Ein zerschnittener Volkspark

Die Stadt Zürich will den nördlichen Siedlungsrand verdichten und als Kompensation ein Gartenareal zur öffentlichen Grünanlage umnutzen. Den Wettbewerb für das knapp drei Hektar grosse Areal gewann das Team um Hager Partner. Das Projekt überzeugt trotz Widersprüchen.

Paul Knüsel Umwelt/Energie, Stv. Chefredaktor TEC21

Zürich Nord ist ein Eldorado für Städtebauer und Immobilienentwickler (vgl. TEC21 44/2011). Hier lassen sich die Pläne für Hochhäuser und Umnutzun­gen relativ ungehindert abwickeln. Die Vielzahl jüngerer Geschäfts- und Wohnkomplexe provozierte ­bislang kaum oder gar keine Einwände ­seitens der Behörden oder der ­Quar­tierbevölkerung.

Nun rollt die nächste Entwicklungswelle auf die nördliche Zürcher Stadtgrenze zu. Doch diesmal hat der Wind gedreht: Die Bevölkerung wehrt sich gegen die geplante Überbauung eines öffentlichen Areals. An der verkehrsreichen Thurgauer­stras­se sollen Familiengärten einer weitflächigen Wohnüberbauung für etwa 1700 Personen weichen. ­Anwohner aus einem locker bebauten Einfamilienhausquartier protestieren vor allem gegen die Höhe, Dichte und den Schattenwurf der neu geplanten Nachbarschaft. Einige Korrekturen hat das Amt für Städtebau am Gestaltungsplan bereits vorgenommen; die Genehmigung durch das Gemeindeparlament steht al­ler­dings noch aus. Trotzdem soll es mit dem Aus­bau der öffentli­chen Infrastruktur vorangehen: ­Den Wettbewerb für ein neues Quartierschulhaus hat das Hochbaude­par­tement bereits 2017 durchgeführt.

Nun legt Grün Stadt Zürich mit dem Abschluss des Auswahlverfahrens für einen neuen Stadtpark nach. Die auf einem Areal von 3 ha vorgesehene Grünfläche soll, wie bei fast allen Zürcher Frei­raum­wettbewerben in jüngerer Zeit, auch dem Platzbedürfnis der Schule nebenan gerecht werden.

Ein Typus dominiert die Vielfalt

38 Landschaftsarchitekturbüros aus der Schweiz, Deutschland, Öster­reich, Italien und der Slowakei ­nahmen am Wettbewerb teil. Die Ein­gaben aus Zürich dominierten die Gesamtauswahl ebenso wie die Rangliste: Vier der sechs prämierten Entwürfe stammen von Lokalmata­doren. Und auch die vorgeschlagene Vielfalt wird von einem Typus eindeutig überstimmt: dem «Volkspark» mit offener Grünfläche im Zentrum und einem Kranz aus Bäumen und Flanierpfad rundherum – die Josefswiese im Kreis 5 oder die Bullingerwiese im Quartier Aussersihl sind Referenzen aus der Zür­cher Kernstadt. Doch sie beanspruchen jeweils die Mitte eines Block­rand­gevierts. Der neue Park muss dagegen städtebaulich Trennendes überwinden. Funktional bildet er ein Scharnier für die sich verdichten­de Umge­bung, und räumlich hat er die Zäsur zwischen konträren Sied­lungsstrukturen und Mass­stäben zu puffern.

Zum Wettbewerbssieger kürte die Jury dennoch «Terra Nova» von Hager Partner, dessen Adaption der Central-Park-Idee am deutlichsten erkennbar ist. Das Gremium anerkennt die «ruhige Ausstrahlung» und die «flexible Nutzbarkeit» des Entwurfs. Dafür räumt dieser die  bestehenden Hindernisse ganz entschieden aus dem Weg: Das Gesamtgefälle von 14 m wird vornehmlich an steil abgestuften, bestockten Rändern überwunden; die Spiel- und Rasenflächen konzentrieren sich, wie bei vielen anderen Ent­würfen auch, auf offene Senken im nördlichen Bereich. In den ebenfalls prämierten Projekten «Herzstück» auf Rang 2 (Franz Reschke Landschaftsarchitektur) oder «Vividus» auf Rang 6 (vetschpartner Landschaftsarchitekten) werden sie durch ein kleinteiliges Parkbild aus topografischen Elementen, Flächen und Passagen ergänzt.

Noch unterschiedlicher fallen die Ideen für den Eingang an der Thurgauerstrasse aus, der sich als schmale Zone zwischen Schule und Hochhaus einzufügen hat. Das Siegerprojekt wählt den nahtlosen Zutritt, dem ein Mosaik aus Pocketparks und in den Boden eingelegten Wasser- und Wiesenfeldern folgt. Einen abgeschirmten Auftakt be­vorzugen dagegen «Riedbüel» auf Rang 4  (studio boden, Landschaftsarchitektur + Städtebau) und «Tre» auf Rang 5 (Beglinger + Bryan Landschaftsarchitektur), wobei auch hier die hauptsächlichen Gestaltungsmittel Bäume, Pfade und Wiesen sind. Moderne Elemente eines Stadtparks wie Treppen oder künstlich markierte Geländemodellierungen tauchen in den prämierten Entwürfen sowieso nur spärlich auf.

Der Blick auf die weitere ­Umgebung von Zürich Nord führt sogar zur überraschenden Erkenntnis: Im dynamischen Stadtraum Neu-Oerlikon sind vor gut zehn Jahren einige hochgelobte, modern ausgestattete und identitätsstiftende Stadtparks entstanden. Im aktuellen Wettbewerb knüpft jedoch nur ein einziger Entwurf daran an: Mit einem gros­sen Rutschturm wagt auch das drittplatzierte Projekt nur eine schüchterne Avance.

Quartierstrasse für Autos befahrbar

Und auch mit dieser Fokussierung sah die Jury die eingereichten Entwürfe durch: Der Rasenplatz, der funktional zur Schule gehört, liege «richtigerweise» im entfernten nördlichen Parkbereich. Den Grund für diese Präferenz führt das Gremium allerdings nicht aus.

«Summerdays» auf Rang 3 (Andreas Geser Landschaftsarchitekten) wählte eine konträre An­ordnung. Die offene Wiese direkt beim Parkeingang wird da­bei zum dramaturgischen Gewinn: Die Intimität des Raums nimmt mit der ­Distanz zur Verkehrsachse zu, und die Nutzungsbereiche profi­tieren von der flächenmässigen Gleichberechtigung.

Ein Widerspruch zur erwünschten Offenheit des neuen Parks ergibt sich daraus, dass die zur Verfügung gestellte Fläche nur teilweise frei bespielbar ist. Das alte Schützenhaus, ein Backsteinbau, der den Familiengärtnern als Treffpunkt dient, soll auf Empfehlung des Auslobers stehen bleiben; zudem ist die bestehende Quartierstrasse mitten durch das Areal als Tempo-­20-Zone für Autos offen zu halten. Die meisten Entwürfe wählten dabei die pragmatische Strategie, diese Bestände zu integrieren. Der Mut einzelner Vorschläge, auf das Ge­bäude zu verzichten, wurde dagegen nicht belohnt. Der Gewinn dabei wäre gewesen, dass sich der südliche Park­bereich akzentuierter und eigenständiger erlebbar hätte machen können.

Überraschend nonchalant ist der Umgang des Siegerprojekts mit der Quartierstrasse, die den Park zerschneidet. Ohne Niveauunterschiede, Bauminseln oder andere trennende Strukturen wird sie als breites Band quer hindurchgeführt. Es scheint, als hofften die Verfasser auf die Einsicht der Stadt, diese ­Verbindung für den motorisierten Ver­kehr früher oder später zu kappen. Wohl nur dann kann dieser ver­sie­gelte Platz zu einer einladenden Begegnungszone in der Parkmitte werden, direkt vor dem alten Schützen­­haus. Wie bereits im Wettbewerbsprogramm angekündigt, soll aber auch die Quartierbevölkerung bei der ­Realisierung mitreden dürfen. Und solange der Gestaltungsplan für die benachbarte Grossüber­bauung nicht verbindlich ist, wird ­ohne­hin nichts gebaut. Ein Eröf­f­nungs­termin für den Park ist somit derzeit nicht absehbar.

 

Weitere Pläne und Bilder finden Sie in der Rubrik Wettbewerbe.

Auszeichnungen

1. Rang, 1. Preis: «Terra Nova»
Hager Partner, Zürich; raumdaten, Zürich; Kerst-Beratungen, Uetikon am See; Basler & Hofmann, Zürich
2. Rang, 2. Preis: «Herzstück»
Franz Reschke Landschaftsarchi­tektur, Berlin; Jan Derveaux, Berlin
3. Rang, 3. Preis: «Summerdays»
Andreas Geser Landschaftsarchi­tekten, Zürich; Alex Willener Luzern; topos Marti & Müller, Zürich; Bernath + Widmer Architekten, Zürich
4. Rang, 4. Preis: «Riedbüel»
studio boden, Landschaftsarchi­tektur + Städtebau, Graz
5. Rang, 5. Preis: ­«Tre»
Beglinger + Bryan Landschafts­architektur, Zürich
6. Rang, 6. Preis: ­«Vividus»
vetschpartner Landschafts­­archi­tekten, Zürich

Fachjury

Paul Bauer, Stv. Direktor Grün Stadt Zürich (Vorsitz)
Lars Ruge, Landschaftsarchitekt, Zürich
Gudrun Hoppe, Landschaftsarchitektin, Zürich
Massimo Fontana, Landschaftsarchitekt, Basel
Susanna Stricker, Landschaftsarchitektin, St. Gallen
Caspar Bresch, Amt für Städtebau, Zürich
Ursula Müller, Amt für Hochbauten, Zürich (Ersatz)

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