«BIM ist ei­ne Da­ten­kra­ke»

Editorial

Digitalisierung über alles? Ein Bauingenieur hat TEC21 44/2018 «BIM für komplexe Projekte» kritisch gelesen und uns einen Brief geschrieben.

Publikationsdatum
29-11-2018
Revision
29-11-2018

«In vielen Fachzeitschriften und Medien wird BIM vorgestellt und gross ange­priesen. BIM ist Zukunft, und BIM ist der Königsweg. Gestatten Sie mir dazu ein paar persönliche ­Bemerkungen:

BIM ist zuallererst ein Kind der Softwareindustrie und weniger ein Bedürfnis der Planer: Die Softwareindustrie verdient daran, die Planer zahlen dafür. Es ist ja nicht so, dass man ohne BIM nicht bauen kann, denn unzählige komplexe Projekte wurden bisher erfolgreich ohne BIM realisiert. BIM verändert den Planungsprozess, der sich über lange Zeit entwickelt und bewährt hat – vom Groben zum Feinen und wieder zurück. Für die Software­industrie hat nicht das Bauen, sondern das Programm und die Daten bzw. deren Sammeln erste Priorität. Das verändert den Prozess in eine andere Richtung. Die Software­industrie gibt sich keine Mühe, auf den bestehenden Planungsprozess einzugehen. Es sind die Planer, die sich anpassen sollen. Ob das für das Bauen gut ist, mag ich bezweifeln. Wenn sich die Prozesse aber verändern, müssten auch die Aufgaben und die Honorare der Beteiligten neu definiert werden.

BIM schafft neue Aufga­ben und Probleme: Da verschiedene ­Programme trotz Schnittstellen selten kompatibel sind – das Problem liegt angeblich immer bei der anderen Software –, muss eine neue Stelle im Planungsprozess geschaffen werden: die des BIM-Koordinators. Er kümmert sich um den Datenaustausch und die Vernetzung. Doch bringt er auch einen Mehrwert fürs Bauen?

BIM löst Koordinationsprobleme der Gebäudetechnik: BIM mag gut sein für überforderte Haus­technikplaner. Die Methode kann ihnen die Problemstellen ­aufzeigen. Die Lösungen werden dann an aufwendigen BIM-Koor­dina­tionssitzungen von und mit allen erarbeitet. Aber eigentlich wäre es effizienter und besser, wenn jeder zuerst seine Hausauf­ga­ben machen würde. Oder ist BIM vielleicht ein Ersatz für das, was im bishe­rigen Planungs­prozess ­gefehlt hat – für einen richtigen Fachkoordinator?

BIM löst keine Probleme in Bezug auf die Einlagen in der Betondecke. Diese ist im Hochbau ein Tummelfeld aller: Heizung, Lüftung, Sanitär und unzählige Elektroleitungen zwängen sich in ein Korsett, das eigentlich die Tragfunktion übernehmen sollte. Die Koordination all dieser Funktionen findet nicht im BIM statt. Elektroleitungen in der Betondecke werden weder einzeln gezeichnet, noch verlegt sie ein ­Installateur nach einem detaillierten Plan. Der Bauingenieur hat nach wie vor die – unbezahlte – ­Aufgabe, das ­alles zu koordinieren und die Tragfunktion sicherzu­stellen.

BIM ist eine Datenkrake: BIM braucht viele Daten, Materialien müssen spezifiziert und mit Eigenschaften bzw. Kosten versehen und Flächen bzw. Volumina zugeordnet werden. Irgendwer macht diese Arbeit, und ein anderer wertet aus und profitiert. Berücksichtigen die Honorare diese Arbeit? Oder läuft es wie bei den meisten Datensammlern: Ganz viele leisten Gratisarbeit, und ganz wenige holen daraus den Nutzen und das Geld?»
 

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