Kommt der Nationalpark im Locarnese?

Den beharrlichen Bemühungen zur Gründung eines Nationalparks im Tessin könnte Erfolg beschieden sein. Stimmt die Bevölkerung der acht beteiligten Gemeinden am 10. Juni 2018 dem Vorhaben zu, würde der zweite Nationalpark in der Schweiz entstehen. Zentral sind die fünf bestehenden Naturwaldreservate, die vergrössert werden sollen, sowie die Zusammenarbeit mit vier italienischen Nachbargemeinden.

Lukas Denzler Journalist, Korrespondent TEC21

Der Parco Maia ist ein bewaldeter Hügel zwischen Arcegno und Losone westlich von Locarno. Seit 1998 ist das Gebiet ein Naturwaldreservat. Auf 100 Hektaren wird hier kein Holz mehr genutzt. «Um die Bürgergemeinden und die politische Gemeinde vor 20 Jahren dafür zu gewinnen, war viel Überzeugungsarbeit nötig», erinnert sich Roberto Buffi, der damals den Forstkreis in Locarno leitete. «Die Bereitschaft war erst da, als ich zeigen konnte, dass in den angrenzenden Wäldern mehr als genug Holz für den lokalen Bedarf genutzt werden kann.»

Im Parco Maia, einem beliebten Naherholungsgebiet, wachsen vor allem Laubhölzer: Eichen, Kastanien, Linden, Ahorne, Kirschen und Buchen. Inzwischen liegt auch viel Holz am Boden. Das war früher anders. Wie fast alle Wälder im Tessin ist auch dieser Wald stark genutzt worden. Aufgrund der Übernutzung und der mageren Böden wuchsen die Bäume allerdings nur langsam. Der Wald dürfte vor allem als Nahrungsquelle für Schweine gedient haben. Laut Buffi könnte der Name «maia» seinen Ursprung in «maiale» haben, dem italienischen Wort für Schwein. Nun erholt sich der Wald. «Die enorme Fähigkeit der Natur, sich zu regenerieren, zeigt sich hier eindrücklich», stellt Buffi fest.

Tatsächlich boten die Tessiner Täler vor 150 Jahren ein komplett anderes, oftmals tristes Bild. Die Nutzung der Wälder war durch Raubbau gekennzeichnet. Kahle, steile Hänge begünstigten Erosion und Humusverlust. Um die kinderreichen Familien ernähren zu können, bewirtschafteten die Bauern jede nutzbare Fläche. Und doch mussten viele junge Menschen auswandern. Diese Geschichte steht in scharfem Kontrast zu den heute friedlich anmutenden und nahezu gänzlich bewaldeten Tälern. Was ist da passiert?

Die Rückeroberung des Walds

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist es zu einem starken Rückgang der Land-, Alp- und Waldwirtschaft gekommen. In keiner Schweizer Region dehnte sich der Wald so stark aus wie auf der Alpensüdseite. Sein Anteil ist von etwa einem Viertel Ende des 19. Jahrhunderts auf über die Hälfte des Territoriums angestiegen. Gemäss Erhebungen des Schweizerischen Landesforstinventars liegt auf mehr als 60 % der Waldflächen auf der Alpensüdseite der letzte forstliche Eingriff mehr als 50 Jahre zurück. Dieser Anteil ist doppelt so hoch wie im eigentlichen Alpenraum. Eine solch starke Ausdehnung des Walds ist global gesehen die Ausnahme; vielerorts wird der Wald auch heute noch zurückgedrängt und zerstört.

Der Vormarsch des Walds auf der Alpensüdseite erfolgte im Wesentlichen zwischen 1950 und 1980. Der in der Schweiz präzedenzlose Rückgang der forstwirtschaftlichen Nutzung ermöglichte ab 1992 die Etablierung mehrerer Naturwaldreservate. Dass diese realisiert werden konnten, daran war Roberto Buffi als Kreisförster massgeblich beteiligt.

Heute beherbergen das Locarnese und das Maggiatal sechs grössere Waldgebiete, die mehrheitlich der freien Naturentwicklung überlassen werden. Fünf davon befinden sich im Perimeter des geplanten Nationalparks, dem Parco Nazionale del Locarnese. Nach rund 15 Jahren Planung biegt dieses Projekt nun auf die Zielgerade ein. Am 10. Juni 2018 können die Stimmberechtigten der acht beteiligten Gemeinden Brissago, Ronco s./Ascona, Ascona, Losone, Terre di Pedemonte, Centovalli, Onsernone und Bosco Gurin an der Urne über die Gründung des Nationalparks befinden.

Die Naturwaldreservate im Parkperimeter decken die grosse Vielfalt der Waldtypen im Locarnese ab. Der Parco Maia bei Arcegno repräsentiert die Laubmischwälder der tiefen Lagen. Oberhalb von Brissago befindet sich ein für die Schweiz einmaliger Wald, der Bosco Sacro di Mergugno. Sein Markenzeichen ist der Alpen-Goldregen. Das Alter einiger Bäume beträgt mehrere Jahrhunderte. Die knorrigen Exemplare, die im Mai-Juni blühen und stark duften, verleihen dem Wald ein zauberhaftes Aussehen. Auf der Rückseite der ersten Bergkette befindet sich im Centovalli das Buchenwaldreservat von Palagnedra. Die beiden nördlich davon gelegenen Täler, das Onsernonetal und das Vergeletto, zeichnen sich durch zwei grosse Reservate mit Buchen, Weisstannen und Fichten aus. Vor allem dasjenige im Onsernonetal beeindruckt durch viele Weisstannen und seine Natürlichkeit. Das Waldreservat im Vergeletto existiert bereits seit 1992 und ist das älteste im Kanton Tessin. Es gehört auch zu den 15 Naturwaldreservaten der Schweiz, die bezüglich der Waldentwicklung intensiv untersucht werden.

Ein Nationalpark der neuen Generation

Ein Nationalpark der neuen Generation existiert in der Schweiz bisher noch nicht. Im Unterschied zum bisher einzigen Nationalpark der Schweiz, demjenigen im Unterengadin, der durch einen absoluten Schutz charakterisiert ist, beherbergen die neuen Nationalpärke Kernzonen, in denen grundsätzlich eine freie Naturentwicklung stattfindet, wobei klar begrenzte und begründete Ausnahmen, etwa für die Alpwirtschaft, rechtlich möglich sind. Einen wichtigen Pfeiler stellt zudem die Umgebungszone dar, in der Projekte zur Pflege und Aufwertung der Kulturlandschaft oder zur Stärkung eines naturnahen Tourismus umgesetzt werden sollen. Weil der Bund ein Interesse an zusätzlichen grossen Schutzgebieten sowie an neuen Impulsen für die Regionalentwicklung in peripheren Regionen hat, unterstützt er neue Nationalpärke zusammen mit den Kantonen finanziell.

Neben der Bedeutung für den Naturschutz ist ein neuer Nationalpark deshalb auch für die Bevölkerung wichtig. «Im Park wird gelebt und gearbeitet», erläutert Samantha Bourgoin, die Direktorin des Nationalparkprojekts. «Und er soll auch besucht werden.» Dafür ist es aber nötig, die Infrastruktur für Gäste sanft auszubauen. Der Park sei wie ein weiteres Standbein für die Region, sagt Bourgoin. Es gehe auch ohne, aber mit dem Park stehe die Region stabiler da, und Projekte könnten einfacher und schneller realisiert werden. Nützlich sei ein Nationalpark der neuen Generation vor allem für die Zusammenarbeit der Akteure, der Regionalplanung sowie der Kommunikation.

Rückschläge und ein Wasserkraftprojekt

Der Weg bis zur Abstimmung in den Gemeinden verlief keineswegs geradlinig. Zahlreiche Rückschläge stellten das Projekt immer wieder infrage. Die grösste Krise entstand, als sich die Gemeinden Cevio, Cerentino und Campo zurückzogen. Damit fiel die Parkfläche unter eine kritische Grösse. Mit dem Einbezug von Ascona, Ronco s./Ascona und Brissago gelang es den Parkpromotoren jedoch, den Parkperimeter bis an den Lago Maggiore auszuweiten. Zudem lancierten sie die Idee, mit dem angrenzenden Italien zu kooperieren. Im Fokus steht dabei das italienische Valle dei Bagni. Die Geländekammer zuhinterst im Onsernonetal ist naturräumlich eng mit der Schweiz verbunden, so entwässern etwa die Bäche in den Isorno, der durch das Onsernonetal fliesst.

Vor zehn Jahren bedrohte ein italienisches Wasserkraftprojekt die Idee des Nationalparks der Tessiner. Kurz vor der Staatsgrenze sollte ein grosser Teil des Wassers des Isorno in einen Stollen abgezweigt und für die Stromproduktion ins italienische Valle Vigezzo übergeleitet werden. Die Schweiz hatte sich vehement dagegen gewehrt. Aber auch in den italienischen Gemeinden hatte sich starker Widerstand formiert, sodass das Projekt vor einigen Jahren scheiterte.

Zusammenarbeit mit Italien

Dank den grenzüberschreitenden Kontakten entstand die Idee, im Rahmen eines europäischen Interreg-Projekts die Ruinen des Heilbads von Craveggia gemeinsam für eine touristische Nutzung im Sommer zu sichern und aufzuwerten. Es war seit seiner Zerstörung durch eine Lawine 1951 immer mehr dem Zerfall ausgesetzt gewesen. Seit 2015 sind die alten Badewannen im Keller des historischen Gebäudes wieder zugänglich, zwei moderne mit Heilwasser gespeiste Wannen und zwei Kneippbecken laden zum Baden und Verweilen ein. Das Projekt ist exemplarisch für das Vorgehen der Parkpromotoren: im Stillen wirken, Zusammenarbeit fördern, lokale Initiativen aufnehmen, gemeinsam Projekte realisieren – und so aufzeigen, was möglich ist.

Offenbar überzeugte der Wille der beteiligten Gemeinden zur Zusammenarbeit die nationalen Regierungen in Rom und in Bern. Im Februar dieses Jahres ebnete der Bundesrat mit der Genehmigung eines Staatsvertrags mit Italien und der Anpassung der Verordnung über die Pärke von nationaler Bedeutung den Weg für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Der Staatsvertrag tritt aber nur in Kraft, wenn die Bevölkerung auf Schweizer Seite dem Nationalpark zustimmt.

Für das Schweizer Nationalparkprojekt ist es wichtig, dass durch die Kooperation mit Italien die nach schweizerischem Recht geforderte Fläche von mindestens 75 km2 rechtlich verbindlich geschützter Gebiete mit Kernzonenqualität erreicht wird. «Die italienischen Kommunen scheiden auf ihrem Gebiet Schutzgebiete nach italienischen Recht aus», erläutert Samantha Bourgoin das Vorgehen. «Und wir realisieren bei einem positiven Abstimmungsergebnis auf der Tessiner Seite die Kernzonen für einen Nationalpark nach schweizerischem Recht.» Dabei werde auf beiden Seiten der Grenze ein äquivalenter Schutzgrad angestrebt.

Auf Schweizer Seite ist vorgesehen, von der gesamten Parkfläche von 218 km2 (entspricht der Fläche des Neuenburgersees) etwas mehr als 60 km2 (entspricht der Fläche von Bieler- und Murtensee zusammen) als Kernzone auszuscheiden. Konkret würden die bestehenden Waldreservate und Wildschutzgebiete erweitert. Von den geplanten Kernzonen sind bereits heute 24 % als Waldreservate und 40 % als Wildschutzgebiete ausgeschieden. Hier wäre künftig keine Holznutzung mehr möglich, was bereits heute weitestgehend der Fall ist. Auch das Sammeln von Pilzen und Beeren sowie die Jagd und Fischerei wären untersagt – mit Ausnahme der Regulierung der Wildschweine, deren ungebremste Vermehrung sonst zu grosse Probleme bereiten würde.

Viele Flächen mit Kernzonenqualität

Die Fläche der Kernzone macht rund 28 % der gesamten Parkfläche aus. Die Kernzonen sind mit Einschränkungen verbunden. Bei der Bevölkerung stösst dies naturgemäss auf Skepsis. Pippo Gianoni, der beim Nationalparkprojekt für die wissenschaftlichen Grundlagen und Forschung zuständig ist, betont, bereits heute würden 80 bis 90 % des ganzen Parkperimeters eigentlich die Qualität von Kernzonen aufweisen. Damit ist die ökologische Vernetzung gewährleistet. Dies illustrieren auch Daten das Schweizerischen Landesforstinventars. Demnach liegt nämlich mit knapp 170 km2 der grösste zusammenhängende Waldkomplex der Schweiz im Gebiet des vorgesehenen Nationalparks. Aus diesem Grund ist auch keine Kompensation in Form von 10 % mehr Kernzonenfläche zu leisten, was die Pärkeverordnung fordert, falls die Kernzone in verschiedene Teile gegliedert und die ökologische Vernetzung zwischen den Gebieten nicht gewährleistet ist.

Zu den Besonderheiten der Region zählt, dass im Locarnese eine ausserordentlich vielfältige Natur auf relativ kleinem Raum anzutreffen ist. Auf den Brissagoinseln im Lago Maggiore herrschen klimatisch ausgesprochen milde Verhältnisse mit subtropischer Vegetation, während sich wenige Kilometer nördlich wilde Bergtäler mit tiefen Schluchten, Felsblöcken und reissenden Bächen anschliessen. Zuhinterst im Valle di Vergeletto und in Bosco Gurin findet man sich im Hochgebirge wieder. Ein Symbol dafür sind die Steinbockkolonien.

«Der Nationalpark würde sich ideal in das Netzwerk der Schutzgebiete im Alpenraum einfügen», sagt Pippo Gianoni. Die Region befinde sich biogeografisch am Schnittpunkt zwischen West- und Ostalpen, zwischen Süd- und Nordalpen. Exemplarisch zeigt sich diese etwa an den wenigen Arvenbeständen, die sich genetisch einem Südalpentyp zuordnen lassen, während die Arven im Wallis zu einem Westalpentyp und diejenigen in Graubünden zu einem Ostalpentyp gehören. Kulturell spiegelt sich das Phänomen der Kontaktzone ebenfalls. Die insubrische Kultur des Locarnese stösst auf die Tradition der Walser in Bosco Gurin, dessen Bewohner teilweise immer noch walserdeutsch sprechen.

Unbehagen gegenüber zu «viel» Natur

Also eine klare Sache mit diesem Nationalpark? Nicht unbedingt. Die markante Ausdehnung des Walds während der vergangenen Jahrzehnte wird im Tessin von vielen Menschen als Verlust der ehemaligen Kulturlandschaft gesehen. Die Kernzone steht für viele Menschen als Inbegriff für eine ungebremste Rückeroberung der Natur. Das erzeugt Wehmut. Die ruralen Wurzeln schlagen durch, die eigene Identität ist infrage gestellt – auch wenn niemand sich die von Armut und Auswanderung geprägte Epoche der Vorfahren zurückwünscht.

Dabei geht oft vergessen, dass Kernzonen und freie Naturentwicklung nur eine Seite der Schweizer Nationalpärke der neuen Generation darstellen. Auf der anderen Seite stehen Projekte, die in der Umgebungszone unter anderem genau die Erhaltung der Kulturlandschaft zum Ziel haben. Dazu gehören auch Initiativen, die der Förderung des naturnahen Tourismus dienen – und somit den von Abwanderung betroffenen Tälern eine neue ökonomische Perspektive eröffnen.

Gelingt es im kommenden Juni, einen neuen Nationalpark zu gründen – die acht Tessiner Gemeinden würden Geschichte schreiben. Beim Parc Adula – dem anderen Schweizer Nationalparkprojekt – ist das vor zwei Jahren noch gescheitert.
 

Das Buchenwaldreservat im Valle di Lodano
Ein weiteres grosses Naturwaldreservat von 766 Hektaren liegt direkt angrenzend an den vorgesehenen Nationalpark im Valle di Lodano nordwestlich von Maggia. Dieses zog jüngst einige Aufmerksamkeit auf sich, weil eine Expertengruppe des Bundes diesen Buchenwald zusammen mit einem Buchenreservat am Bettlachstock im Kanton Solothurn für das UNESCO-Weltnaturerbe der europäischen Buchenwälder vorschlug. Diese würden, falls die UNESCO zustimmt, andere Buchenwälder in mehreren europäischen Ländern ergänzen, die bereits heute zum UNESCO-Weltnaturerbe gehören. Informationen: http://valledilodano.ch/de

 

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