Mei­ster Yo­da auf den Wol­fse­be­nen

Nach einer anspruchsvollen Bauphase ist das Quartierzentrum von Plaines-du-Loup fertiggestellt. Lehm, Holz und Hanfkalk prägen das zweigeschossige Gebäude. Nun zeigt sich, ob der ungewöhnliche Material- und Konstruktionsansatz im Betrieb überzeugt und für die folgenden Etappen des neuen Quartiers richtungsweisend sein kann.

Data di pubblicazione
29-10-2026
Isabel Borner
Redaktorin Umwelt/Energie und Architektur espazium magazin

Im Juli 2025 berichtete Camille Claessens-Vallet an dieser Stelle bereits von der Baustelle des neuen Quartierzentrums von Plaines-du-Loup. Und schon dort lagen mit «Die Rache der drei kleinen Schweinchen» Vergleiche zu Märchen nahe ... Heute ist das Haus fertig. Und es steht wie ein kleiner Gegenentwurf neben dem dicht bebauten Quartier. Um die Erwartungen an das Quartierzentrum und seine Rolle zu verstehen, lohnt es sich, die Entwicklung des Stadtteils Plaines-du-Loup etwas genauer anzuschauen: Das im Norden von Lausanne gelegene Ecoquartier mit einer Fläche von 30 ha soll bis 2034 rund 8000 Bewohnende und 3000 Arbeitsplätze beherbergen. 

Gemäss den Vorgaben der Stadt Lausanne wurde es nach den Anforderungen der 2000-Watt-Gesellschaft entwickelt und setzt auf hohe Energieeffizienz und erneuerbare Energien. 2025 wurde die erste von vier Etappen mit 23 Wohnblöcken fertiggestellt. Die Heizung und Warmwasseraufbereitung erfolgen durch Erdwärme, verbunden mit Wärmepumpen und Wärmerückgewinnung aus dem Abwasser. Solaranlagen erzeugen einen Teil des Stroms, der für die Wärme- und Umlaufpumpen benötigt wird. Das System ist so konzipiert, dass es den Wärmebedarf vollständig aus erneuerbaren Energien deckt und keine Treibhausgasemissionen verursacht.

Auch in Bezug auf Schwammstadtprinzipien ist das Quartier vorbildlich, weil diese Themen bereits während der Konzeptphase integriert wurden. Das Quartier ist autofrei; die Parkplätze liegen in einem zentralen Parkhaus. Dadurch konnten die Flächen weitgehend von Untergeschossen freigehalten werden und bieten der Vegetation ausreichend Wurzelraum. Auch der Boden der ehemaligen Sportanlagen wurde aufbereitet und für die Bepflanzung wiederverwendet. 

Besondere Bedeutung haben die Freiräume angesichts der Dichte: Die zum Teil neungeschossigen Gebäude stehen eng beieinander, während unterschiedliche Gebäudeformen vielfältige Aussenräume schaffen. Mäandrierende Baukörper, Zacken sowie U- und L-Formen wechseln sich in den von 23 Architekturbüros entworfenen Wohnblöcken ab. Zwischen halbprivaten Innenhöfen und öffentlichen Plätzen entstehen unterschiedliche Orte der Begegnung.

Vier Häuser in einem

Doch bei der grauen Energie zeigt sich die Schwachstelle des Konzepts. In der Presse wurde kritisiert, die Gebäude seien zu hoch und zu dicht; für ein Ecoquartier werde zudem zu viel Beton und damit graue Energie eingesetzt. Als Reaktion darauf formulierte die Stadt Lausanne für den Studienauftrag des Quartierzentrums weitreichende Vorgaben: Es sollte aus geo- (mineralische/erdgebundene Basis) und biogenen (nachwachsende biologische Rohstoffe) Materialien entstehen und als lebhafter Ort verschiedenste Nutzungen aufnehmen. Ein Teil des Gebäudes sollte in einem partizipativen Prozess gemeinsam mit Bewohnenden des Quartiers erstellt werden. 

Das junge Lausanner Büro Joud Beaudoin Architectes entschied den Studienauftrag für sich. In Bezug auf den Umgang mit bio- und geogenen Materialien wurde es von Peter Braun von Normal Office und Julien Hosta von CRAterre beraten.
Ihr Vorschlag sind vier eigenständige Volumen mit jeweils eigenem Programm – vier Häuser in einem –, die über einen öffentlichen Raum verbunden sind, der als Foyer und Cafeteria dient. So finden Theatersaal, Aula mit 140 Plätzen, Büros, ausserschulische Betreuung und vier Mehrzweckateliers unter einem Dach Platz. Lehmwände sorgen für die akustische Trennung im Inneren. Das zweigeschossige Foyer bildet das räumliche Zentrum.

Die Sprache des Materials

Von aussen zeichnen sich das Foyer und die einzelnen «Häuser» durch vor- und zurückspringende Volumen sowie unterschiedliche Fensterformate ab. Die Fassade wird von einer Holzrahmenkonstruktion getragen, die innen mit 30 cm vorgefertigtem Hanfkalk ausgefüllt und aussen mit einer 17 cm starken, vor Ort gestampften Hanfkalkschicht geschlossen ist. Eine Dämmschicht war nicht notwendig, weil das Material zugleich Wetterschutz und Dämmung übernimmt. Im Inneren tragen 45 cm dicke Stampflehmwände. Der Zugang erfolgt auf allen vier Seiten im zentralen Erschliessungsraum und verbindet das Gebäude schwellenlos mit dem Park.

Das Haus liegt etwas abseits der dichten Bebauung, umrahmt vom Grün der Wiesen und Haine. Der Blick gen Osten mutet sehr ländlich an, was sich durch die weidenden Schafe noch verstärkt. Beim Betreten fällt auf, wie frisch es riecht. Die Atmosphäre ist entspannt, fast kontemplativ. Im Gegensatz zu den hohen, überwiegend in Beton erstellten Wohnblöcken erinnert das zweigeschossige Gemeindezentrum mit seiner hellbraunen Hanfkalkfassade an Meister Yoda. Unbeeindruckt vom hektischen Treiben der Nachbarschaft steht er da und erteilt seine Lehren in Hanf, Lehm und Holz. Drüben wimmelt es von Menschen; geschäftig verfolgen sie ihre täglichen To-dos zwischen Arbeit, Freizeit und Sozialleben. Im zweigeschossigen Gemeindezentrum hingegen scheint sich die Zeit zu verlangsamen.

An diesem Donnerstagmorgen sind Spielgruppen zu Gast, im Konzertsaal wird die Veranstaltungstechnik installiert und im zentralen Café lesen Quartierbewohnende ihre Zeitung. Durch die grossen Fenster fällt Licht herein, der helle Terrazzo verstärkt die lichte Atmosphäre. Trotz der vielen gleichzeitigen Aktivitäten ist die Akustik angenehm gedämpft.
Die Wände mit ihrer rauen Haptik und der lebhaften Oberfläche machen neugierig. Es scheint, der wegen der vielen Sommergewitter schwierige Bauprozess ist völlig vergessen, die Narben an den Wänden verschwunden.

Ein neues Kapitel für Plaines-du-Loup?

Lorraine Beaudoin erinnert sich, dass in der Bauphase fast täglich Personen vorbeikamen, die ihre Skepsis gegenüber dem Bauwerk äusserten. Sie habe noch nie ein Gebäude erstellt, das so viel kommentiert wurde und wird. Es scheint, als träten die Besuchenden mit ihm in einen Dialog. Mittlerweile seien die Kommentare der Quartierbevölkerung und der Öffentlichkeit durchweg positiv, fast schwärmerisch.

Was sie beim nächsten Mal anders machen würde? Die Baustelle von Anfang an komplett einhausen und mit einem mobilen Kran arbeiten. So wäre der Lehm vor Regen geschützt und die Unternehmen hätten weniger wetterbedingte Ausfälle.
Vielleicht kann das Gemeindezentrum Impulsgeber für die zweite Etappe von Plaines-du-Loup sein? Die nächsten Wohnbauten werden vermutlich nicht alle zu kleinen Yodas. Aber vielleicht bleibt etwas von seiner Lehre: hier Lehmputz, dort eine Hanfkalkfassade, andernorts eine Lehmsteinwand.
 

Quartierzentrum von Plaines-du-Loup, Lausanne
 

Bauherrschaft
Stadt Lausanne

Architektur
Joud Beaudoin Architectes, Lausanne

Bauingenieurwesen
2M Ingénieurs, Yverdon-les-Bains

Holzbauingenieurwesen
Ratio Bois, Ecublens

Lehmbauingenieurwesen
Normal Office, Fribourg

Haustechnik
AZ ingénieurs, Lausanne

Elektrotechnik 
Perrin & Spaeth, Crissier

Bauphysik 
Enpleo, Lausanne

Lehmspezialist 
Julien Hosta

Stampflehmbau 
ADV Construction, Penthaz

Fertigstellung
Herbst 2025

Kosten
ca. 9.5 Mio. Fr. 

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