Pas de deux fürs Tiefbauamt

Projektwettbewerb Neubau Tiefbauamt Lugano

Immer mehr Gemeinden schliessen sich der Stadt Lugano an, die deshalb wächst und wächst. Damit ist auch der Unterhalt der öffentlichen ­Räume komplexer und umfangreicher geworden. Ein neuer Werkhof im Norden der Stadt soll dafür eine zeitgemässe Infrastruktur bieten.

Jean-Pierre Wymann Architekt ETH SIA BSA

Durch Eingemeindungen hat sich die Bevölkerung der Stadt Lugano in den letzten 50 Jahren verdoppelt. Heute ist sie flächenmässig nach Zürich die zweitgrösste Stadt der Schweiz und besteht aus 21 Quartieren. Entsprechend gewachsen sind auch die ­Aufgaben für den Unterhalt der öffentlichen Räume. Die verschiedenen Standorte der zuständigen Betriebe sollen neu im Gebiet «Piano della Stampa» im Norden von Lugano zusammengefasst und effizienter organisiert werden. In die Zuständigkeit des Tiefbauamts fallen Strassenbau und -unterhalt, die Kanalisation und allgemeine Infrastruktur, die Stadtreinigung und Abfallentsorgung, die Pflege der Grünanlagen sowie die Bewirtschaftung des Fahrzeugparks. Der neue Werkhof soll Büros für die Verwaltung, Labors, Werkstätten, Lager, Garagen und verschiedene Aussenflächen umfassen.

Um Lösungsansätze für diese anspruchsvolle Aufgabe zu erhalten, schrieb die Stadt Lugano einen Projektwettbewerb im selektiven Verfahren aus. Die Anforderungen an die Planerteams aus Architekten, Bauingenieuren, Gebäudetechnikplanern, Bauphysikern und Brandschutzexperten wurden bewusst hoch angesetzt, um das Teilnehmerfeld einzugrenzen. Gerade einmal 13 Teams konnten die strengen Teilnahmebedingungen erfüllen und wurden zum Wettbewerb zu­gelassen.

Topografie nutzen

Das Preisgericht beschloss einstimmig, den Beitrag «Ginger e Fred» mit dem ersten Preis auszuzeichnen und zur Weiterbearbeitung zu empfehlen. Das Projekt besteht aus einem Sockel mit zwei aufgesetzten, länglichen Baukörpern. Dazwischen liegt der zentrale Zirkulations- und Arbeitsraum. Im Sockel sind die Fahrzeughallen für Last- und Lieferwagen untergebracht. Das schmale Betongebäude im Süden enthält die Lager, während gegenüber im breiteren Holzhaus die Werkstätten und darüber die Büros mit Blick gegen Norden auf den Monte Bar angeordnet sind. Die geschickte Nutzung der vorhandenen Topografie führt zu einer optimalen Entflechtung des Verkehrs mit einer unteren Zufahrt für Fahrzeuge im Süden und einem oberen Zugang für Personen im Norden. Auch der Fussgängerzugang zum Fluss Casserate überzeugt.

Die beiden Gebäude stehen auf einem massiven Betonsockel und sind unterschiedlich ausformuliert. Das kleinere ist aus dem Sockel ­heraus als Betonkonstruktion ent­wickelt. Das grössere ist aufgesetzt und besteht aus einem Tragwerk mit vorfabrizierten Fassadenelementen aus Holz. Es bietet mit dem modularen Aufbau eine grosse Flexibilität. Das architektonische Konzept ist einfach: Die verschiedenen Nutzungen werden mit wenigen Elementen schlüssig gegliedert und kohärent zueinander in Beziehung gesetzt.

Die Jury empfiehlt, die Materialisierung der Fassade und einige formale Aspekte zu vertiefen sowie den architektonischen Ausdruck auf das Wesentliche zu reduzieren.

Exaltiertes Tragwerk

Das Projekt «Lingotto» auf dem zweiten Rang sieht als Auftakt des Werkhofs ein schlankes Bürogebäude im Osten des Grundstücks vor. Dieses definiert eine Plattform, auf der die beiden Werkhallen liegen. Das klare Konzept besticht, nutzt aber die Möglichkeiten zur Vernetzung mit der Umgebung, insbesondere mit dem Flussraum, zu wenig. Funktional und organisatorisch erfüllt das Projekt die Vorgaben. Die grosse Geste des virtuosen, aussen sichtbaren Fachwerks für das ganz verglaste Bürogebäude bleibt aber unverständlich und wirkt für die vorgesehene Nutzung etwas übertrieben. Auch die Verkehrsführung, vor allem die überdeckte Fahrgasse und die Aufteilung der Lager auf verschiedene Geschosse, überzeugt nicht.

Klarer Raster

Der Beitrag «Agorà» wurde mit dem dritten Preis ausgezeichnet. Die verlangten Nutzungen sind in vier Gebäuden untergebracht, die einen zentralen Hof definieren. Die logische Disposition vermag zwar die funk­tionalen und betrieblichen Kriterien zu erfüllen, krankt aber in der Ausformulierung der Bezüge zur Umgebung. Die architektonische Klarheit mit der strengen Rasterfassade aus vorfabrizierten Betonelementen korrespondiert mit der vor­fabrizierten Tragkonstruktion aus Stützen, Trägern und Deckenelementen im Innern. Trotzdem kritisierte das Preisgericht die Konstruktion und vermisste eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Struktur.

Funktion und Form

Die Planung eines Werkhofs ist anspruchsvoll. Oft gilt es, Nutzungen mit unterschiedlichen Anforderungen an die Fläche und Höhe der Räume, an die Ausstattung und an die Haustechnik miteinander in einem Gebäude zu vereinen. Wichtig ist auch eine funktionierende Zirkulation von Liefer- und Lastwagen und die Entflechtung des Personen- und Fahrzeugverkehrs. Beim Grundstück für den neuen Werkhof Lugano kommt hinzu, dass das Gelände eine leichte Neigung gegen Süden aufweist. Die Gewinner haben den Standort und die komplexe Bauaufgabe sorgfältig analysiert und daraus die richtigen Schlüsse gezogen. Ihr Projekt überzeugt funktional und entspricht mit der zurückhaltenden Architektur der unspektakulären Aufgabe eines Werkhofs.

 

Weitere Pläne und Bilder finden Sie in der Rubrik Wettbewerbe.

 

Auszeichnungen

1. Rang, 1. Preis: «Ginger e Fred»
Epure Architecture et Urbanisme, Moudon; Passera & Associati, Lugano; Tecnoprogetti, Camorino
2. Rang, 2. Preis: «Lingotto»
Pietro Boschetti Studio d’architettura, Lugano; Pini Swiss Engineers, Lugano; Rigozzi Engineering, Giubiasco; Elettroconsulenze Solcà, Lugano; IFEC ingegneria, Viganello
3. Rang, 3. Preis: «Agorà»
Orsi & Associati, Bellinzona; Montemurro Aguiar Architetti, Mendrisio; Mauri & Associati, Davesco-Soragno; VRT, Lugano; Tecnoprogetti, Camo­rino; IFEC ingegneria, Viganello

Ankäufe

«Solaris»
Buzzi Studio d’architettura, Locarno; Sciarini, Gambarogno; Tecnoprogetti, Camorino; IFEC ingegneria, Viganello
«Bosco»
Studio Meyer e Piattini, Lamone; Ruprecht Ingegneria, Pazzallo; IFEC ingegneria, Viganello; Erisel, Bellinzona
«Logica del limite»
Luca Gazzaniga architetti, Lugano; Galli & Associati, Sant’Antonino; VRT, Lugano; IFEC ingegneria, Viganello

FachJury

Michele Bertini, Stellevertetender Bürgermeister Lugano (Vorsitz), Roberto Bianchi, Direttore Divisione spazi urbani – Città di Lugano, Gino Boila Direttore ­Divisione immobili – Città di Lugano, Fabrizio Gellera, Architekt, Minusio, Sandra Giraudi, Architektin, Lugano, Giovanni Guscetti, Architekt, Minusio

 

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