhergelegenen Teil. Vier Tiefgaragen halten die oberirdischen Räume frei von Parkplätzen und ermöglichen eine minimale Ringerschliessung im Zentrum, erhöhen aber auch die CO2-Emissionen des Areals. Insgesamt werden jedoch die Zielwerte für die CO2-Emissionen von Erstellung, Betrieb und Mobilität nach SIA 2040 um 5 % unterschritten. 

Die im Gestaltungsplan vorgesehenen Höhenversprünge, Plätze, Durchwegungen und Flussanbindung schaffen ein stimmiges Ganzes. Atmosphärisches Highlight ist die neue Wegverbindung ins Zentrum, die den Flussraum und die industrielle Baukultur für Flaneure und Velofahrerinnen erlebbar macht. Das Freiraumkonzept sieht einen Verlauf von «urban geprägt» im Süden zu «landschaftsnah» gen Norden vor. «Urban» heisst dabei: Hartbeläge; «ländlich» heisst: begrünt und entsiegelt. Mit zunehmender Hitze in den Städten werden diese starren Kategorien hoffentlich bald ihre Trennschärfe verlieren.

Nicht nur erneuerbar, sondern auch vernetzt

Die Umstellung auf erneuerbare Energien ist zentral für die Energiewende. Um Energieverluste zu vermeiden und Lastspitzen fossilfrei abzudecken, ist daher die Kombination verschiedener Quellen entscheidend. Dank dem vernetzten Energiesystem wurde das Areal 2024 vom Bund mit dem Schweizer Gütesiegel für Energieexzellenz Watt d'Or ausgezeichnet. Zwischen 2021 und 2023 wurde das alte Flusskraftwerk durch ein neues ersetzt, das jährlich 1750 MWh Strom liefert. Die Leistung schwankt zwar mit dem Wasserstand der Lorze, ist aber viel konstanter als Solarstrom. 

Ergänzend erzeugen Photovoltaikanlagen auf den Dächern künftig 1500 MWh pro Jahr. Um möglichst viel Strom auf dem Areal zu nutzen, wurde ein «Zusammenschluss zum Eigenverbrauch» (ZEV) eingerichtet. Auf diese Weise können auch denkmalgeschützte Gebäude ohne PV-Anlage mit Strom versorgt werden. Die Speicherung des Stroms in Fahrzeugbatterien ist eine gute Möglichkeit, um Lastspitzen abzudecken; das bidirektionale Laden wurde auf dem Areal mit einem kantonalen Pilotprojekt realisiert. Darüber hinaus verfolgt die Papieri im Rahmen der Zug Alliance zurzeit gemeinsam mit In­dustriepartnern das Thema «Netzdienliches Laden».

Ein intelligentes Lastenmanagement stimmt Stromproduktion und -verbrauch optimal aufeinander ab und kann auf Wetterprognosen reagieren. Im Endausbau werden Wasser- und Solarkraft rund 40 % des Strombedarfs decken. Der Rest stammt aus erneuerbaren Quellen im öffentlichen Stromnetz. Die Wärme- und Kälteversorgung erfolgt über die thermische Energie der Lorze und Geothermie. Trotz strenger Vorschriften in der Nähe von Gewässern erlaubt das dichte Sedimentgestein Erdsonden auf dem Areal. Da die kombinierte Nutzung von Flusswasser und Geothermie schweizweit einzigartig ist, nimmt die Cham Swiss Properties mit der Ostschweizer Fachhochschule (OST) an einem vom Bundesamt für Energie unterstützten Forschungsprojekt der Internationalen Energieagentur (IEA) teil.

Die thermische Energie des Flusses wird auch zur Regeneration der Sonden genutzt. Ein Energiemanagementsystem wählt je nach Bedarf die optimale Quelle. Die grossen unterirdischen Anlagen des Energienetzes bleiben für Besuchende unsichtbar, treten aber durch ein Informationssystem in Erscheinung, das den Bewohnenden per Touchscreen ihren Wärme-, Kälte-, Warmwasser- und Stromverbrauch anzeigt und mit Vergleichswerten zum Energiesparen animiert. Energiesparen allein reicht nicht, es muss auch gut dokumentiert und kommuniziert werden.

Letztlich kamen für das Gelingen des Projekts einige Faktoren zusammen: eine Gemeinde, die ihre Verantwortung wahrnimmt; ein guter Masterplan, der den Bestand integriert; ambitionierte Nachhaltigkeitsziele und viele engagierte Personen in der Planung und Umsetzung.

Areal Papieri, Cham

 

Nutzung:     
Wohnen, Büro, Gewerbe

Fläche:        
110 000 m2

Status:       
Beginn 2020, Etappe 3 von 6

Kosten:      
rund 800 Mio. CHF

Zertifizierung:     
2000-Watt-Areal

Auszeichnung:     
Watt D’Or 2024

 

Bauherrschaft: 
Cham Swiss Properties, Cham 

 

Masterplan Areal: Bebauungsplan 
Boltshauser Architekten, Cham; 
Albi Nussbaumer Architekten, Cham

 

Landschaftsarchitektur: 

Etappen 1 und 2: Müller Illien Landschaftsarchitekten, Zürich; 

Etappe 3 und ff.: Studio Vulkan Landschaftsarchitekten, Zürich und München

 

Energieplanung: 
Andy Wickart Haustechnik, Zug; Alfacel, Pratteln; pom+Consulting, Zürich

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